Aug 142017
 
Herbert Schui auf dem Landesparteitag der LINKEN Hamburg im Juni 2016

Herbert Schui auf dem Landesparteitag der LINKEN Hamburg im Juni 2016, Foto: Florian Muhl

Save The Date: Wochenende vom 24. bis 26. November 2017 am Fachbereich Sozialökonomie der Universität Hamburg (ehem. HWP), Von-Melle-Park 9, 20146 Hamburg

Eine Lösung ist von einem höheren Wesen oder von einem entkultivierten und rabiaten Bürgertum nicht zu erwarten. Da hilft nur eines: Die große Mehrheit, die von Arbeit lebt, Erwerbsarbeit sucht, wegen geringen Lohns zu wenig Altersrente hat, noch in der Ausbildung ist, all die müssen die Sache selbst in die Hand nehmen. Da hilft kein Bewerbungstraining für Stellen, die es nicht gibt. Also weg mit der Resignation, mit der Selbstbezichtigung, dass Armut und Arbeitslosigkeit der eigene Fehler gewesen sei! Trainieren wir stattdessen, uns selbst um die öffentlichen Angelegenheiten zu kümmern […] Packen wir die Sache an mit Solidarität und Elan – geduldig und beharrlich! Es ist viel zu tun.“ (Herbert Schui, „Wollt ihr den totalen Markt…?“ in der „Hamburg Debatte“ Nr. 9│Juni 2013)

Der kämpferische Oppositionsgeist, das eingreifende Denken und die Zuversicht auf substantielle Veränderung, die aus diesem Zitat sprechen, waren charakteristisch für Herbert Schui und sein Schaffen. Er war in der Hochschule für Wirtschaft und Politik, der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik, gewerkschaftlich und in der WASG/LINKEN tätig für eine lebenswerte Zukunft für alle Menschen, soziale Gleichheit, Demokratie als Alltagsprinzip, eine emanzipatorische Kultur und damit gegen ein „Ende der Geschichte“. Am 14. August letzten Jahres verstarb Herbert Schui. Er hinterlässt ein umfangreiches Werk, das lehrreich für die aktuellen Auseinandersetzungen und Herausforderungen ist.

Sehr passend schloss Herbert Schuis Freund und Genosse Norman Paech seine Gedenkrede mit den Worten: „Lest den Schui – das bringt uns alle weiter!“. Wir schließen uns dieser Aufforderung an und ladendafürein zu einemöffentlichen sozialökonomischen Symposium in memoriam Herbert Schuifür alle Interessierten aus Wissenschaft, Politik, Gewerkschaft undKultur vom 24. – 26.11.2017 am Fachbereich Sozialökonomie der Universität Hamburg, der Nachfolgeinstitution der ehemaligen Hochschule für Wirtschaft und Politik. Ein ausführliches Programm folgt in Kürze. Wenn Ihr zum Gelingen dieser Tagung beitragen, Anregungen geben oder auf dem Laufenden gehalten werden möchtet, wendeteuch gerne an uns.

Kontakt: schui-symposium@posteo.net

Weitere Informationen zum Werk von Herbert Schui: www.herbert-schui.de

V.i.S.d.P.: AG Schui-Symposium im Fachschaftsrat Sozialökonomie, Von-Melle-Park 9, 20146 Hamburg

Gefördert aus Studiengebührenmitteln des Fachbereichs Sozialökonomie

Aug 132017
 

Hier werden Nachrufe auf den am 14. August 2016 verstorbenen Herbert Schui gesammelt.

Herbert Schui am 20.1.15 auf der Veranstaltung "Wollt ihr den totalen Markt?" von SDS* und Liste Links an der Uni Hamburg

Herbert Schui am 20.1.15 auf der Veranstaltung “Wollt ihr den totalen Markt?” von SDS* und Liste Links an der Uni Hamburg

Norman Paech:

Die Trauerrede auf Herbert Schuis Beerdigung. Die komplette Rede gibt es hier.

Rudolf Hickel

Als die Nachricht vom Tod Herbert Schuis sich am Montag verbreitete, war die Betroffenheit groß. Seine Mitstreiter, seine Freunde, aber auch diejenigen, die er in der Wirtschaftswissenschaft und Politik scharfzüngig kritisiert hatte, wissen, ein großer Ökonom in der Tradition der kritischen Politischen Ökonomie steht für die dringend notwendige Aufklärung nicht mehr zur Verfügung.

Seine wissenschaftliche Karriere begann er nach dem Studium der Volkswirtschaft im Forschungsprojekt „Geldtheorie und Geldpolitik“ an der gerade neu gegründeten Universität in Konstanz. Sein Chef war der hoch renommierte Monetarist Karl Brunner aus Rochester (USA), der die Federal Reserve Bank scharf kritisierte. Da hat Herbert Schui die Giftküche der Marktfundamentalisten kennengelernt. Zur Sommerzeit rief Brunner die großen Ökonomen an den Bodensee. Er nutzte die Chance, auf diesen Sommeruniversitäten mutig mit Milton Friedman, James Buchanan und vielen anderen Vertretern eines Marktfundamentalismus zu streiten. 1972 promovierte er erfolgreich über das System der Geldpolitik in Frankreich. Die Wahl des Landes war kein Zufall. Seine Liebe galt Frankreich und seiner Ferme, dem kleinen Bauernhof in einer armen Bergregion in der Nähe von Limoux.

Gedanken am offenen Feuer

1974 wechselte er zur neu gegründeten Universität Bremen. Seine Lehre zu allgemeinen Fragen des Kapitalismus aber auch zu den Grundannahmen der modernen Preistheorie wurde von den Studierenden geschätzt. In Bremen wirkte das theoretisch und politisch gefürchtete Trio Schui / Huffschmid/ Hickel. 1980 wechselte er zur Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg (HWP). Dort wurde er zum führenden Kopf einer Wirtschaftswissenschaft, die kritisiert, wie die Konflikte zwischen Kapital und Arbeit mit neoklassischen Mythen verdrängt werden.

Mit seiner Theoriegewalt und im Bemühen um Aufklärung konnte er sich nicht auf den Elfenbeinturm reduzieren. Schon in seiner Konstanzer Zeit war der Intellektuelle bei den Gewerkschaften als Referent und Berater gefragt. Dieser Aufgabe blieb er bis zu seinem Tod verbunden.

Herbert Schui nutzte auch die Medien, um seine Botschaft gut begründet zu verbreiten. In Tageszeitungen wie der „Frankfurter Rundschau“ und vielen anderen Organen provozierte er mit spannenden Kommentaren.

Sein Schritt in die große Politik war konsequent. Mehr als eine Legislaturperiode saß er in der Fraktion Die Linke im Bundestag. Dort lernte er auch, wie schwierig es wegen unterschiedlicher Bewertungen sein kann, gemeinsame Positionen zu fixieren.

Wissenschaftspolitisch gehört die Gründung der „Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik“ – auch Memo-Gruppe genannt – zusammen mit Jörg Huffschmid 1975 zu seinen überragenden Leistungen. Er hat Positionen entwickelt, diskutiert und schließlich auch auf den jährlichen Pressekonferenzen, vor allem in der Anfangsphase, in Bonn vertreten.

Der Ort, an dem die Memo-Idee geboren wurde, sagt auch etwas über den Genießer aus. Mit Jörg Huffschmid saß er am offenen Feuer seiner Ferme in der Nähe von Limoux in Frankreich beim Wein. Die beiden warteten, bis endlich die Lammkeule gegart sein würde. Da vereinbarten die beiden Vordenker, ein Memorandum zu einer alternativen Wirtschaftspolitik zu verfassen. Nach der Rückkehr aus dem Süden Frankreichs wurde auch ich in den Ideenimport eingebunden. Zur Erinnerung: 1975 brach die Wirtschaft ein, die Arbeitslosigkeit stieg. Das erste Memorandum richtete sich gegen die damals kreierte neoklassische Parole von den steigenden Gewinnen zu Lasten der Löhne, die morgen Investitionen und übermorgen Arbeitsplätze schaffen sollen. Diese Grundkritik gilt bis heute.

Es wäre anmaßend, an dieser Stelle das gesamte wissenschaftliche und politische Werk von Herbert Schui zu bewerten und zu würdigen. Deshalb nur der Hinweis auf drei Themen, die dieser Ökonom vorangetrieben hat:

1 . Er forschte über die Grundfragen der Anatomie des Kapitalismus und entwickelte die Theorie von Karl Marx wirklichkeitsverankert weiter.

2. Während seiner gesamten wissenschaftlichen Tätigkeit konzentrierte er sich auf die Analyse der monopolistischen Konkurrenz mit ihren negativen Folgen für den Wettbewerb, die Gesamtwirtschaft sowie die politischen Machtverhältnisse. Dabei leistete er Pionierarbeit zur empirischen Bestimmung des Monopolisierungsgrads in Deutschland.

3. Die Weiterentwicklung der gesamtwirtschaftlichen Analyse nach der Theorie von John Maynard Keynes hat er erfolgreich vorangetrieben. Sein Erkenntnisinteresse galt der Frage, wie ein Marktsystem auf einzelwirtschaftlicher Rationalität zur gesamtwirtschaftlichen Irrationalität in Form von Krisen führen kann. Dabei hat er auch die Verteilungsfrage in der Tradition von Michael Kalecki und Nicholas Kaldor berücksichtigt.

Herbert Schui war ein Kämpfer vor allem gegen die Mythenbildung der vorherrschenden Wirtschaftswissenschaft. Gelegentlich unterstrich seine Lautstärke den unerbittlichen Einsatz gegen affirmatives Denken. Sein Tod sollte zum Anlass genommen werden, sein Werk zu studieren. Dann könnte die Lücke, die er hinterlässt, kleiner werden.

Der Autor ist Wirtschaftspublizist und hat mit Schui in Bremen gelehrt.

Klaus Ernst:

»Du sollst dich nie vor einem lebenden Menschen bücken«

Viele von uns hat die Nachricht vom Tode Herbert Schuis überrascht und erschüttert. Als die Krankheit an ihm zehrte, zog er sich zurück. Bis zuletzt konnte man aber immer wieder von ihm lesen und hören. Von mir stand noch ein Rückruf aus. Jetzt wird aus dem Rückruf ein Nachruf.

Kennengelernt habe ich Herbert Schui in den 1980er Jahren, als ich an der Hamburger Hochschule für Wirtschaft und Politik studierte. Er war mein Professor, er war streng und ließ kein Geschwafel durchgehen. Aber er war nicht nur mein Lehrer, er wurde für mich auch schnell zu einem guten Freund. Die richtige Haltung ist wichtig und notwendig, die richtigen Taten verbessern die Welt, so lautete Schuis Botschaft an seine damaligen Studierenden, von denen bis heute viele in den Gewerkschaften arbeiten oder in der Politik aktiv sind. Von ihm haben sie ihr ökonomisches und politisches Rüstzeug erhalten. Politische, in der Arbeiterbewegung verankerte Intellektuelle wie Herbert Schui machten zu den Zeiten Willy Brandts die Stärke der SPD aus. Leider hat sie das damals wie heute nicht begriffen.

Es waren tolle Jahre. Wir lernten bei Herbert Schui die Grundlagen der linkskeynesianischen Volkswirtschaftslehre, die immer versucht, reformerische Brücken zwischen einer krisenhaften Gegenwart und einer gerechteren Gesellschaft zu bauen. Das wünschen sich bis heute viele Menschen. Es war aber auch die Zeit, in der Helmut Kohl eine konservative Wende ausrief und Otto Graf Lambsdorff einen neoliberalen Masterplan vorlegte, der sich wie die Blaupause der Politik las, die seitdem alle Regierungen exerzierten: Lohnkostensenkung im Namen der Wettbewerbsfähigkeit, Steuersenkung für Millionäre im Namen der Standortkonkurrenz, Sozialabbau im Namen einer Ideologie ausgeglichener Staatshaushalte, Selbstamputation des Staates im Namen des Marktkultes.

Schui kritisierte diese Politik schon früh. Als Helmut Schmidt den Wechsel von einer nachfrageorientierten Politik der ökonomischen Globalsteuerung hin zu einer neoliberalen Politik einleitete, gründete Herbert Schui 1975 mit anderen die Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik. Es ist kein Zufall, dass sich vieles, was zunächst in den Memoranden stand, später in den Programmen der WASG und der LINKEN wieder fand.

Herbert Schui und mich verband nicht nur eine Freundschaft, sondern natürlich auch die politische Arbeit. Immer wieder war er Referent in verschiedenen Veranstaltungen von Gewerkschaften. Oft schickte er mir seine neuen Texte. An einem klebte um die Jahrtausendwende ein handschriftlicher Zettel. »Wann treten wir endlich aus diesem ***verein aus?« Er meinte die SPD. Die Bezeichnung war nicht freundlich. Ich habe ihm darauf geantwortet, dass wir das wenn, dann gemeinsam machen.

Als ich ihn 2004 fragte, ob er zu den Erstunterzeichnern unseres Aufrufs für »Arbeit und soziale Gerechtigkeit« gegen Schröders Agenda-Politik gehören will, zögerte er keinen Moment. Wir veröffentlichten unseren Aufruf, flogen aus der SPD und gründeten die WASG, später DIE LINKE. Der politische Druck, den er dafür als Professor an einer gewerkschaftsnahen Hochschule auszuhalten hatte, war immens. Aber Herbert Schui gehörte zu den Menschen, die Willi Bleichers Satz »Du sollst dich nie vor einem lebenden Menschen bücken« lebten.

Herbert Schui war als Ratgeber unbequem. Er sagte mir auch später auf den Kopf zu, wenn wir der in Parteien so weit verbreiteten Versuchung erlagen, Politik durch Haltungslehre zu ersetzen. Seine Kritik war nicht nur erträglich sondern überaus hilfreich, nicht nur, weil er sie immer mit einem Schmunzeln und nie als Lehrer vortrug. Er lachte gerne, auch über sich selber; eine Eigenschaft, die in Parteien nicht so verbreitet ist.

Als Ökonom beharrte er darauf, dass in einer kapitalistischen Ökonomie zunächst alles auf die Primärverteilung über die Löhne und dann auf die Sekundärverteilung über die Steuern ankommt. An den praktischen Kämpfen führt kein Weg vorbei, egal wie viele linke Parteien es gibt, egal wer regiert. Es gibt keinen Fahrstuhl zum sozialen Fortschritt, da passen einfach zu wenige rein. Wir müssen wohl oder übel die Treppe nehmen, und das geht am besten, wenn wir viele sind, gemeinsam kämpfen und uns gegenseitig helfen. Herbert Schui wird fehlen, seiner Familie, seinen Freunden, seiner Partei, der gesamten politischen Linken. Wir verlieren einen Ratgeber und einen Freund.

Klaus Ernst ist Bundestagsabgeordneter und ehemaliger Co-Vorsitzender der Linkspartei und zusammen mit Herbert Schui einer der Mitbegründer der WASG.

Lucas Zeise

Keynesianer und Marxist / Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs

Ich nutze diese Kolumne ausnahmsweise als Nachruf. Herbert Schui ist vor einer Woche gestorben. Der Ökonom war für die Linke (die Partei und die Bewegung) eine wichtige Person. Ich habe ihn persönlich nicht besonders gut gekannt. Aber ich habe ihn oft reden gehört und einige seiner Bücher und vor allem viele seiner bissigen und witzigen Zeitungsartikel – unter anderem in der jungen Welt – und Buchbesprechungen gelesen und genossen.

Hier einige Worte zu seiner Bedeutung: Er gründete – zusammen mit dem 2009 gestorbenen Jörg Huffschmid – die »Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik«, genannt Memo-Gruppe. Das war die einzige Opposition zum massiven Rollback des Neoliberalismus, der sich damals daran machte, alles was nicht Neoklassik, Marktwirtschaft und Vorrang für die Unternehmerschaft hieß, von den Universitäten und Forschungseinrichtungen zu verbannen. Die Neoliberalen haben auf ganzer Linie gesiegt. Es gibt heute an den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten in Deutschland keine Marxisten und praktisch keine Keynesianer. Die Memo-Gruppe hat den Widerstand intellektuell organisiert, aber sie kam nie auch nur in den Vorhof politischer Macht. Schui war damals Mitglied der SPD, Huffschmid der DKP.

Schui blieb bis 2004 SPD-Mitglied, als er und einige seiner Schüler sich in der Folge von Schröders neoliberaler Spitzenleistung »Agenda 2010« an der Gründung der Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit (WASG) beteiligten, die später unter Oskar Lafontaines Führung mit der PDS zur Partei Die Linke fusionierte. Dass dieser auf die soziale Lage der Arbeitenden orientierte Flügel vom liberal angehauchten, aber organisationspolitisch kompetenteren Gysi-Flügel untergebuttert wurde, muss wohl als weitere Niederlage gewertet werden.

Schui war politischer Ökonom. Er hat die neoliberale Wirtschaftsdoktrin, wie von Friedrich August von Hayek und anderen formuliert, als Grundmuster für nicht nur neokonservative, sondern auch extrem rechte Gesellschaftsmuster analysiert. Zugleich hat er klargemacht, wie Regierungshandeln von solchen marktradikalen Grundmustern durchsetzt ist. Für die Begeisterung seiner Parteifreundin Sahra Wagenknecht für den Ordoliberalismus eines Walter Eucken (der Staat muss Monopole verhindern, dann wird alles gut) hatte Schui gut begründeten Spott übrig.

Schui lehrte viele Jahrzehnte an der Hamburger Hochschule für Wirtschaft und Politik (HWP), einer der ganz wenigen Institutionen, wo Studierenden nicht die neoklassische Volkswirtschaftslehre als einzige Wahrheit vorgesetzt wurde. Schui war nach seinen eigenen Worten Marxist und Keynesianer. Er hat deren Theorien nicht einfach gemischt, sondern in den Theorien des Bourgeois und Spekulanten John Maynard Keynes revolutionären Gehalt erkannt, dass nämlich die Krisenhaftigkeit (und Endlichkeit) des Kapitalismus kein Unfall oder Fehler, sondern wesentliche Eigenschaft dieser Produktionsweise ist. Auf dieser Basis ist Keynesianismus der geeignete Nährboden, um linke Wirtschaftspolitik zu entwickeln.

Anja Stoeck, Giesela Brandes-Steggewentz, Jutta Krellmann, Pia Zimmermann, Diether Dehm, Hans Georg Hartwig

Herbert Schui – der proletarische Professor / Ein Nachruf, der nach vorne ruft

Professorales Outfit? Fehlanzeige! Professor Doktor Herbert Schui gehörte stets zu jenen wenigen (und immer weniger werdenden) Hochschullehrern, die sich die akademischen Finger schmutzig gemacht haben. Indem sie eingriffen. Schon früh. Die Welt nicht nur verschieden interpretierten. Er tat dies nicht erst während der Parteibildung von WASG und PDS zur LINKEN, worauf er dort, eng mit Sahra Wagenknecht, radikale Kritik am Monopolkapital und an dessen deutschen Politiken zuspitzte. Und pointierte. Gemütlich? Zuweilen. Aber ungemütlich den Herrschenden!

Bereits in den siebziger Jahren zählte er mit den sozialdemokratischen Professoren Zinn, Tjaden und Hickel zu den Kenntnis- und Mut-Machern, zu den „theoretischen Paten“ jenes „Sozialdemokratischen Hochschulbunds“, der Falken und dann des mehrheitsfähigen Juso-Flügels, der mit den „Herforder Thesen“ (die eigentlich in Diether Dehms Bauernhof entstanden, damals noch mit Olaf Scholz, Stefan Schostock, Detlev Albers, Suso Möbbeck, Traute Müller und Kurt Wand , Uli Wolf, Arno Brand, Matthias Machnig, Kurt Neumann, Andreas Wehr, Klaus Uwe Benneter u.v.a. ) das erste massive Erkennungszeichen einer marxistischen SPD- Linken nach dem „Godesberger Programm“ und nach dem Parteiausschluss von SDS und Wolfgang Abendroth lieferten.

Marx selbst hatte mit den „Grundrissen“ auf die neue Formationsspezifik der monopolkapitalistischen Akkumulation hingedeutet. Hilferding, Lenin, Boccara u.a. hatten hier weitergeschrieben. Die Ostberliner Heininger und Binus nannten dann das „Monopol“ zu allererst ein „Enteignungsverhältnis“ – und zwar nicht nur gegen die Arbeiterklasse, sondern auch gegen andere, nichtmonopolistische Unternehmerschichten. Also entstanden neue Bündnisoptionen! Nicht nur bezüglich der Bauern – die Lenin dafür „entdeckt“ hatte. In der Theorie des „staatsmonopolistischen Kapitalismus“ (wie das neue Stadium in Lenins „Imperialismus“-Schrift genannt wurde), geht es aber auch um die Umhegung der Monopole durch jene staatlichen Strukturen, die – im scharfen Widerspruch zum Sozialstaat und dessen Mitarbeitern(!) – Kriegs- und Rüstungsaufträge zu vergeben haben. Und um die Teile des Staatsapparats, die für politische Repression zuständig sind: gegen die realexistierende Arbeiterbewegung, die Gewerkschaften und linken Parteien. Und um die Staatsteile, die mittels Geldpolitik die konzernnahen Großbanken stützen und die deren weltweiter Ausbeutung auch währungs- und zinspolitisch assistieren. Letzteres wurde fortan Herbert Schuis selbstgewählter Forschungsauftrag. Und auch, wo er der „Starreferent“ war – ob ihn Hartmut Tölle für den DGB einlud, Pia Zimmermann für die Falken oder später Victor Perli für die RLS – Allüren blieben ihm fremd wie Mondgestein.

Es ging ihm (nicht nur in der SPD) um praktisches Eingreifen der Theorie; etwa mit der „Memorandum-Gruppe“ (zu der neben den o.g. Sozialdemokraten auch der undogmatische Kommunist Jörg Hufschmid zählte). Und mit deren aufsehenerregend alternativen Wirtschaftsgutachten ging es um Einflussschneisen von links. Sicher, da operierten Staatsstrukturen zwar tendenziell monopolkapitalistisch. Aber war dies ein Grund, die Hände kontemplativ in den Schoss zu legen? Für Schui lieferten Staatsstrukturen in gleichzeitiger Dialektik ja auch Ansatzpunkte für sozialistische Alternativen. Ja, sogar für erfolgreiche Reformeingriffe: ohne Schui und die Seinen wäre es Ende der Siebziger wohl kaum zu Zukunftsinvestitionsprogrammen (ZIP) gekommen, deren Grösstem wir die Renaturierung des Rheins und Tausende von Arbeitsplätzen verdanken. Der radikale marxistische Theoretiker war in innerkapitalistischer Praxis linker Keynesianer. Notwendigerweise. Reform als Ausdruck des Revolutionären! Denn: betritt je eine Abstraktion die Bühne der Geschichte, lupenrein und unbefleckt? Die Arbeiterklasse etwa, rein und autonom, wie es uns Sektierer weiss machen wollen? Nein, Herbert hatte seinen Hegel studiert.

Zum Beispiel: das Proletariat? Es ist in seiner reinsten Verallgemeinerung zwar nur international zu erfassen und zu zählen, tritt aber, laut „Kommunistischem Manifest“, zunächst nur national verfasst in Erscheinung. Und es ist, real existierend, nicht weit abseits von Gewerkschaften zu finden. Oder, bei Nichtgefallen, mal eben neu zu erfinden. Eine antikapitalistische Reformagenda hat sich also daran und an dessen Bewusstseinsständen zu orientieren, will sie nicht in akademischen Kanälen versickern, sondern den lebendigen Funken zu einer Bewegung schlagen. Mit den Massen. Und nicht: statt derer. Und dafür standen Herbert und seine wissenschaftlichen Mitstreiter.

Denn auch die Erkenntnis von Marx, „alle bisherige Geschichte“ sei „eine Geschichte von Klassenkämpfen“ gewesen, ist ja nicht konkret soo in der realen Manege zu finden. Beide Hauptklassen der Akkumulationsgeschichte treten nie blütenrein auf; sondern immer nur in Bündniskonstellationen. (Und wo ihnen diese abhanden kamen, war dies meist kurz vor ihrem Untergang!). Und im Sinne eines antimonopolistischen Volksbündnisses um die Arbeiterklasse referierte Herbert Schui also eben auch vor linken Unternehmerinnen, vor Handwerkern und Milchbauern. Und wie hielt er es mit der Revolution?

Zumindest war im marxistisch-sozialdemokratischen Manifest der Siebziger, zu dessen „Paten“ auch Herbert zählte, also in den „Herforder Thesen“, ein Revolutionsbegriff angelegt, die mit der Sturmverklärung aufs Winterpalais 1917 brach, wo um 24 Uhr die kapitalistischen Lichter ausgehen, damit dann, eine juristische Sekunde später, um 0:00 Uhr, die kommunistische Sonne leuchtet. Ohne dem Reformismus auf den kleingläubigen Leim zu gehen, schrieben die jungen sozialdemokratischen Marxisten in den Siebzigern von revolutionären Übergängen, einer antimonopolistischen Demokratie, in der zunächst die Hauptgiftzähne des imperialistischen Geschäftsbetriebs, zum Beispiel seine Rüstungskonzerne und Großbanken, demokratisch vergesellschaftet werden müssten. Und darum warb Herbert Schui ein ums andere Mal für unsere Verfassung – in Nachfolge jener Sozialdemokratinnen, die 1949 dem Grundgesetz ohne den „Vergesellschaftungs-Artikel 15“ nie und nimmer zugestimmt hätten. Als „Demokratisierung der Wirtschaft“ popularisierte er das. Wie Oskar Lafontaine. Oder Peter von Oertzen, der dann auch als prominenter Sozialdemokrat in die Linkspartei wechselte.

Es ist noch viel aus jenem Fundus zu schöpfen, der an der Nahtstelle undogmatischer Kommunistinnen und Sozialdemokraten angelegt wurde. Vor ’89, vor dem großen Schlaganfall des Vergessens. Mit dem “Krefelder Appell” sind da auch Schuis Schriften zu nennen. In vielen Universitäten und ASTen, wo heute Antideutsche ihre proimperialistischen Rufmordgeißeln schwingen, gab es damals gewerkschaftsorienierte Bündnisse aus dem sozialdemokratischen SHB und dem kommunistischen MSB, wo auch kleinbürgerliche Intellektuelle die Orientierung aufs reale Proletariat lernten und lehrten. Und wer da alles bei Herbert Schui das wirtschaftspolitische Einmaleins lernte? Über Klaus Ernst, Jutta Krellmann, Jan de Vries und Wolfgang Raeschke hinaus. Und Herbert Schui lebte dabei das „Kollegiale“ vor! Auch in Outfit, Umgang und Haltung. Als Gegenentwurf zu jenem Typus, den Brecht verächtlich „die TUIs“ genannt hatte. Die sich und ihr Wissen dem Monopolkapital verpachten und prostituieren. Profitfundamentalisten. Prediger der Sozialkürzungen, des Lohndumping, der Steuer-Flatrate, des Privatisierungswahns und eines Euro-Diktats, einer Währungspolitik ohne Ausgleich. Und für NATO-Kriege. Die alle hat er zeitlebens bekämpft.

Mit der Kohlschen Wende wurden nicht nur brandtsche Reformen erstickt, sondern auch linkskritische Redaktionen. Und viele rosagrünliche Medienintellektuelle liefen über zu Springer, von wo sie die Rente an die Börse und in die Hände von Allianz & Maschmeyer treiben halfen. Herberts Sarkasmus gegen diese Hassprediger des Monopolkapitals bleibt unnachahmlich. Gerade auch, als dann Professoren zu Vorkämpfern gegen Kaufkraft und gegen eine soziale EU wurden. Und deren wirtschaftlicher Scherbenhaufen ist jetzt zügig auszukehren. Ohne Herbert. Aber mit seinen Erkenntnissen! In Erinnerung an seine Bescheidenheit, Herzlichkeit und Klugheit. Und: seine Art, das Leben zu genießen. Herbert Schui hat nie viel Wind um sich gemacht. Aber: da ist jetzt eine Windstille, wo er war und wirkte.

Werner Goldschmidt

Wer ihn kannte, der will nicht einsehen, dass Herbert Schui tot ist. In Erinnerung bleibt zuerst seine scheinbar unverwüstliche Vitalität, seine spontane und zugleich wortgewaltige Empörung über soziale Ungerechtigkeit und die Vielzahl der Heuchler, die diese leugnen, beschönigen oder gar rechtfertigen. Ich habe den heiligen Zorn immer bewundert, mit dem er die ´offenen Feinde der Gesellschaft´ mündlich wie schriftlich attackierte. Mit Herbert ist vor allem ein Kämpfer für soziale Gerechtigkeit, gegen Unterdrückung verloren gegangen. Der Verlust trifft uns alle, seine Freunde, Kollegen, Mitstreiter – selbst die Parteifreunde haben, zu ihrem Schaden, einen solidarischen Kritiker verloren.

Er hat sich nicht auf das Feld der ökonomischen Wissenschaft beschränkt, es ging ihm vor allem um die Vermittlung von Theorie und Praxis. Seine klassische Bildung war verblüffend, aber mit ungewöhnlichem Stolz hat er sich auf seine engen Beziehungen zu den Gewerkschaften berufen, bei entsprechenden Gelegenheiten die Abzeichen der IG-Metall am Revers getragen – und das nicht als Attitüde, sondern aus einem selbstverständlichen Zugehörigkeitsgefühl heraus. Dabei war er frei von Proletkult, ebenso wie von der Anbiederung an Gewerkschafts- oder Parteiführungen. Davor bewahrte ihn ein gesundes Selbstbewusstsein, das sich auf seine wissenschaftliche Arbeit und ihre Anerkennung im Kreis seiner Kollegen und die langjährige erfolgreiche Lehre an der Hamburger Hochschule für Wirtschaft und Politik (HWP) ebenso stützte wie auf den Zuspruch, den er von vielen Gewerkschaftskollegen, Betriebsräten usw. im Rahmen seiner vielfältigen auch außerakademischen Bildungsarbeit erfahren hat.

Herbert war bekennender Keynesianer, Linkskeynesianer und ein in dieser Hinsicht radikaler, der sich auf keine faulen Kompromisse einließ. Gemeinsam mit Jörg Hufschmid und Rudolf Hickel bildete er das Gründertrio der ´Arbeitsgruppe alternativer Wirtschaftswissenschaftler´, die seit 1975 mit einem ´arbeitsorientierten´ Gegengutachten zum alljährlichen Gutachten des ´Sachverständigenrates zur […] gesamtwirtschaftlichen Entwicklung´ gegen die Dominanz der ´kapitalorientierten´, zumeist neoliberal-monetaristischen Wirtschaftswissenschaft angeht, und das inzwischen zahlreiche Unterstützer aus Wissenschaft, Publizistik und Gewerkschaftskreisen findet.

In den letzten beiden Jahrzehnten konzentrierten sich seine wissenschaftlichen Arbeiten auf die Kritik der theoretischen Grundlagen und der politischen Konsequenzen der neoliberalen Hegemonie in der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik. Sein Verdienst bestand dabei in dem Nachweis des dialektischen Zusammenhangs von radikalem Freiheitspathos und immanenten Autoritarismus, den er im Werk von neoliberalen Vordenkern wie Hayek und Friedman und ihren intellektuell mehr oder minder bescheideneren Nachfolgern nachspürte. Von den ´Chicago-Boys´ und ihrem Wirken unter der Pinochet-Diktatur in Chile, bis zu den AFD-Gründern hierzulande reicht diese unselige Spur. Aber auch – und dies ist gerade in der Gegenwart wieder von politischer Bedeutung – auf die Seelenverwandtschaft, oder vielmehr die faktische Übereinstimmung von Neoliberalismus und ´sozialer Marktwirtschaft´ hat Schui in seinen Untersuchungen verwiesen und dabei einen Mythos entzaubert, dem heute wieder auch Linke zu verfallen drohen.

Dies in Erinnerung zu behalten und die von Herbert Schui begonnene Arbeit fortsetzen heißt sein Erbe bewahren, seine Person bleibt unersetzbar.- Er war Inkrit-fellow und Sponsor des Historisch-Kritischen Wörterbuchs des Marxismus. Er war Ko-Autor von Keynesianismus und mit seinem Sachverstand half er mit Voten zu ökonomischen Artikelentwürfen.

Sevim Dagdelen:

In Trauer um meinen Freund Herbert Schui, der gestern Nacht in seinem Ferienhaus in Frankreich verstarb. Das Ferienhaus, in das er mich so viele Male eingeladen hatte. Immer wieder schob ich es auf….
Herbert und ich waren 2005 bis 2009 Mitglieder der Linksfraktion im Bundestag. Wir beide verstanden uns auf Anhieb. Oft bei einem oder mehreren Kölsch, das wir beide aus Liebe zu Köln immer sehr gern tranken. Das blieb noch so bis Anfang diesen Jahres. In der Fraktion war er mit seinem umfassenden und fundierten Wissen, seiner Erfahrung als langjähriger Universitätsprofessor und seinen präzisen Analysen eine große Bereicherung. Er konnte hochkomplexe Sachverhalte einfach und verständlich für jedermann vermitteln. Und das alles mit einem unnachahmlichen Humor! Auch später noch, war mir sein Rat wichtig. Wir telefonierten miteinander, wir trafen uns und tauschten uns aus. Als die Parteivorsitzenden Kipping und Riexinger mit Gregor Gysi zusammen 2014 sich öffentlich in einer Erklärung von meinem Brecht-Zitat im Bundestag distanzierten (Wer die Wahrheit nicht weiß, ist bloß ein Dummkopf. Wer die Wahrheit aber kennt und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher.), regte er sich total auf, schrieb einen Protestbrief und solidarisierte sich mit mir. Er war stets ein Mann der offenen Worte. Unvergessen, wenn er oftmals im Plenarsaal mit einer Persiflage den Schwachsinn der anderen Parteien entlarvte.

Ich bin traurig. Ein wahrhaft Intellektueller, ein Freund ist von uns gegangen. Er wird fehlen. Seiner Familie wünsche ich viel Kraft.

Bundestagsfraktion DIE LINKE:

Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch:

„Die Nachricht vom Tod unseres ehemaligen Fraktionskollegen Herbert Schui trifft uns sehr. Die Zusammenarbeit mit Herbert Schui, der von 2005 bis 2010 unserer Fraktion angehörte, war für uns zutiefst gewinnbringend. Sein umfassendes und fundiertes Wissen, seine Erfahrung aus seiner langjährigen Tätigkeit als Universitätsprofessor und seine präzisen Analysen waren eine immense Bereicherung für die Diskussionen in der Fraktion. Herbert Schui war ein profilierter und pointierter Kritiker des Kapitalismus, der die große und seltene Gabe besaß, auch sehr komplexe Sachverhalte verständlich darlegen zu können. Unnachahmlich war sein bissiger aber nie verletzender Humor.

Wir trauern um einen kenntnisreichen und weltläufigen wirklichen Intellektuellen, dessen wirtschaftswissenschaftliche Expertise uns fehlen wird. Unsere Gedanken sind bei seiner Familie und seinen Freunden.“

 Redaktion Sozialismus:

Der Ökonom und Linkenpolitiker Herbert Schui ist am 14.8.2016 im Alter von 76 Jahren verstorben. Die Linke hat einen profilierten Wissenschaftler und Hochschullehrer sowie einen Mitstreiter für Arbeit und soziale Gerechtigkeit verloren. Die Zeitschrift Sozialismus und der VSA: Verlag werden einen wichtigen Autor vermissen. Wir trauern mit seiner Familie zudem um einen äußerst sympathischen Menschen.

Herbert Schui wurde am 13. März 1940 in Köln geboren, was man seiner kölschen Redeweise bis zum Schluss anhören konnte. Er ging in Gerolstein in der Eifel zur Schule, machte dort 1961 am St. Matthias-Gymnasium sein Abitur. Nach dem Wehrdienst begann er 1962 ein Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität zu Köln, das er 1968 als Diplom-Volkswirt beendete.

Anschließend wurde er Forschungsassistent an der Universität Konstanz und verbrachte währenddessen Studienaufenthalte in Clermont-Ferrand und Paris sowie in Rochester. 1972 promovierte er an der Universität Konstanz mit einer Arbeit über »Geld- und Kreditpolitik in einer planifizierten Wirtschaft – das französische Beispiel«. 1974 wurde Schui Assistenzprofessor an der Universität Bremen, 1980 wechselte er als Professor für Volkswirtschaftslehre an die Hochschule für Wirtschaft und Politik (HWP) in Hamburg, an der er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2005 lehrte.

Herbert Schui hat sich von Beginn an als politischer Ökonom verstanden. Zusammen mit Jörg Huffschmid, Rudolf Hickel, Axel Troost und anderen gründete er 1975 die Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik (Memo-Gruppe), die bis heute seit 1977 jedes Jahr ein Memorandum für eine alternative Wirtschaftspolitik veröffentlicht. Schon früh beteiligte sich das engagierte Gewerkschaftsmitglied an der Bildungsarbeit, noch heute rühmen viele Gewerkschaftsaktive seine lebendigen und immer mit witzigen Einsprengseln abgehaltenen Kurse. Er war zudem in sozialen Bewegungen aktiv und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats von Attac.

Parteipolitisch engagierte sich Schui lange Jahre in der SPD, die er im Jahr 2004 im Zusammenhang mit den Protesten gegen die Agenda 2010 wieder verließ. Er gehörte als »der Professor« zu den überwiegend gewerkschaftlichen Gründern der »Initiative für Arbeit und soziale Gerechtigkeit«, aus der später die WASG hervorging, die sich 2007 mit der PDS zur Partei DIE LINKE zusammenschloss. 2012 befragt, wieviel WASG in der LINKEN stecke, antwortete er: »Die WASG stand dafür, dass die Themen Arbeit und soziale Gerechtigkeit zum Mittelpunkt linker Politik werden. Davon ist in der LINKEN nichts verloren gegangen, aber wir müssen dieses Anliegen ständig mit Leben füllen… Dieses Ziel nämlich wird von den anderen Parteien allenfalls zum Schein verfolgt. Da liegt unsere Zukunft.«[1]

Bereits 2005 war Herbert Schui über die offene Landesliste der Linkspartei.PDS Mitglied des Deutschen Bundestags geworden, 2009 wurde er über die Landesliste der Linken in Niedersachsen wiedergewählt und wurde wirtschaftspolitischer Sprecher seiner Fraktion. Am 1. November 2010 schied er aus dem Bundestag aus. »Wer mit ihm zu tun hatte, kannte einen außerordentlich sachkundigen und freundlichen Ökonomen, der ganz frei von den üblichen Politikerattitüden war«, unterstreicht zu Recht Tom Strohschneider in seinem Nachruf für das »neue deutschland.«

In seiner publizistischen Arbeit attackierte er schon früh den Neoliberalismus als »Feind planvoller gesellschaftlicher Gestaltung«, so z.B. 2002 in dem gemeinsam mit Stephanie Blankenburg im VSA: Verlag veröffentlichten Band Neoliberalismus: Theorie, Gegner, Praxis. Und er sah einen Zusammenhang zwischen radikalisierter Marktpolitik und dem Aufstieg der Rechten, was u.a. Thema seines letzten Buches Politische Mythen & elitäre Menschenfeindlichkeit. Halten Ruhe und Ordnung die Gesellschaft zusammen? (VSA: Verlag Hamburg 2014) war.

In einem Beitrag für diese Zeitschrift hatte Herbert Schui noch im März 2016 die Frage aufgeworfen: »Mit Prozenten siegen oder mit Stimmen von den Nichtwählern?« Sein Fazit: »DIE LINKE kann Erfolg haben, wenn sie die Benachteiligten von sich überzeugt, indem sie alles daransetzt, die Verhältnisse grundlegend zu verändern. Wird sie dagegen als Folge ihrer politischen Praxis zum Elitekartell gezählt (so möglicherweise, weil sie in einer Koalition mitregiert), werden die NichtwählerInnen, die vom Elitekartell Enttäuschten, sie nicht (mehr) wählen… Denn eine Partei, die tatsächlich etwas umgestalten will, kann ihre Unterschiede zu den Parteien des Kartells nicht solange einebnen, bis sie sich zur Unkenntlichkeit diesen angepasst hat… Hat aber die Partei ein klares, nicht angepasstes Programm, kann sie selbst den Kartellparteien diejenigen Wähler abspenstig machen, die an der Kompetenz dieser Parteien zu zweifeln beginnen, von ihnen enttäuscht sind.«[2]

Herbert Schuis Analysen und sein politisches Engagement werden uns fehlen.

[1] »Radikale Programme nutzen nichts – wohl aber radikale Polik«, Gespräch mit Herbert Schui, in: Klaus Ernst/Thomas Händel/Katja Zimmermann (Hrsg.), Was war? Was bleibt? Wege in die WASG, Wege in DIE LINKE, VSA: Verlag Hamburg 2012, S. 144.
[2] Herbert Schui, Mit Prozenten siegen oder mit Stimmen von den Nichtwählern?, in: Sozialismus 3/2016, S. 16ff.

Traueranzeigen

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Aug 262016
 

A) Die Aufzeichnung eines Vortrages von Herbert Schui zum Thema „Neoliberalismus, extreme Rechte und die AfD“, den er im Januar 2015 auf einer Veranstaltung vom SDS* und der Liste Links an der Uni Hamburg hielt, findet ihr hier| B) Hier findet ihr eine ausführliche Sammlung der Nachrufe auf Herbert Schui. | C) Sämtliche Reden von Herbert Schui im Bundestag sind hier zu finden. | D) Eine Sammlung aller Beiträge von Herbert Schui im Debattenmagazin der Hamburger LINKEN findet ihr in Form eines Sonderhefts als PDF hier.

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Quelle: herbert-schui.de

Am Sonntag, den 14. August 2016, starb mit Herbert Schui ein Gigant emanzipatorischer Theorie und Praxis im Alter von 76 Jahren. Er hinterlässt uns riesengroße Fußstapfen. Als Sozialistisch-demokratischer Studierendenverband (SDS*) an der Universität Hamburg durften wir ihn vor allem in seinen Schriften, Aktivitäten in der Partei und einer gemeinsamen Veranstaltung zur Aufklärung über die AfD kennen lernen. Wir haben unheimlich viel von Herberts eingreifendem Denken, seiner Lebensfreude und seinem egalitären Charakter gelernt und möchten ihn mit folgendem Beitrag würdigen. Wir schließen uns der Aussage seines langjährigen Mitstreiters Rudolf Hickel an, der in seinem Nachruf endete, der „Tod sollte zum Anlass genommen werden, sein Werk zu studieren. Dann könnte die Lücke, die er hinterlässt, kleiner werden.i In diesem Sinne möchten wir einige Schlaglichter auf Herberts Werk werfen.

Der Genosse „Professor“, wie er in Gewerkschafts- und Parteikreisen genannt wurde, promovierte 1972 in Konstanz, wirkte ab 1974 in Bremen als Teil des Trios Schui/Huffschmid/Hickel, aus dessen Kreis die Initiative zur Gründung des Memorandums für Alternative Wirtschaftspolitik kam, und prägte von 1980 bis zu seiner Pensionierung 2005 die marxistisch-keynesianistische Wirtschaftswissenschaft an der gewerkschaftsnahen Hochschule für Wirtschaft und Politik (HWP) in Hamburg. Herbert war SPD-Mitglied bis zu Schröders Agenda-Politik, dann Gründungsmitglied von Wahlalternative Soziale Gerechtigkeit (WASG) und LINKE, für die er von 2005 bis 2010 als wirtschaftspolitischer Sprecher im Bundestag saß.

Kapitalismuskritik auf den Punkt

25214005zWährend im Frühjahr 1991 der Westen sich siegestrunken am Kapitalismus berauscht bzw. die Linke sich großenteils resigniert ins Private und/oder Reaktionäre zurückzieht, veröffentlicht Herbert eine „in knapper und für einen breiten Leserkreis verständlicher Form“ verfasste Schrift zur Einführung in die Kapitalismuskritik und konstatiert – wohlgemerkt noch als SPD-Mitglied – im Vorwort, dass es unverändert genügend Stoff gebe, „um auf die Grundprobleme des Kapitalismus aufmerksam zu machen und dafür zu werben, allgemeine Lösungen für diese Fragen zu suchen – in einem modifizierten Kapitalismus oder in seiner Überwindung.“ii

Aufklärung über die militante Gegenaufklärung des Neoliberalismus

Mit Leidenschaft kämpft er für eine Welt der sozialen Gleichheit, Solidarität, Wahrheit, Klugheit und des menschenfreundlichen Humors. Das macht ihm den Neoliberalismus inklusive dessen Protagonist*innen zum Feind. Die Theorie und Praxis des Neoliberalismus zu entlarven zieht sich wie ein roter Faden durch sein handelndes Denken. Herbert begreift den Neoliberalismus als „militante Gegenaufklärung: Die Menschen sollen ihre Lage nicht durch vermehrtes Wissen in einer kollektiven, bewussten Anstrengung in den Griff bekommen. Denn dies würde mit der Herrschaft aufräumen, die der Neoliberalismus mit all seinen Kunstgriffen zu legitimieren sucht.“iiiVoll humanistisch begründetem Ekel wendet er sich gegen die neoliberale Konterrevolution, welche versucht, alle Beziehungen, die Menschen zueinander eingehen können, auf den Tausch, auf ein reines Benutzungsverhältnis zur Maximierung des eigenen Vorteils zu reduzieren und damit den Egoismus zum Gesellschaftsprinzip erheben möchte. Ohne sich in abstrakte Theoriewelten zu flüchten oder sich in der schaurigen Ideenwelt der Neoliberalen zu verlieren, die er mit fundiertem Kenntnisreichtum regelmäßig während seinen Vorträgen in einer Zitate-Schlacht zum Einsturz bringt, behält er stets die soziale Funktion des Neoliberalismus im Blick: die Festigung des Kapitalismus und seiner Machtverteilung.

Kapitalismus und Faschismus Hand in Hand: Nur in Einheit wirken Kritik und Alternativen

21Z9W9NRPZL._BO1,204,203,200_Zum Erreichen dieser Funktion haben die Marktfetischist*innen auch seit jeher keine Berührungsängste mit extrem rechter Ideologie und Praxis. Angefangen bei Ludwig von Mises, dem Lehrer Hayeks, der 1927 den Faschismus als „Notbehelf des Augenblicks“ gelobt hatte, der „voll von den besten Absichten [...] für den Augenblick die europäische Gesittung gerettet“ivhabe, bis hin zu ideologischen Gemeinsamkeiten wie „Auslese der Stärkeren, kulturell determinierter Rassismus, Leistungsethos, Gewerkschafts- und Demokratiefeindlichkeit, Autoritarismus.“v Jenseits des gegenseitigen Lobes und der ideologischen Gemeinsamkeiten von Neoliberalismus und extremer Rechten zeigen Herbert Schui et al. vor allem die Symbiose auf, die beide Seiten eingehen. In seinem Buch „Wollt ihr den totalen Markt?“, das er mit gewerkschaftlich organisierten Studenten an der HWP 1997 verfasste, analysiert er die Wahlprogramme der extremen Rechten in Deutschland (Republikaner, DVU, NPD, BfB), Österreich (FPÖ) und Frankreich (Front National) und weist nach: „Die extreme Rechte unternimmt in ihren Programmen, Heimat und Nation mit radikalem Markt und ungehindertem Wettbewerb zu verbinden. Die soziale Sicherheit des Wohlfahrtsstaates soll durch das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Volks- und Kulturgemeinschaft ersetzt werden. Faschistische Gemeinschaftsideologie – wenngleich stark geläutert und sprachlich modernisiert – dient also dazu, die materielle Sicherheit durch überhöhte Geborgenheitsgefühle ersetzen zu wollen.“vi

Damit liefert er viele Jahre vor dem Entstehen der AfD das theoretische Rüstzeug zu dem Verständnis ihrer als gefährlichem Bindeglied zwischen neoliberalem Kapitalismus und der extremen Rechten. Dies ermutigt uns als Hochschulgruppe, offensiv diese Partei als Folge der neoliberalen Agenda-Politik und deren Legitimationskrise sowie den Versuch der Systemerhaltung anzugreifen. Folglich kann der Kampf gegen sie auch nur wirksam im Entwickeln einer Perspektive sein, die auf die demokratische Gestaltung unserer Lebensmöglichkeiten, soziale Sicherheit und gemeinwohlorientierte Sinnstiftung gerichtet ist.

Kritische Wissenschaft und emanzipatorische Bildung gegen die Verschleierung durch Mythen

Schui_Politische_MythenIn Herberts letztem Buch kulminiert er im Jahr 2014 seine bisherigen Arbeiten zu wirtschaftswissenschaftlicher Verschleierungstaktik des Klassenkonfliktes und der Verbindung von neoliberal/rechts in dem Titel „Politische Mythen und elitäre Menschenfeindlichkeit“. Politische Mythen bestimmt er als Ablenkung von der Wirklichkeit bzw. als Suggestion von Alternativlosigkeit, die zur Unterwerfung unter eine als naturgesetzlich und damit als nicht zu ändern vorgefundene Welt führen sollen. Davon ausgehend widerlegt er auf bissig-ironische und ökonomisch-kenntnisreiche Weise die Mythen vom Leistungsträger, der Staatsverschuldung, von Markt und Wettbewerb, Export, Demographie und Wirtschaftswunder. Immer mit dem Anliegen, durch Rationalisierung die bestehenden Verhältnisse als sozial und geschichtlich gemachte aufzuzeigen und damit Handlungsfähigkeit zu gewinnen, sie im Sinne des allgemeinen Wohls zu gestalten: „Der Mythos wendet sich gegen ein wissenschaftliches Weltbild, das ja einschließt, die Wirklichkeit ändern zu wollen, statt sich mit ihr passiv abzufinden. An seine Stelle soll ein magisches Weltbild treten, bei dem allgemeingültige Regeln von Ursache und Wirkung ignoriert werden.“viiIm letzten Kapitel des Buches widmet er sich dem Zusammenhang von Bildung und Opposition als Lösungsperspektive. Er wendet sich gegen anerzogene Dummheit und Halbbildung, die – in seinen Worten – bei jemandem zum Ausdruck kommt, wenn er „es etwa mit einiger Mühe dazu gebracht hat, ein ergriffenes Gesicht zu ziehen, wenn er klassische Musik hört.“viii Herbert zitiert Alexander Mitscherlich mit dem Satz: „Der gebildete ist als ein Mensch zu charakterisieren, der seine jugendliche Ansprechbarkeit auf Neues und Unbekanntes behalten hat. Er ist auf der Suche nach Wissen und nach den Methoden, Erfahrung zu prüfen.“ix Daran anschließend endet er das Buch: „Weil diese Bildung Klarheit schafft über diejenigen Ursachen der eigenen Lage, gegen die die Einzelnen durch individuelles Handeln nichts ausrichten können, schafft diese Bildung ein gemeinschaftliches Bewusstsein. Das wäre der Anfang einer Veränderung.“x In diesem Sinne ist Herbert ein umfassend gebildeter Mensch, ewig Neugieriger und ein organischer Intellektueller der Arbeiterbewegung. Letzteren kennzeichnet, laut Gramsci, die „elementaren Leidenschaften des Volkes zu fühlen […] und sie mit einer höheren, wissenschaftlich und kohärent ausgearbeiteten Weltauffassung, dem ‘Wissen’“ zu verknüpfen.xi Diese Bedeutung von aufklärerischer Wissenschaft als organischer Teil von gesellschaftlicher und je subjektiver Emanzipation möchten wir uns immer wieder neu zur Leitlinie unseres (hochschul)politischen Handelns machen.

Eingreifendes Denken gegen jeden Opportunismus: Opposition macht Spaß!

Herbert engagiert sich in letzter Zeit in Vortragsreisen, der Kandidatur zum Stadtrat im niedersächsischen Buchholz i.d. Nordheide und der Redaktion der Zeitschrift „Debatte“ der Hamburger LINKEN.

In dem letzten auf seiner Internetseite www.herbert-schui.de veröffentlichten Text wendet er sich gegen den Opportunismus und Antikommunismus des (Partei)Establishments und den Wunsch, beim Elitekartell mitregieren zu dürfen: „Die Partei ist in einem Dilemma. Sie kann versuchen, den Kommunismus-Vorwurf los zu werden, indem sie versucht, mitzuregieren. (Ähnlich hat Wehners Strategie für die SPD im Gefolge des Godesberger Programms ausgesehen.) Dann aber wird sie wahrscheinlich nicht über ihre gegenwärtigen Wahlergebnisse hinauskommen, eben weil sie nicht mehr [...] als echte Opposition wahrgenommen wird. Will sich die Partei dagegen als grundlegende Opposition verstehen, setzt sie sich dem Kommunismus-Vorwurf aus.“xii

In diesem „Dilemma“ hat Herbert immer Position ergriffen, wenn er in seinen Vorträgen mit verschmitzem Lächeln, mit kölschem Dialekt und in ohrenbetäubender Lautstärke ausrief: „Opposition macht Spaß!“ Seine unbändige Freude an der Kritik und dem Verlachen der Herrschenden und der herrschenden Denkweise können wir aufgreifen!

Weiterführendes:

A) Die Aufzeichnung eines Vortrages von Herbert Schui zum Thema „Neoliberalismus, extreme Rechte und die AfD“, den er im Januar 2015 auf einer Veranstaltung vom SDS* und der Liste Links an der Uni Hamburg hielt, findet ihr hier

B) Hier findet ihr eine ausführliche Sammlung der Nachrufe auf Herbert Schui.

C) Sämtliche Reden von Herbert Schui im Bundestag sind hier zu finden.

D) Eine Sammlung aller Beiträge von Herbert Schui im Debattenmagazin der Hamburger LINKEN findet ihr in Form eines Sonderhefts als PDF hier.

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i Rudolf Hickel, Ein brillanter Kapitalismuskritiker; http://www.fr-online.de/wirtschaft/herbert-schui-ein-brillanter-kapitalismuskritiker,1472780,34645070.html, abgerufen am 20. August 2016.
ii Herbert Schui, Ökonomische Grundprobleme des entwickelten Kapitalismus, Heilbronn 1991. S. 7.
iii Ders., Rechtsextremismus und totaler Markt: Auf der Suche nach gesellschaftlicher Klebmasse für den entfesselten Kapitalismus; in: Peter Bathke/Susanne Spindler (Hg.), Neoliberalismus und Rechtsextremismus in Europa, Berlin 2006, S. 48-59. S. 54.
iv Ludwig von Mises, Liberalismus, Jena 1927. S. 45.
v Herbert Schui/Ralf Ptak/Stephanie Blankenburg/Günter Bachmann/Dirk Kotzur, Wollt ihr den totalen Markt? Der Neoliberalismus und die extreme Rechte, München 1997. S. 125.
vi Ebd.: S. 16.
vii Herbert Schui, Politische Mythen und elitäre Menschenfeindlichkeit. Halten Ruhe und Ordnung die Gesellschaft zusammen? Hamburg 2014. S. 10.
viii Ebd., S. 122.
ix Ebd.
x Ebd., S. 123.
xi Antonio Grasmci, Gefängnishefte, Bd. 6. Hgg. v. Klaus Bochman/Wolfgang Fritz Haug, Hamburg 1994[1929ff.]. S. 1490.
xii Herbert Schui, Desinteresse auf beiden Seiten – Die Unionsparteien haben erlaubt, AfD zu wählen, http://www.herbert-schui.de/desinteresse-auf-beiden-seiten/, abgerufen am 20. August 2016.
Apr 292014
 

Auf dem Arbeitsmarkt ist alles gut. Wie auf jedem Markt eben. Gleichberechtigte Individuen laufen frei umher und gehen dann und wann zur Nutzenmaximierung ein Tauschgeschäft ein. Innerhalb dieses Tauschakts (Arbeitsvertrag) verzichten die UnternehmerInnen auf den Konsum ihres Kapitals und erhalten dafür Profit. Die ArbeiterInnen verzichten auf Freizeit und erhalten dafür Lohn. Beide Seiten verzichten auf etwas, tragen etwas zum Produktionsprozess bei und erhalten dafür etwas. Ein fairer Tausch. Der so entstandene „Gleichgewichtspreis“ kann dann auch mal bei 3,50 € Stundenlohn liegen. So sieht das alles – sehr zur Freude der UnternehmerInnen – die Neoklassik, die Wirtschaftstheorie der Neoliberalen. Dass jenseits dieser Modellwelt die kapitalistische Realität von einem strukturellen Ungleichgewicht zwischen ArbeiterInnen und UnternehmerInnen geprägt ist, bietet dagegen gehörig soziale Sprengkraft. Denn die rechtlich Gleichen sind im Bezug auf ihre Stellung im gesellschaftlichen Produktionsprozess maximal ungleich. Die Lohnabhängigen sind weitgehend frei von Produktionsmitteln (Maschinen, Rohstoffe etc). Der Besitz von Letzteren ermöglicht den KapitalistInnen wiederum, andere für sich arbeiten zu lassen. Und zwar über das Maß hinaus, das für die Aufrechterhaltung des eigenen Lebensstandards nötig wäre. Der so produzierte Mehrwert geht dann auf das Konto der UnternehmerInnen (Ausbeutung). Die Interessen von Lohnabhängigen und KapitalistInnen stehen sich also unversöhnlich gegenüber und werden in Klassenkämpfen ausgefochten. Die Lohnhöhe ist eine Folge der Kräfteverhältnisse dieses Kampfes und kein natürliches Gleichgewicht.
Dass ein Arbeitsverhältnis in der BRD innerhalb eines bestimmten staatlich und tariflich institutionalisierten Rahmens abläuft, ist eine Errungenschaft der ArbeiterInnenbewegung und der Gewerkschaften. Große Teile dieser Regularien hat die SPD in der rot-grünen Koalition unter Gerhard Schröder mit der „Agenda 2010“ massiv beschnitten. Die Ursache des strukturellen Problems der Arbeitslosigkeit wurde in einer Überregulierung des Arbeitsmarktes und fehlender Leistungsbereitschaft gesehen. Und die Lösung in mehr Eigenverantwortlichkeit der Individuen (“Fördern und Fordern“). Maßnahmen waren u.a. die Verkürzung des Arbeitslosengeldes auf 12 Monate, die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zum Arbeitslosengeld II in der Höhe der Sozialhilfe, Ausweitung des Niedriglohnsektors durch Förderung von Mini- sowie Midi-Jobs, die Deregulierung der Leiharbeit und die Verschärfung der Zumutbarkeitskriterien (jede Arbeit, die nicht sittenwidrig ist, gilt als zumutbar). Die Folge war u.a. eine Explosion des Niedriglohnsektors. Im Zeitraum von 2000 bis 2010 ist die Zahl der niedrig entlohnten Erwerbstätigen um rund 1,3 Millionen auf 23,1 % aller Beschäftigten gestiegen. Damit war die Agenda 2010 ein wesentlicher Faktor der neoliberalen Umverteilung von Unten nach Oben, die in die aktuelle Krise geführt hat. Die zahlreichen und breiten Proteste für eine solidarische Krisenlösung (vor allem in Südeuropa) haben die Zustimmung zum Märchen der allheilenden Märkte kräftig erschüttert. Es ist also grundsätzlich richtig, (auch) den sog. Arbeits-“Markt“ politisch zu regulieren. Darauf zu reagieren ist die SPD in der GroKo nun gezwungen. Das nun vorgelegte Mindestlohnkonzept ist allerdings völlig unzureichend und als legalisierter Dumpinglohn vielleicht sogar schädlich für Tarifauseinandersetzungen. Wo sind eigentlich die Forderungen nach Wirtschaftsdemokratie? Oder Arbeitszeitverkürzung?

“Zu sagen, was ist, bleibt die revolutionärste Tat.” (Rosa Luxemburg)

Nicht unter den Mindestohn der GroKo sollen fallen…

… bis zum 31. Dezember 2016 alle Tarifverträge mit Stundenentgelten unter 8,50 Euro
… bis Ende 2016 Branchenmindestlöhne von unter 8,50 Euro
… Minderjährige (die Aussicht auf 8,50 € halte sie von einer Ausbildung ab)  … Langzeitarbeitslose (in den ersten 6 Monaten ihrer Beschäftigung)
… ehrenamtlich Tätige und Praktika, die unter sechs Wochen dauern oder verpflichtend sind 
–> Nach Berechnungen des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung droht jeder Dritte  im Niedriglohnsektor Beschäftigte unter eine der Ausnahmen zu fallen. 

„Bei einer Vollzeitbeschäftigung von 160 Stunden pro Monat errechnet sich ein Bruttomonatslohn von 1.360 Euro. Legt man den Arbeitslosengeld II-Regelsatz (plus Kosten der Unterkunft plus Erwerbstätigenfreibetrag) zugrunde, käme man gleichfalls auf einen Bruttostundenlohn (bei einer 40-Stunden-Woche) in Höhe von etwa 8,50 Euro. D.h. 8.50 Euro entsprechen ungefähr dem Hartz-Regelsatz. Darüber hinaus bringt dieser Mindestlohn in dieser Höhe hinsichtlich der Bekämpfung der Altersarmut fast gar nichts.“ (Wolfgang Lieb, www.nachdenkseiten.de)

Zwischen 2007 und 2011 hat der Staat allein 53 Milliarden an Sozialleistungen an Menschen gezahlt, die trotz Erwerbstätigkeit unter den Hartz IV-Satz fielen.

Zur zu erwartenden Rentenhöhe: “Bei dem vom DGB und seinen Einzelgewerkschaften geforderten Mindestlohn von 8.50 €  bekäme ein Mensch (bei einer 40 Stundenwoche und 12,5 Monatsgehältern im Jahr) nach 47 Beitragsjahren (!) 619.- € brutto! Das sind 550 € netto, was 29% unterhalb der absoluten Armutsgrenze liegt! ”   (Jakob Schäfer, labournet.de)

Flyer als PDF hier

Mai 192011
 
Wo: Café Knallhart
Wann: 20.05.2011 – 16 Uhr offenes Ende + Wochenende

Aktionsvorbereitung und Vernetzung für….

Darum gehts:
  • Budgetkürzung der Uni
  • Die inhaltliche Ausrichtung des FB- Sozök.
  • und andere universitäre Themen
….ein ausfinanziertes, gebührenfreies und kritisches Studium!
Mai 132011
 

Als politisch aktive Studierende (aus verschiedenen politischen Hochschullisten und andere Aktive) haben wir von der 100-Jahr-Feier des Hauptgebäudes der Universität Hamburg erfahren. Wir begrüßen die Bennennung der beiden letzten Hörsääle im Hauptgebäude ausdrücklich. Beide Namensgeber Edu­ard Hei­mann und Al­brecht Men­dels­sohn Bar­thol­dy stehen für eine antifaschistische und friedliche Wissenschaft.

Zur Veranstaltung war auch die Wissenschaftssenatorin Dorothee Stapelfeldt (SPD) geladen. Auch wir haben Frau Stapelfeldt zu uns eingeladen, um mit Ihr über die Gebührenfreiheit an den Hamburger Universitäten zu reden. Leider hat Frau Stapelfeldt aber nicht auf die Einladung der ersten studentischen Vollversammlung in diesem Semester reagiert. Eigentlich sollte sie zu einer nächsten Vollversammlung an die Uni kommen und dort mit uns (den Betroffenen eines Studiums mit Gebühren) zu sprechen.

Deshalb wollten wir heute erneut auf unser Anliegen aufmerksam machen, aber dabei die Veranstaltung nicht stören. Wir haben uns für einen studentischen Redebeitrag, eine Überdimensionale Einladung für Frau Stapelfeld und ein Transparent mit der Aufforderung: “Gebührenfreiheit sofort!” entschieden.

Das Transparent wurde über dem Haupteingang gespannt, aber leider schon nach wenigen Minuten entfernt. Dabei stehen vom Präsident über den Akademischen Senat und ca. 95% der Studierenden alle hinter der Forderung die Hamburger Universitäten von Gebühren zu befreien (im Anhang finden sie unsere Argumentation für eine “Gebührenfreitheit sofort!”)

Gebührenfreiheit sofort! Uni Hamburg

Wir haben uns deshalb kurzfristig entschieden das Transparent vor dem Eingang zum Hauptgebäude erneut zu spannen, dafür mussten wir bei der Polizei eine Mahnwache anmelden, wurden aber dafür länger wahr genommen und auch Sie sind auf uns aufmerksam geworden.

Am 25.05.2011 gibt es eine weitere Demonstration für ein gebührenfreies Studium, sofort. (Ab Rathausmarkt 16.00 Uhr).

Außerdem wird es in den nächsten Wochen wieder viele kreative Aktionen, Infostände und Protest auch gegen die nun durch die SPD noch stärkeren Kürzungen und für ein gebührenfreies Studium sofort geben.