Emanzipatorische Bildung

 

Die neuen Lehrpläne hätten die Prüfungen vollständig abschaffen sollen; heute eine Prüfung abzulegen muß ungeheuer mehr ‘Glücksspiel’ sein als früher. Eine Jahreszahl ist stets eine Jahreszahl, welcher Lehrer auch immer prüft, und eine ‘Definition’ bleibt stets eine Definition; aber ein Urteil, eine ästhetische oder philosophische Analyse?“ (Antonio Gramsci, Gefängnishefte, 1929-35, Heft 12 §2)

Was Antonio Gramsci bereits vor dem Zweiten Weltkrieg über den Zustand des Schulsystems und die Lernmethoden schreibt, ist heute im Hochschulbereich erstaunlich aktuell. Unter dem Schlagwort employability sollte mit Bologna das gesamte Studiensystem auf die Befriedigung von unmittelbaren Marktinteressen ausgerichtet werden. Studieninhalte sollten an ökonomischer Verwertbarkeit orientiert werden und die bevormundende Verregelung (Fristen, Anwesenheitspflicht, Kreditpunkte, Pflichtkurse) dazu führen, dass Studierende genauso wie Lehrende vor allem zur Erfüllung von Anforderungen und zu Konformität erzogen werden.

Wie in allen Bereichen führt die Orientierung am Prinzip der Profitmaximierung auch in Universität und Wissenschaft in eine gesellschaftliche Sackgasse. Die Uni als Institution der Wissenschaft muss sich entsprechend ihrer öffentlichen Verantwortung als gesellschaftliche Akteurin um die Lösung gesellschaftlicher Probleme kümmern. Daher kann das Studium nur ein in diesen dynamischen Prozess wechselseitig integrierter Teil davon sein. So verstanden ist emanzipatorische Bildung die gemeinsame Befreiung des Menschen von unbegriffenen Mächten durch die Entmystifizierung von Natur und gesellschaftlichen Verhältnissen hin auf ein solidarisches Miteinander. Sie bezeichnet also eine die Persönlichkeit formende, aktive Praxis innerhalb der umfassenden, kollektiven Praxis der positiven Gesellschaftsveränderung.

Daher kämpfen wir im Rahmen der Studienreform dafür, das universitäre Lernen zu entrestriktionieren und es mit einem kritischen Gesellschaftsbezug überall zu durchwirken. Dabei sind Form und Inhalt des Studiums nicht voneinander zu trennen: Gesellschaftskritik lässt sich nicht in einer Multiple-Choice-Klausur abprüfen. Erste Erfolge sind die Abschaffung der Anwesenheitspflicht sowie Fristen und der Umbau des verwertungsorientierten Bereichs „Allgemeine Berufsqualifizierende Kompetenzen“ (ABK) zum Optionalbereich. Dort kann z.B. über die Reetablierung des Projektstudiums der Ansatz des forschenden, exemplarischen und interdisziplinären Lernens laborhaft für das gesamte Studium erprobt werden. Weiterhin müssen Prüfungen zu Gunsten kooperativer Formen der Rückmeldung im Lernprozess abgeschafft werden.

Dadurch strukturell beförderte Bildung versteht sich „als entbundene Selbsttätigkeit, als schon vollzogene Emanzipation. Mit ihr begreift sich der Mensch als sein eigener Urheber, versteht er, daß die Ketten, die das Fleisch aufschneiden, von Menschen angelegt sind, daß es eine Aussicht gibt, sie zu zerreißen.“ (H. J. Heydorn, Über den Widerspruch von Bildung und Herrschaft, 1979)

Wissenschaft und Studium als gemeinsame Erarbeitung wissenschaftlicher Erkenntnisse von Lehrenden und Lernenden, das Erwirken gesellschaftlicher Alternativen und das Erkennen der eigenen Rolle darin haben gesamtgesellschaftlich eine ungeheure Sprengkraft.

Der umfassende Begriff der Wissenschaft ist erst dort gewonnen, wo er sich durch die technologische Rationalität hindurch zur kritischen Rationalität erweitert hat und wissenschaftliche Erkenntnis nicht als Produktivkraft im Industriesystem aufgeht, sondern als die Kraft realer Emanzipation in die Gesellschaft eingeht.“ (P. Fischer-Appelt/J. Berger: Kreuznacher Hochschulkonzept. Schriften der Bundesassistentenkonferenz 1, 1968)

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