Okt 242013
 

Ein Artikel aus unserer frisch veröffentlichten Semesteranfangsbroschüre:

‘Objektivität’, ‘Werturteilsfreiheit’ und ‘Neutralität’, sind Begriffe, welche die allermeisten stark mit ‘Wissenschaftlichkeit’ und ‘Seriosität’ in Verbindung bringen und die scheinbar den direkten Gegenpart zu ‘subjektiven’ oder ‘politischen’ Meinungsäußerungen darstellen, da letztere weder theoretisch noch methodisch fundiert und somit jeglicher Nachvollziehbarkeit und Überprüfung entzogen seien. Dieses allgemein verbreitete Verständnis von Wissenschaft beruht auf der Entmystifizierung der Welt durch die Epoche der Aufklärung und der damit einhergehenden Ablösung religiöser Deutungsmuster durch die systematische Erforschung der grundlegenden Gesetze der Natur. Dabei wurden unermüdlich durch Beobachtung Daten und Fakten gesammelt, systematisiert, in eine begriffliche Ordnung gebracht, vereinheitlicht und in ein umfassendes Theoriegerüst eingebettet.

Aus dieser Zeit stammen auch die Methoden und Kriterien, welche noch heute das traditionell naturwissenschaftlich geprägte Ideal von Wissenschaftlichkeit ausmachen. So wird Wissenschaft als neutrale Beschreibung des Bestehenden, des Ist-Zustandes verstanden (Positivismus), welche einen Selbstzweck erfülle (Wissen wird um des Wissens willen angehäuft) und mit der Gesellschaft und der Frage danach, wie diese zu einer anderen, besseren werde, einem möglichen Soll-Zustand (Normativität), nichts am Hut habe. Ein solch bürgerliches Wissenschaftsverständnis findet seine Zuspitzung in den berühmten Äußerungen der mittlerweile verstorbenen Margaret Thatcher: There is no alternative, womit sie ihre neoliberale Politik als alternativlos – weil durch scheinbar wissenschaftliche Sachzwänge statt durch die Interessen bestimmter gesellschaftlicher Klassen und damit letztlich durch Menschenhand bestimmt – darstellte: There is no such thing as society.

Ein solches Wissenschaftsverständnis beruht auch auf einer vermeintlichen Trennung von Wissenschaft und Politik, welche beispielsweise Ökonom*Innen regelmäßig zu der Aussage verleitet, die Frage nach Gerechtigkeit sei nicht ihre Aufgabe, sondern darüber müsse die Politik entscheiden, sie hingegen könnten nur aufzeigen, was effizient sei. Dadurch, dass der Status-Quo in Theorien gegossen und damit das Bestehende zementiert wird, wird die Wissenschaft ihrem Gesellschaftsbezugund der damit einhergehenden Verantwortung für eine sozial und ökologisch nachhaltige Entwicklung nicht gerecht. Dies ist besonders problematisch, da die Feststellung des Ist-Zustandes ohne der Frage nach den dahinterstehenden historischen Entwicklungen und konflikthaften, gesellschaftlichen Prozessen ausblendet, dass Gesellschaft immer menschengemacht und daher auch änderbar ist. Wissenschaft bedeutet eben nicht, von der Gesellschaft abgewandt und distanziert über diese zu sinnieren, sie bedeutet demokratische Gesellschaftsaneignung durch Kritik und ist selbst ein bedeutender Teil ebendieser:  Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern (Karl Marx, 11. These über Feuerbach (1845), MEW 3, S. 7). Statt beim Bestehenden verhaftet zu bleiben, muss sie die Möglichkeit schaffen, Neues zu denken und zu realisieren, denn in allem was die Wissenschaft als Betrachtungsobjekt hat, finden sich Spuren des Vergangenen, da es Geschichte hat, und Zeichen des Zukünftigen, da es Zukunft hat. Gesellschaft gibt es eben doch und damit auch Alternativen.

Dafür müssen Fragestellungen, die sich konkret aus der Gesellschaft heraus entwickeln, problemlösungsorientiert behandelt werden. Durch Inter- und Transdisziplinäre Forschung und Lehre, sowie durch methoden- und fächerübergreifende Kooperation, welche die künstlich geschaffenen Grenzen der Disziplinen und die Konkurrenz zwischen diesen aufheben und die scharfe Trennung zwischen Wissenschaft und Politik durch eine kritische Positionierung innerhalb der Gesellschaft und beständige Reflexion des eigenen Gesellschaftsbezugs ablösen. Wissenschaft selbst schließlich ist ein gesellschaftlicher Prozess, der durch die jeweiligen Verhältnisse – wie auch der/die Forschende immer schon allein bei der Auswahl der Forschungsthemen durch Werturteile und subjektive Perspektiven – geprägt ist.

Wenn also Forschungssubjekt und -objekt nicht voneinander zu trennen sind, so ist auch keine absolute Objektivität oder Werturteilsfreiheit möglich. Statt sich durch diese Vorstellung in seinem eigenen Horizont zu beschränken, geht es bei kritischer Wissenschaft darum, die gesellschaftliche Ordnung grundsätzlich in Frage zu stellen und die Möglichkeiten einer grundlegenden Veränderung dieser Welt durch vernünftiges und emanzipatorisches Handeln der Menschen aufzuzeigen. Alles andere zeichnet sich nicht dadurch aus, dass es wissenschaftlich korrekt ist, sondern nur durch politische Konformität zur aktuellen Gesellschaftslage. Dann verkommt Wissenschaft zur Legitimationsgrundlage der herrschenden Verhältnisse. Eine Funktion, die damals wie heute Religion übernommen hatte oder hat bzw. dafür herhalten musste oder muss: Königtum von Gottes Gnaden.

Darüber hinaus gilt es auch zu berücksichtigen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse immer gesellschaftliche Anwendung finden und daher die Frage ist, in wessen Interesse diese umgesetzt und genutzt werden. Mit der Behauptung, ihr Bemühen um Wahrheit sei zweckfrei, […] lieferte [die Universität] die Ergebnisse dieses zweckfreien Strebens an beliebige Zwecke aus. (SDS Hochschuldenkschrift (1961), S. 2) So ist heute eine immer stärkere Anpassung an Markterfordernisse und eine Verwertungsorientierung der Wissenschaft auf Kapital und Profit zu beobachten. So können beispielsweise die Erkenntnisse der durch Freud entdeckten Psychoanalyse einer Bewusstseinsschaffung eigener, bis dahin unbewusster  Handlungsmotive und damit einer Verfügungserweiterung des Ichs durch mehr Selbstreflexion dienlich sein. Sie können aber auch, wie durch den Begründer der Public Relations (PR) und Neffen Freuds Edward Bernays dafür missbraucht werden, die Massen über ein bewusstes Ansprechen ihrer Triebe statt der Vernunft zu steuern und damit das genaue Gegenteil von Verfügungserweiterung und Aufklärung bewirken: The conscious and intelligent manipulation of the organized habits and opinions of the masses is an important element in democratic society. (…) If we understand the mechanism and motives of the group mind, is it not possible to control and regiment the masses according to our will without them knowing it? (Edward L. Bernays, Propaganda (1923), S. 9 und S. 47)

Der zunehmenden Ökonomisierung der Hochschulen, welche sich in struktureller Unterfinanzierung durch die öffentliche Hand einerseits und durch verstärkte Drittmitteleinwerbung und die Konkurrenz um Gelder innerhalb der Hochschulen andererseits ausdrückt, ist entgegenzuwirken. Den Missbrauch von Wissenschaft gilt es zu verhindern. Stattdessen müssen die Erkenntnisse in den Dienst aller gestellt und der Mensch wieder in den Mittelpunkt von Forschung und Lehre gerückt werden. Entscheidend ist dafür auch eine demokratische Verfasstheit der Hochschulen, was aktuell wieder in den Auseinandersetzungen über die Novelle des Hamburgischen Hochschulgesetzes zu erkämpfen ist. Kritische Wissenschaft fängt schon damit an, in Vorlesungen und Seminaren unangenehme Fragen zu stellen, sich selbstbewusst und kritisch zu positionieren, statt Bedenken und Zweifel am Vorgetragenen herunterzuschlucken oder als unwissenschaftlich und naiv abstempeln zu lassen.