Dez 132015
 
Wahlplakat 15/16

Wahlplakat 15/16

Die Unterlagen für die Wahl zum Studierendenparlament und dem Akademischen Senat sind in der letzten Woche verschickt worden und wir starten in die heiße Phase des Wahlkampfs vor Weihnachten.

Nach dem erfolgreichen Olympia-Referendum, das ein klares Signal für eine demokratische, soziale und nachhaltige Stadtentwicklung war, wollen wir den Wahlkampf als Politisierungsmöglichkeit nutzen, Menschen zu ermutigen, aus konformem Arrangement mit BaMa und Elternerwartungen auszubrechen, um gemeinsam für eine soziale Welt zu streiten.

Beim Studierendenparlament kandidieren wir auf Liste 12

Die Briefwahl geht noch bis zum 2. Januar 2016; die Urnenwahl findet statt vom 11. Januar bis 15. Januar 2016

Unsere große Listendarstellung findet ihr: hier; die kleine Listendarstellung:  hier

Eine Übersicht über alle kandidierenden Listen findet ihr hier auf der Homepage des Studierendenparlaments.

Unser Flugblatt “Die Angst hat die Seiten gewechselt”, das sich mit den Konsequenzen aus dem Olympia-Referendum beschäftigt, gibts hier

Unser Flugblatt “Bildung statt Bomben”, das sich mit Alternativen zum Bombenkrieg in Syrien und Wege zu einer friedlichen Welt beschäftigt, gibts hier

Beim Akademischen Senat kandidieren wir auf Liste 1

Wir haben nichts zu verlieren als unsere Ketten und eine Welt zu gewinnen!

Als einen humoristischen Ansatz des Umgangs mit dem häufig durch die Familie vermittelten Hegemonie-Druck möchten wir euch folgenden Text von Kurt Tucholsky ans Herz legen:

Die Familie

Die Griechen, die so gut wußten, was ein Freund ist, haben die Verwandten mit einem Ausdruck bezeichnet, welcher der Superlativ des Wortes ›Freund‹ ist. Dies bleibt mir unerklärlich.

Friedrich Nietzsche

Als Gott am sechsten Schöpfungstage alles ansah, was er gemacht hatte, war zwar alles gut, aber dafür war auch die Familie noch nicht da. Der verfrühte Optimismus rächte sich, und die Sehnsucht des Menschengeschlechtes nach dem Paradiese ist hauptsächlich als der glühende Wunsch aufzufassen, einmal, nur ein einziges Mal friedlich ohne Familie dahinleben zu dürfen. Was ist die Familie?

Die Familie (familia domestica communis, die gemeine Hausfamilie) kommt in Mitteleuropa wild vor und verharrt gewöhnlich in diesem Zustande. Sie besteht aus einer Ansammlung vieler Menschen verschiedenen Geschlechts, die ihre Hauptaufgabe darin erblicken, ihre Nasen in deine Angelegenheiten zu stecken. Wenn die Familie größeren Umfang erreicht hat, nennt man sie ›Verwandtschaft‹ (siehe im Wörterbuch unter M). Die Familie erscheint meist zu scheußlichen Klumpen geballt und würde bei Aufständen dauernd Gefahr laufen, erschossen zu werden, weil sie grundsätzlich nicht auseinandergeht. Die Familie ist sich in der Regel heftig zum Ekel. Die Familienzugehörigkeit befördert einen Krankheitskeim, der weit verbreitet ist: alle Mitglieder der Innung nehmen dauernd übel. Jene Tante, die auf dem berühmten Sofa saß, ist eine Geschichtsfälschung: denn erstens sitzt eine Tante niemals allein, und zweitens nimmt sie immer übel – nicht nur auf dem Sofa: im Sitzen, im Stehen, im Liegen und auf der Untergrundbahn.

Die Familie weiß voneinander alles: wann Karlchen die Masern gehabt hat, wie Inge mit ihrem Schneider zufrieden ist, wann Erna den Elektrotechniker heiraten wird, und dass Jenny nach der letzten Auseinandersetzung nun endgültig mit ihrem Mann zusammenbleiben wird. Derartige Nachrichten pflanzen sich vormittags zwischen elf und eins durch das wehrlose Telefon fort. Die Familie weiß alles, mißbilligt es aber grundsätzlich. Andere wilde Indianerstämme leben entweder auf den Kriegsfüßen oder rauchen eine Friedenszigarre: die Familie kann gleichzeitig beides.

Die Familie ist sehr exklusiv. Was der jüngste Neffe in seinen freien Stunden treibt, ist ihr bekannt, aber wehe, wenn es dem jungen Mann einfiele, eine Fremde zu heiraten! Zwanzig Lorgnons richten sich auf das arme Opfer, vierzig Augen kneifen sich musternd zusammen, zwanzig Nasen schnuppern mißtrauisch: »Wer ist das? Ist sie der hohen Ehre teilhaftig?« Auf der anderen Seite ist das ebenso. In diesen Fällen sind gewöhnlich beide Parteien davon durchdrungen, tief unter ihr Niveau hinuntergestiegen zu sein.

Hat die Familie aber den Fremdling erst einmal in ihren Schoß aufgenommen, dann legt sich die große Hand der Sippe auch auf diesen Scheitel. Auch das neue Mitglied muß auf dem Altar der Verwandtschaft opfern; kein Feiertag, der nicht der Familie gehört! Alle fluchen, keiner tuts gern – aber Gnade Gott, wenn einer fehlte! Und seufzend beugt sich alles unter das bittere Joch …

Dabei führt das ›gesellige Beisammensein‹ der Familie meistens zu einem Krach. In ihren Umgangsformen herrscht jener sauersüße Ton vor, der am besten mit einer Sommernachmittagsstimmung kurz nach einem Gewitter zu vergleichen ist. Was aber die Gemütlichkeit nicht hindert. Die seligen Herrnfelds stellten einmal in einem ihrer Stücke eine Szene dar, in der die entsetzlich zerklüftete Familie eine Hochzeitsfeierlichkeit abzog, und nachdem sich alle die Köpfe zerschlagen hatten, stand ein prominentes Mitglied der Familie auf und sagte im lieblichsten Ton der Welt: »Wir kommen jetzt zu dem Tafellied –!« Sie kommen immer zum Tafellied.

Schon in der großen Soziologie Georg Simmels ist zu lesen, dass keiner so wehtun könne, wie das engere Kastenmitglied, weil das genau um die empfindlichsten Stellen des Opfers wisse. Man kennt sich eben zu gut, um sich herzinniglich zu lieben, und nicht gut genug, um noch aneinander Gefallen zu finden.

Man ist sich sehr nah. Nie würde es ein fremder Mensch wagen, dir so nah auf den Leib zu rücken, wie die Kusine deiner Schwägerin, a conto der Verwandtschaft, Nannten die alten Griechen ihre Verwandten die ›Allerliebsten‹? Die ganze junge Welt von heute nennt sie anders. Und leidet unter der Familie. Und gründet später selbst eine und wird dann grade so.

Es gibt kein Familienmitglied, das ein anderes Familienmitglied jemals ernst nimmt. Hätte Goethe eine alte Tante gehabt, sie wäre sicherlich nach Weimar gekommen, um zu sehen, was der Junge macht, hätte ihrem Pompadour [große Handtasche] etwas Cachou [Puder] entnommen und wäre schließlich durch und durch beleidigt wieder abgefahren. Goethe hat aber solche Tanten nicht gehabt, sondern seine Ruhe – und auf diese Weise ist der ›Faust‹ entstanden. Die Tante hätte ihn übertrieben gefunden.

Zu Geburtstagen empfiehlt es sich, der Familie etwas zu schenken. Viel Zweck hat das übrigens nicht; sie tauscht regelmäßig alles wieder um.

Irgendeine Möglichkeit, sich der Familie zu entziehen, gibt es nicht. Mein alter Freund Theobald Tiger singt zwar:

Fang nie was mit Verwandtschaft an –

denn das geht schief,

denn das geht schief!

aber diese Verse sind nur einer stupenden Lebensunkenntnis entsprungen. Man fängt ja gar nichts mit der Verwandtschaft an – die Verwandtschaft besorgt das ganz allein.

Und wenn die ganze Welt zugrunde geht, so steht zu befürchten, dass dir im Jenseits ein holder Engel entgegenkommt, leise seinen Palmenwedel schwingt und spricht: »Sagen Sie mal – sind wir nicht miteinander verwandt –?« Und eilends, erschreckt und im innersten Herzen gebrochen, enteilst du. Zur Hölle.

Das hilft dir aber gar nichts. Denn da sitzen alle, alle die andern.

Peter Panter

Die Weltbühne, 12.01.1923, Nr. 2, S. 53,

wieder in: Mona Lisa.

Quelle: http://www.textlog.de/tucholsky-familie.html

Dez 202014
 

wahlplakat_sds_rev04Aktuell läuft die Wahl zum Studierendenparlament (StuPa). Bis zum 31.12. könnt ihr noch per Brief wählen. Vom 12.1. bis 16.1. dann jeweils von 10 bis 18 Uhr an der Urne eures Vertrauens. Wir vom SDS* würden uns freuen, wenn ihr gemeinsam mit uns aktiv werdet für eine demokratische, ausfinanzierte Universität, die Bildung und Wissenschaft im Dienst des Menschen betreibt und damit gesellschaftlich eingreift. Antonio Gramsci schreibt, dass die Krise in der Tatsache besteht, “daß das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann.” In diesem Sinne wollen wir die gesellschaftlichen Sackgassen (Krieg, BaMa-Terror, Krisenverschärfung) mit vielfältigen und lebendigen Umwälzungen kontern (Friedensbewegung, Studienrefom, Revolutionäre Reformen) und damit selbst die Alternative zur herrschenden Alternativlosigkeit sein. Kommt dafür gerne zu unseren offenen Gruppentreffen, immer Montags um 18.30 Uhr im Freiraum des Westflügels Edmund-Siemers-Allee 1. Wir freuen uns auch über eure Stimme bei der Wahl zum Studierendenparlament für die Liste 16, damit wir u.a. auch im nächsten AStA dabei sind.

Gerade finden auch die Wahlen zum Akademischen Senat statt. Dort kandidieren wir zusammen mit dem Bündnis für Aufklärung und Emanzipation (BAE!) auf Liste 3 (Programm).

Materialien zum StuPa-Wahlkampf des SDS*

Flugblatt1 – Studienreform: PDF

“Das aktuelle Bachelor-Master-System soll als Erziehung zu Konformität mit ökonomisch verwertbarem Studieninhalt davon abhalten, die gesellschaftlichen Probleme zu bearbeiten. Das macht krank und führt in eine Sackgasse. Das System soll uns nahe legen: Wenn du dich nur genügend anstrengst, leistest und dich anpasst,  wirst du es schon schaffen. Jeder sei also seines Glückes Schmied? Insbesondere in der (Vor-)Weihnachtszeit kommen dazu auch noch die nervigen Fragen der Verwandten, wie es denn so mit dem Studium laufe und welche Pläne man für „später“ habe.

Flugblatt2 – Friedensbewegung: PDF

“Das UNO-Flüchtlingskommissariat UNHCR meldete im Sommer 2014, dass Ende des Jahres 2013 weltweit über 51,2 Millionen Menschen auf der Flucht gewesen seien. Das ist ein neuer Höchststand seit dem Zweiten Weltkrieg. Neue Schätzungen gaben im März 2014 an, dass von über 23.000 Toten an den EU-Außengrenzen seit dem 1. Januar 2000 ausgegangen werden kann. Der Welternährungsbericht der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen weist daraufhin, dass die Weltbevölkerung heute problemlos doppelt ernährt werden könnte, während ca. 37.000 Menschen täglich verhungern und fast eine Milliarde Menschen permanent unterernährt sind. Das zeigt uns tagtäglich: Auf dieser Welt herrscht Krieg.

Flugblatt3 – Revolutionäre Reformen: PDF

“Es ist etwas los in Hamburg. Über 4000 Menschen aus allen Mitgliedergruppen aller Hamburger Hochschulen zogen als Sternmarsch am 9. Dezember 2014 durch die Innenstadt, um „Für die Ausfinanzierung der Hamburger Hochschulen  zum  allgemeinen Wohl“ und damit gegen die Kürzungs- und Entdemokratisierungspolitik des Hamburger Senats zu demonstrieren. Wir treten als Uni-Mitglieder dafür ein, mit Bildung und Wissenschaft zu einer zivilen, sozialen, demokratischen, ökologisch und ökonomisch nachhaltigen Entwicklung der Gesellschaft beizutragen, wie es im Leitbild der UHH heißt.

Große Listendarstellung: PDF

Kleine Listendarstellung: PDF

Plakat: PDF

Videos von der Listenvorstellung gibts hier.

Dez 232012
 

Ausgehend von den aktuellen politischen Debatten um die Krise der jüngsten Zeit, hinter denen sich der vom Mainstream verleugnete krisenhafte Kapitalismus verbirgt, erleben wir eine Versteifung auf eine vermeintlich notwendige “Konsolidierung” der Staatshaushalte durch eine Verringerung der Ausgaben. Die Analyse ist also: die „Verschwendung“ der Staatsausgaben, das “über die Verhältnisse leben” hätte in die Krise und zu Vertrauensverlusten der “Finanzmärkte” gegenüber den Staaten geführt. Doch wie sieht diese Haushaltskonsolidierung aus? Einer neoliberalen Ideologie folgend, sollen staatliche Ausgaben in Kultur, Soziales und Bildung gekürzt werden, der Arbeitsmarkt soll zu Gunsten der Arbeitgebenden flexibilisiert und die Löhne gedrückt werden. Die unübersehbaren Auswirkungen der derzeitigen destruktiven Krisenbewältigung suggerieren eine Neuartigkeit des Angriffs auf die soziale Basis der Gesellschaften, doch real erleben wir nur die Zuspitzung neoliberaler Praktiken, deren Beginn bereits in den 70ern zu finden ist. Als Reaktion auf das Scheitern des Fordismus, dessen Zeit durch den erkämpften unvermeidlichen Klassenkompromiss geprägt war, begann eine verschärfte Ökonomisierung gesellschaftlicher Verhältnisse.

Diese Zielsetzung machte auch vor der Bildung nicht Halt. Im Zuge der Lissabon-Strategie sollte die EU zum „wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt“ werden. Bildung rückte verstärkt in die Aufmerksamkeit der Wirtschaft, sollte zu einem verwertbaren Gut und zu einem Wettbewerbsvorteil werden, anstatt ein grundsätzliches Menschenrecht zu sein. Manifestiert in der Bologna-Reform erlebten die Hochschulen eine Kommerzialisierung und wurden zu Orten der Profitschaffung.

Exemplarisch für Hamburg ist die Einführung des letzten Struktur- und Entwicklungsplans (STEP 2012) und seiner Grundlage, den Leitlinien für die Entwicklung Hamburger Hochschulen des Senats aus dem Jahr 2003. Wie Jörg Dräger, damaliger Wissenschaftssenator, richtungsweisend formulierte: “Die Universität muss [...] Motor der wirtschaftlichen Entwicklung der Region sein”. Propagiert wurde eine “autonomere Hochschullandschaft”, in Bezug auf die Finanzierung bedeutete dies eine Entlastung des Staates hin zu einer Abhängigkeit von Drittmitteln, wie Dräger es in seiner Vorstellung der Hochschullandschaft in zehn Jahren formulierte: “Die Universitäten [...] erschließen vermehrt eigene Finanzquellen.” Autonomie war gewiss nicht die Folge, vielmehr gewann die Wirtschaft vermehrt Kontrolle über universitäre Forschungs- und Lehrinhalte. Diese Unterwerfung öffentlicher Bereiche unter ein Kosten-Nutzen-Prinzip ist und war Teil einer gesamtgesellschaftlichen Programmatik. Der bürgerliche Konsens vergangener und aktueller Regierungen beinhaltete das Vorhaben, erkämpfte Verbesserungen zurück zu drängen und öffentliche Einrichtungen im Sinne der neoliberalen Ideologie den Gesetzen der Marktwirtschaft auszuliefern. Seien es Krankenhäuser, die privatisiert werden, oder Hochschulen, die sich unter anderem über Drittmittel finanzieren müssen, die Folge ist immer eine wachsende Orientierung am Kapitalinteresse.

Momentane Legitimation für Kürzungen ist die „Schuldenbremse“, ein künstlich erschaffener Zwang, der auf vermeintlicher Notwendigkeit beruht. Der Hamburger Senat begründet damit die fortgeführte Kürzung der Uni Hamburg. Die zugesprochene Etatsteigerung von 0,88 % pro Jahr bis 2020 bedeutet inflationsbereinigt und unter Berücksichtigung von Tarifsteigerungen eine faktische Etatkürzung von ca. 20 %. Der herrschenderseits vorhandenen Konzeptionslosigkeit bei der Bewältigung der Krise des Kapitalismus können wir an der Uni positive Entwicklungskonzepte entgegensetzen und in Alternativen verwirklichen. Damit streiten wir für eine bedarfsdeckenden Finanzierung durch den Staat, die nur von uns an der Uni definiert werden kann. Für diese Voraussetzung zur Verwirklichung bereits entwickelter Ansprüche streiten wir, die aktuelle Legitimation – die Schuldenbremse – gilt es zu überwinden.

Dez 122012
 

Was ist das? Wofür und wogegen setzen wir uns warum in der Studierendenschaft (im AStA und Studierendenparlament) und in der Uni ein? Welches Verständis von Wissenschaft vertreten wir? Den Versuch einer kurzen Definition lest ihr hier:

Der Formalismus der Mainstreamwissenschaften beschränkt sich absichtlich darauf, die Realität einfach nur zu beschreiben und überlässt das Eingreifen dann „der Politik“. Das vermeintlich neutrale Messen, Prüfen und Systematisieren von Daten trägt affirmativ dazu bei, dass die derzeitigen Verhältnisse weiter existieren können. In diesem Wissenschaftsverständnis wird nicht davon ausgegangen, dass die Gesellschaft ein sich selbst veränderndes Forschungsobjekt ist.

Wissenschaft ist aber immer Teil von Gesellschaft, weshalb kritische Wissenschaft dies auch explizit berücksichtigen muss. Wissenschaft ist notwendigerweise Werturteilen unterworfen und wird erst durch die Reflexion ihrer Ziele, Methoden, sozio-ökonomischen Bedingungen und der eigenen Geschichte zu wirklicher Wissenschaft.

 Es ist ihre gesellschaftliche Aufgabe, als sich ausdrücklich politisch verstehende Wissenschaft, den Sinn des Bestehenden anzuzweifeln, Alternativen zu den derzeitigen Verhältnissen zu entwickeln und aktiv in die Prozesse der Gesellschaft einzugreifen. Sie muss aufzeigen, dass die derzeitigen Verhältnisse nicht natürlich sind, sondern durch und durch historisch, also von Menschen gemacht. Darüber hinaus muss herausgearbeitet werden, dass alles auch ganz anders sein könnte und gemessen an dem, was unter den gegebenen Bedingungen möglich ist, sein müsste.

 So kann eine kritische VWL z.B. aufzeigen, dass die derzeitige systemimmanente Krisenanalyse Teil des Problems ist und die beschriebene affirmative Neutralität der Mainstream-VWL mit in die Krise geführt hat. Kritische Medizin kann die gesellschaftlichen Ursachen von Krankheiten erforschen und bekämpfen statt immer ausgefeiltere Methoden zur bloßen Symptombekämpfung zu entwickeln, um die Patient*Innen funktionsfähig zu halten. Und Kritische Geschichtswissenschaft kann beispielsweise explizit auf verschleierte Teile der deutschen Geschichtsschreibung hinweisen. Sie kann den Finger in die Wunde legen und so zu einer Aufarbeitung beitragen, die Auswirkungen hat auf das Hier und Jetzt. Im Fall der Nazikontinuitäten des Verfassungsschutzes und der damit einhergehenden strukturellen Blindheit auf dem rechten Auge hätte dies Leben retten können und ist deshalb jetzt umso dringender.

All diese komplexen Problemstellungen sind nur in inter- oder transdisziplinären Forschungssettings angemessen zu beantworten und schreien geradezu nach neuen Perspektiven und Lösungen, die auch nur durch einen inhärenten Zweifel an bestehenden Antworten entstehen können.

Diese oben beschriebenen Ziele können die Wissenschaften in ihrer derzeitigen Verhaftung in gegenseitiger Konkurrenz – um Gelder, um Ansehen und Größe oder gar Macht – leider nicht ausreichend leisten. Deswegen machen wir uns immer und überall für den beschriebenen Wissenschaftsbegriff stark. Zudem gilt es, progressive Bündnispartner*Innen innerhalb der Uni, die marginalisiert weiterhin einen kritischen Wissenschaftsansatz verfolgen, zu unterstützen. Mit der Schaffung eines Referats für Kritische Wissenschaft im AStA haben wir uns unter anderem dafür eingesetzt und stellen für das Referat einen Referenten. Durch die Unterstützung von studentischen Initiativen, die Organisation von Veranstaltungen Politischer Bildung und die hochschulpolitische Einflußnahme auf wissenschaftliche Prozesse versuchen wir, unsere Vorstellung von Kritischer Wissenschaft auch in der Uni und der Gesellschaft zu verankern. Eine kritische Wissenschaft hat Bedeutung für alle Menschen, denn sie rückt diesen wieder in den Mittelpunkt.

Wissenschaft ist kritisch oder sie ist nicht!