Jan 202017
 

„Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel. Das sind wir unseren gemordeten Kameraden, ihren Angehörigen schuldig.“ (Schwur von Buchenwald, 19. April 1945)

Antifaschismus bedeutet gegen Nazis und andere Rechte auf die Straße zu gehen und sie zu blockieren. Aber er ist noch mehr: Antifaschismus bedeutet ebenso, aktiv an einer Welt mitzuarbeiten, in der Menschen als Gleiche unter Gleichen in Frieden und Freiheit leben können – einer Welt also, in der auch eine Wiederholung der Schrecken der Vergangenheit ausgeschlossen ist. Dafür muss man es mit „de[m] Nazismus [und] mit seinen Wurzeln“ aufnehmen. So ist es im Schwur von Buchenwald von befreiten KZ-Gefangenen als (bis heute nicht eingelöste) Losung ausgegeben.

Das „Nie wieder“ wird im ‚Potsdamer Abkommen‘, das die Alliierten nach Kriegsende 1945 beschlossen haben, gefasst als die Denazifizierung, Demilitarisierung, Demokratisierung und (politische wie wirtschaftliche) Dezentralisierung Deutschlands. In Zeiten massiver Polarisierung in der tiefen Krise des Kapitalismus haben diese Vorhaben nichts an Aktualität eingebüßt: Aktuell besitzen – nach einer neuen Studie von Oxfam – derzeit die reichsten acht Menschen so viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung zusammen. Der Widerspruch zwischen Möglichkeit einer menschenwürdigen Gesellschaft und der Realität ist damit so groß wie nie und die gesellschaftliche Situation dementsprechend umkämpft.

Von PEGIDA bis Trump, von Le Pen bis AfD wollen die Rechten in dieser umkämpften Zeit den neoliberalen Kapitalismus retten und suchen dafür Sündenböcke: Schuld seien an der prekären Lage von Millionen und der Verrohung in der Gesellschaft (deren Ausdruck sie auch selber sind) nicht das Konkurrenzprinzip, die Profitorientierung von Unternehmen, der sich auch alle öffentlichen Bereiche unterwerfen sollen, o. ä., sondern wahlweise Flüchtlinge, Migranten, Juden, alle die, die als ‚außerhalb der Volksgemeinschaft‘ konstruiert werden. An die Stelle materieller Sicherheit soll ein ‚Geborgenheitsgefühl‘ durch die Zugehörigkeit zur ‚Volksgemeinschaft‘ treten. In ihr sollen die Menschen – weiter kollektiv-vereinzelt und ohnmächtig – aufgehen und der Klassenkonflikt verschleiert werden: „Die Soziale Frage der Gegenwart ist nicht primär die Verteilung des Volksvermögens von oben nach unten, unten nach oben, jung nach alt oder alt nach jung. Die neue deutsche Soziale Frage des 21. Jahrhunderts ist die Frage nach der Verteilung des Volksvermögens von innen nach außen“ (Björn Höcke, AfD, am 28.4.2016 auf einer Demonstration in Schweinfurt).

Die wirkliche soziale Frage der Gegenwart stellt sich nach der gesellschaftlichen Erarbeitung und Verteilung des Reichtums (s. Oxfam). Gegen jegliche Naturalisierungen von (sozialer) Ungleichheit, muss Wissenschaft aufzeigen, dass die sozialen Verhältnisse von Menschen gemacht und von Menschen verändert werden. Die „4 Ds“ des Potsdamer Abkommens zeigen für diese Veränderung die Richtung an. In der Aktualisierung der Denazifizierung haben Rechts- und Politikwissenschaften mit der Aufdeckung der Verknüpfung von rechter Szene und Verfassungsschutz sowie mit der Durchsetzung des weiter notwendigen NPD-Verbots ebenso wie mit der wirklichen Durchsetzung des Grundrechts auf Asyl alle Hände voll zu tun. Zur Demilitarisierung ist eine Zivilklausel im Hamburgischen Hochschulgesetz unerlässlich, mit der die Wissenschaft für den Frieden zum Leitprinzip ausgebaut wird. Die Demokratisierung aller Lebensbereiche ist nicht nur eine Frage politischer Maßnahmen, sondern eine lebendige Kultur der gemeinsamen Gestaltung aller Lebensbereiche: Die Uni kann durch die wissenschaftliche Bearbeitung gesellschaftlicher Probleme (von Beginn des Studiums an)  zur Bildung mündiger Persönlichkeiten und einem demokratischen Gemeinwesen beitragen. Dafür muss sie selbst weiter demokratisiert werden.

Zur Durchsetzung dieser antifaschistischen Orientierung in der Wissenschaft können wir heute anknüpfen an das reichhaltige Wirken von Arbeiterbewegung, Widerstandsbewegung wie der Weißen Rose, und„68ern“. In den Veranstaltungen des tätigen Erinnerns rund um die Uni, wie die Mahnwachen zur Reichspogromnacht vom 9.11.1938 und die öffentlichen Lesungen aus den verbrannten Büchern vom 15.5.1933, lernen wir von den antifaschistischen, humanistischen, sozialistischen, pazifistischen Ambitionen unserer Vorkämpfer*innen für die heutigen Auseinandersetzung: Statt nach oben zu buckeln und nach unten zu treten, beziehen wir uns auf das gemeinsame menschliche Interesse, kollektiv an der Gestaltung von solidarischen Lebensverhältnissen tätig zu sein.  Lasst uns also unser Ändern leben! Das ist befreiend für alle, denn im Kampf um Befreiung ist diese selbst schon präsent: „In der Organisation und Gemeinschaft der Kämpfenden erscheint trotz aller Disziplin, die in der Notwendigkeit, sich durchzusetzen, begründet ist, etwas von der Freiheit und Spontaneität der Zukunft.“ (Max Horkheimer, Traditionelle und kritische Theorie, 1937)

Hier das Flugblatt als PDF

Dez 032016
 

Habemus Wahlkampf: Die Wahl zum Studierendenparlament steht wieder an! Ab dem 8. Dezember sind alle Briefwahlunterlagen versendet, die dann bis zum 02.01.17 eingegangen sein müssen. Urnenwahl findet vom 16.01.17 bis 20.01.17 statt. Nachfolgend findet ihr unsere große Listendarstellung und hier eine Übersicht über alle Listen.

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Raus aus der Entfremdung

plakat-sds-rev01Wir sind an die Uni gekommen, um die Welt in ihrer widersprüchlichen Geschichte und Gegenwart zu durchdringen, damit wir sie verbessern und uns zu mündigen Persönlichkeiten entwickeln. Doch die aktuelle Studienstruktur drängt andere Fragen auf: Bringt das Seminar mir ausreichend Credit Points für mein Leistungskonto? Welche Kompetenzen sollte ich noch für mein Portfolio erwerben? Wie bekomme ich einen der verknappten Masterplätze? So werden wir von unseren Mitstudierenden, vom befreienden Inhalt sowie den Ergebnissen unserer Lernprozesse und dem Wesen der Wissenschaft entfremdet. Das gesamte Treiben an der Hochschule erscheint als etwas uns Äußerliches, eigentlich soziale Verhältnisse erscheinen als Verhältnisse zwischen Dingen. Und in wessen Interesse?

Für die Verbesserung der „internationalen Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Hochschulsystems“ (Bologna-Erklärung, 1999) und die Anpassung an Arbeitgeberinteressen wurde das Bachelor-Master-System eingeführt, damit Profite des Kapitals und Macht des Establishments gesichert werden. So wurden wir Studierenden in verschärfte Konkurrenz um die Fortführung des Studiums gesetzt (Masterplatz), Wissen in vorgefertigte Häppchen zerschnitten (Module) und diese mit einer Währung versehen (Leistungspunkte). Dieses System ist inhuman und insofern gescheitert.

Wir müssen es überwinden. Lassen wir unsere Hoffnungen auf menschenwürdige Lebensverhältnisse für alle nicht länger von neoliberalen Trümmern zuschütten. Überführen wir sie in politisches Handeln, um die Entfremdung aufzubrechen!

Wir müssen unser Ändern leben!

postkarte_16_1Was unternehmen wir gegen die sich brutalisierende Rechte, wie entziehen wir ihr (z. B. sozialpolitisch) den Nährboden; wie demokratisieren wir alle Lebensbereiche; wie trägt Wissenschaft zu einer weltweiten Friedensentwicklung bei; wie lösen wir die „Schuldenbremse“; was machen wir gegen das Politikprinzip der G20? Fragen, die uns die jetzigen Verhältnisse aufdrängen. In der zunehmenden Polarisierung zwischen solidarischer Lösung und reaktionärer Verschärfung der Krise (z. B. Sanders vs. Trump) sind emanzipatorische Bildung und Wissenschaft dringend notwendig.

Die Uni ist im besten Fall eine Weltverbesserungsinstitution. Dafür müssen wir kollektiv „Nein“ sagen zu Leistungsanforderungen und Anpassungsdruck. Und tendenziell das bereits gemeinsam realisieren, wofür wir als Bewegung wirken: Durch kritische Wissenschaft nehmen wir den gesellschaftlichen Verhältnissen ihren Schein der Natürlichkeit, um die Veränderbarkeit aufzuzeigen. Durch emanzipatorische Bildung begreifen wir unsere gemeinsame Geschichte und soziale Lage, und entwickeln so demokratische Handlungsfähigkeit zur Weltverbesserung. Denn die Veränderung der Gesellschaft und unsere eigene Veränderung gehen Hand in Hand: „Daher kann man sagen, dass jeder in dem Maße selbst anders wird, sich verändert, in dem er die Gesamtheit der Verhältnisse, deren Verknüpfungszentrum er ist, anders werden lässt und verändert. [...] Sich seine Persönlichkeit bilden heißt dann, wenn die eigene Individualität das Ensemble dieser Verhältnisse ist, ein Bewusstsein dieser Verhältnisse gewinnen, die eigene Persönlichkeit verändern heißt das Ensemble dieser Verhältnisse ändern“ (Antonio Gramsci)

Statt also Veränderung nur zu fordern und in der Alltagsroutine zu verbleiben: Lasst uns selbst die solidarische Alternative sein! Die Verfasste Studierendenschaft ist dafür die erkämpfte Möglichkeit.

Raus aus der Leistungspunktejagd: Kritische Wissenschaft!sds_2016_flyer-dinlang2

Die Verbindung von wenig inhaltlicher und struktureller Gestaltungsmöglichkeit im Studium und hohen gesetzten Anforderungen erzeugt massenhaft psychisches Leiden: Beim CampusKompass 2015 der Techniker-Krankenkasse gaben 44% der befragten Studierenden an, durch Stress erschöpft zu sein. Es ist also wichtig, sich ernst zu nehmen und von diesem (gesellschaftlichen) Problem zu berichten, anstatt sich für die angeblich unzureichende Leistungsfähigkeit zu schämen und gegenseitig „Klarkommen“ vorzuspielen. Lasst uns das Hamsterrad verlassen und gemeinsam darüber sprechen, was uns bewegt, um es wissenschaftlich zu bearbeiten. So können wir durch Studienreform, emanzipatorische Bildung und kritische Wissenschaft dazu beitragen, dass aus der Möglichkeit eines menschenwürdigen internationalen Zusammenlebens Wirklichkeit wird.

Raus aus der Verzweiflung: Sozialrevolutionäre Realpolitik!

Wir sollen uns Gedanken machen, wie die Miete bezahlt werden kann, ob und wann das BAföG kommt, wie wir die Lohnarbeit und das Studium unter einen Hut bekommen, usw… die prekäre soziale Lage der Studierenden ist, wie von anderen Bevölkerungsgruppen, politisch hergestellt. Die Ansage „Streng dich an, dann wartet nach dem Studium soziale Sicherheit!“ soll uns zur Anpassung erziehen. Doch Gegenwart und Zukunft werden nur dann weniger prekär, wenn wir uns dafür solidarisch einsetzen: Wir kämpfen für ein elternunabhängiges Studienhonorar für alle, weil Studieren gesellschaftlich notwendige Tätigkeit ist bzw. zu einer werden muss. Wir wirken für den Ausbau des Studierendenwerks, für besseren und günstigen Wohnraum für alle, als auch insgesamt für einen Ausbau der öffentlichen Daseinsvorsorge statt Schuldenbremsen-Politik.

Raus aus der Vereinzelung: Bewegung für eine „Welt des Friedens und der Freiheit“!

Im Schwur von Buchenwald haben befreite KZ-Gefangene als Konsequenz aus der Befreiung vom deutschen Faschismus die „Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln“ und den „Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit“ als Losung ausgegeben, die bis heute nicht eingelöst ist.Wissenschaft muss sich also heute am Aufbau einer denazifizierten, demilitarisierten, demokratisierten und (politisch sowie wirtschaftlich) dezentralisierten Gesellschaft beteiligen, wie es damals im Potsdamer Abkommen der Alliierten 1945 gefasst wurde. Damit nehmen wir auch den Kampf gegen die heutige Rechte à la Trump, AfD und Le Pen auf, dieden neoliberalen Kapitalismus retten wollen und dafür Sündenböcke suchen. Statt nach oben zu buckeln und nach unten zu treten, lassen wir uns nicht spalten und vereinzeln. An der Hochschule heißt das auch tägliches Engagement für Friedenswissenschaft als Leitwissenschaft und für die Einführung einer Zivilklausel im Hamburgischen Hochschulgesetz!

So kämpfen wir um nichts Geringeres als eine zivile und soziale Welt. Studium, Wissenschaft und Uni müssen wir dafür demokratisieren, gesellschaftsverantwortlich orientieren und bedarfsgemäß öffentlich finanzieren. Als SDS* engagieren wir uns dafür in sozialpolitischen und antifaschistischen Bündnissen, im Bundesverband dielinke.SDS, Fakultätsräten, Fachschaftsräten, StuPa und AStA.

 

Dez 022016
 

Die Wahl zum Studierendenparlament steht wieder an! Ab dem 8. Dezember sind alle Briefwahlunterlagen versendet, die bis zum 02.01.17 eingegangen sein müssen. Urnenwahl findet vom 16.01.17 bis 20.01.17 statt.

Unser Wahlkampfmotto dieses Jahr lautet “Raus aus der Entfremdung – Wir müssen unser Ändern leben!”:

Raus aus der Leistungspunktejagd: Kritische Wissenschaft! // Raus aus der Verzweiflung: Sozialrevolutionäre Realpolitik! // Raus aus der Vereinzelung: Bewegung für eine „Welt des Friedens und der Freiheit“!

Daher kann man sagen, dass jeder in dem Maße selbst anders wird, sich verändert, in dem er die Gesamtheit der Verhältnisse, deren Verknüpfungszentrum er ist, anders werden lässt und verändert. In diesem Sinn ist und kann der wirkliche Philosoph nicht anders sein als der Politiker, das heißt der tätige Mensch, der die Umwelt verändert, wobei unter Umwelt das Ensemble der Verhältnisse zu verstehen ist, die jeder einzelne eingeht. Sich seine Persönlichkeit bilden heißt dann, wenn die eigene Individualität das Ensemble dieser Verhältnisse ist, ein Bewusstsein dieser Verhältnisse gewinnen, die eigene Persönlichkeit verändern heißt das Ensemble dieser Verhältnisse ändern“ (Antonio Gramsci)

Hier findet ihr unsere kleine Listendarstellung. Eine Übersicht über alle Listen gibt es hier.

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Jan 122016
 

Unter diesem Link gibt’s eine Video-Aufzeichnung: hier

1. Wie sie uns gerne hätten…

Peter Licht – Wir sind jung und wir machen uns Sorgen über unsere Chancen auf dem Arbeitmarkt

Wir sind jung und wir machen uns Sorgen über unsere Chancen auf dem Arbeitsmarkt und unser berufliches Fortkommen

Wir sind jung und wir machen uns Sorgen denn später wollen wir uns ja auch einmal etwas leisten können momentan da geht’s ja noch weil unsere Ansprüche noch niedrig sind aber später wollen wir uns ja auch mal was gönnen können denn wir wissen wenn man sich erst einmal an einen Lebensstandard gewöhnt hat dann ist es schwierig später wieder mit weniger auszukommen

Chor: Wir machen uns eben Sorgen über unsere Chancen auf dem Arbeitsmarkt

Und wenn jemand kommt und unsere Situation verschlechtert dann finden wir das nicht gut und machen uns dann wieder Sorgen über unsere Chancen auf dem Arbeitsmarkt das ist alles so ungerecht denn wir haben immer unsere Hausaufgaben gemacht und alle Voraussetzungen erfüllt uns sogar spezialisiert das finden wir nicht gut denn es ist wichtig sich auch mal was leisten zu können damit der Alltag der grau ist dadurch ein bisschen abwechslungsreicher gestaltet werden kann damit wir auch mal die Seele baumeln lassen können wenn das gefährdet ist dann finden wir das nicht gut und sind enttäuscht

Chor

… so sind wir aber nicht.

2. Rainald Grebe – 1968

Liebe Kinder, es gab ein Jahr Das eine Katastrophe war: Neunzehnhundertachtundsechzig! Liebe Kinder, seitdem geht’s abwärts – Die Achtundsechziger sind an Allem schuld!

Vorher waren alle Menschen froh, Alle Menschen waren hetero, Weil Schwulsein ja eine Krankheit war – Und da war keiner krank, Gott sei Dank! Die Achtundsechziger sind an Allem schuld!

Single-Parties gab’s noch keine Die SPD hatte noch Ortsvereine, Die Ehe hielt bis zur Beerdigung Und nicht bis zur Selbstverwirklichung – Die Achtundsechziger sind an allem schuld!

Bei Problemen ging man nicht zum Therapeuten, Man ging in die Kirche oder gleich in die Kneipe! Was ist Yoga, Ying und Yang und der ganze Dreck Gegen ein Halleluja und ein Herrengedeck? – Die Achtundsechziger sind an Allem schuld!

Wir hatten Wohlstand für alle, das Fließband rollte – Arbeit für jeden, der arbeiten wollte Und Arbeit hatte Vati, Mutti blieb zu Haus’, In der Schule ging Gewalt noch vom Lehrer aus!

I: Neunzehnhundertachtundsechzig :I Und da machen die da Revolution, Jetzt machen die da Revolution – Bei Vollbeschäftigung. Ich versteh’s nicht! Ich versteh’s nicht,Ich werd’s auch nie verstehen – So gut wie damals Wird’s uns nie wieder gehen!

Ja gut, alle waren Nazis, das war normal, Onkel Otto war Nazi und die Hildegard – Das war’n normale Leute mit normaler Frisur Und keine ostdeutsche Jugendkultur! – Die Achtundsechziger sind schuld!  Und dann kamen diese Langhaar-Prolos Und spielten ewige Gitarrensolos, Liebe Kinder, Revolutionen Sind schlechte Parties von Wachstumshormonen!

I: Neunzehnhundertachtundsechzig :I Und da machen die da Revolution, Jetzt machen die da Revolution – Bei Vollbeschäftigung. Ich versteh’s nicht! Ich versteh’s nicht! Da steht der neue VW, Ich versteh’s nicht – Der Kühlschrank ist von AEG! Geh doch nach drüben Wenn’s dir hier nicht gefällt! Lass deine Haare flattern Für eine bessere Welt!

3.

Kurt Tucholsky – Ich möchte Student sein

(– »Ich war damals ein blutjunger Referendar –« sagen manche Leute; das haben sie so in den Büchern gelesen … )

Ich war damals gar kein blutjunger Referendar, doch besinne ich mich noch sehr genau, einmal, als das Studium schon vorbei war und die Examensbüffelei und alles, in der Universität gesessen zu haben, zu Füßen eines großen Lehrers, und ich schand sein Kolleg – – schund? schund sein Kolleg. Da ging mir manches auf.

Da verstand ich auf einmal alles, was vorher, noch vor drei Jahren, dunkel gewesen war; da sah ich Zusammenhänge und hörte mit Nutzen und schlief keinen Augenblick; da war ich ein aufmerksamer und brauchbarer Student. Da – als es zu spät war. Und darum möchte ich noch einmal Student sein.

Das Unheil ist, dass wir zwischen dreißig und vierzig keinen Augenblick Atem schöpfen. Das Unheil ist, dass es hopp-hopp geht, bergauf und bergab – und dass doch gerade diese Etappe so ziemlich die letzte ist, in der man noch aufnehmen kann; nachher gibt man nur noch und lebt vom Kapital, denn fünfzigjährige Studenten sind Ausnahmen. Schade ist es.

Halt machen können; einmal aussetzen; resümieren; nachlernen; neu lernen – es sind ja nicht nur die Schulweisheiten, die wir vergessen haben, was nicht bedauerlich ist, wenn wir nur die Denkmethoden behalten haben – wir laufen Gefahr, langsam zurückzubleiben … aber es ist nicht nur des Radios und des Autos wegen, dass ich Student sein möchte.

Ich möchte Student sein, um mir einmal an Hand einer Wissenschaft langsam klarzumachen, wie das so ist im menschlichen Leben. Denn was das geschlossene Weltbild anlangt, das uns in der Jugend versagt geblieben ist – »dazu komme ich nicht« sagen die Leute in den großen Städten gern, und da haben sie sehr recht. Und bleiben ewig draußen, die Zaungäste.

Wie schön aber müßte es sein, mit gesammelter Kraft und mit der ganzen Macht der Erfahrung zu studieren! Sich auf eine Denkaufgabe zu konzentrieren! Nicht von vorn anzufangen, sondern wirklich fortzufahren; eine Bahn zu befahren und nicht zwanzig; ein Ding zu tun und nicht dreiunddreißig. Niemand von uns scheint Zeit zu haben, und doch sollte man sie sich nehmen. Wenige haben dazu das Geld. Und wir laufen nur so schnell, weil sie uns stoßen, und manche auch, weil sie Angst haben, still zu stehen, aus Furcht, sie könnten in der Rast zusammenklappen –

–  Student mit dreißig Jahren … auch dies wäre Tun und Arbeit und Kraft und Erfolg – nur nicht so schnell greifbar, nicht auf dem Teller, gleich, sofort, geschwind … Mit welchem Resultat könnte man studieren, wenn man nicht es mehr müßte! Wenn man es will! Wenn die Lehre durch weitgeöffnete Flügeltüren einzieht, anstatt durch widerwillig eingeklemmte Türchen, wie so oft in der Jugend!

Man muß nicht alles wissen … »Bemiß deine Lebenszeit«, sagt Seneca, »für so vieles reicht sie nicht.« Und er spricht von Dingen, die man vergessen sollte, wenn man sie je gewußt hat. Aber von denen rede ich nicht. Sondern von der Lust des Lernens, das uns versagt ist, weil wir lehren sollen, ewig lehren; geben, wo wir noch nehmen möchten; am Ladentisch drängen sich die Leute, und ängstlich sieht die gute Kaufmannsfrau auf die Hintertür, wo denn der Lieferant bleibt … ! Ja, wo bleibt er –?

Ich möchte Student sein. Aber wenn ich freilich daran denke, unter wie vielen ›Ringen‹ und Original-Deutschen Studentenschaften ich dann zu wählen hätte, dann möchte ich es lieber nicht sein. Ad exercitium vitae parati estisne –? Sumus. [Seid Ihr nicht bereit das Leben zu studieren – ? Ja, sind wir.]

In diesem Sinne: wählt zum Studierendenparlament (bis Fr, 15.01.16, 18 Uhr) und Akademischen Senat (bis Mo, 18.01.16, 14 Uhr per Brief) aber vor allem: wählt selbst aktiv zu werden!

Jan 072016
 
Platzbesetzung des "Puerta Del Sol" 2011 in Madrid, Quelle: AFP PHOTO/ DANI POZO

Platzbesetzung des “Puerta Del Sol” 2011 in Madrid, Quelle: AFP PHOTO/ DANI POZO

Nach den Parlamentswahlen in Spanien am 20.12.2015 ist das korrupte Zwei-Parteien-System aus neoliberalen Sozialdemokraten (PSOE) und Konservativen (PP) politisch implodiert – und deren Austeritätspolitik der letzten Jahre gleich mit. Während die PP 16 Prozentpunkte (3,7 Mio. Stimmen) verliert, kommt die linke Alternative PODEMOS neu auf 20,6%. Schon bei den Kommunalwahlen im Mai 2015 wurde deutlich, dass die massiven sozialen Proteste der letzten Jahre auch in den Wahlen nachvollzogen werden: In den größten Städten wurden Menschen aus den sozialen Bewegungen mehrheitlich in Parlamente und Rathäuser gewählt. Seit bspw. die Aktivistin Ada Colau Bürgermeisterin von Barcelona ist, sind zum ersten Mal die Gedenkfeiern zu Francos Tod verboten worden, wurde die Kandidatur für Olympia 2026 zurückgezogen und Leerstand ist zu Sozialwohnungen und sozialen Zentren zwangsumgewandelt worden.

Ob die Selbstorganisierung der hunderttausenden von Zwangsräumung betroffenen Menschen, die selbsternannte „weiße Flut“ von Krankenhauspersonal, Patient*Innen und Migrant*Innen für eine öffentliche, inklusive Gesundheitsversorgung oder die Marchas de la Dignidad mit millionfacher Beteiligung, sie alle eint ein Ziel: Gegen die Inwertsetzung jeder Facette von Mensch und Natur durch neoliberale Austeritätspolitik soll die soziale, ökologische und friedliche Entfaltung menschlichen Lebens erkämpft werden unter demokratischer Beteiligung aller. „Ich denke die Gesellschaft hat nach den langen Jahren des Konsumismus und der Vereinzelung in dieser Hinsicht viel gelernt. Lange ist Politik, wenn überhaupt, nur als Verwaltungsproblem von Einzelnen behandelt worden. Man hat ignoriert, dass es um entgegengesetzte soziale Interessen geht. Ich denke, wir haben verstanden, dass Verantwortung nicht wegdelegiert werden darf.“ (Ada Colau, 2014, Mitgründerin des Netzwerks für von Hypotheken Betroffene PAH)

Die soziale Alternative zum anti-sozialen Neoliberalismus zu bilden und durchzusetzen ist nicht nur in Spanien aktuell und heiß umkämpft. Mit „Bologna“ und „Unternehmerischer Hochschule“ wurde den Hochschulen eine neoliberale Rosskur verordnet: fortan sollte Studium ausschließlich die Erlangung von „arbeitsmarktrelevanten Qualifikationen der europäischen Bürger“ sein (Bologna-Erklärung 1999). Das Hochschulsystem sollte komplett dem Ziel unterworfen werden, zum „wettbewerbfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt“ (Lissabon-Strategie der EU 2002) beizutragen. Doch der generelle Legitimationsverlust der neoliberalen Predigten ist auch im Wissenschaftsbereich erreicht worden: die studentische Bewegung erkämpft(e) über den Bildungsstreik 2009, die bundesweite Abschaffung der Studiengebühren und fundamentale Bachelor-Master-Kritik und praktizierte -Alternativen die mehrheitliche Ablehnung von „Bildung als Ware“ und „Studierende als Konsument*Innen“ und die Befürwortung kritischer Wissen- schaft. Doch die institutionelle Deformation wirkt (noch) weiter nach. Die Verantwortung für gesellschaftliche Verbesserungen  insbesondere der Hochschule – darf nicht von uns wegdeligiert werden. Das hat – wie Spanien zeigt – für weitere Reformen und dynamische Aufbrüche hohe Bedeutung.

Die aktuellen Wahlen zum Studierendenparlament (Urne vom 11.-15.01.2016) und Akademischen Senat (Brief bis zum 18.01.2016) finden also in dieser weltweiten Auseinandersetzung statt: Wird die Krise tendenziell nach links beantwortet und human gelöst (wie aktuell in Spanien, Griechenland oder im Hamburger Olympia-Referendum) oder soll die Konkurrenz um die künstlich verknappten Mittel weiter von rechts verschärft werden (wie aktuell noch in Frankreich oder Polen)? Die aufgerufenen Etappenerfolge zeigen die Richtung an: Wenn wir uns für die solidarische Alternative zusammentun, haben wir nichts zu verlieren als unsere Ketten, und eine Welt zu gewinnen. Dieser progressiven Auffassung muss auch in den aktuellen (Uni-) Wahlen Ausdruck verliehen werden.

Flyer als PDF gibts hier

Dez 142015
 
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Pablo Picasso, „War and Peace“, 1951

Anders als Regierungen und Parlamentsmehrheit in Großbritannien und der Bundesrepublik hat sich die Regierung Italiens aufgrund des Drucks der Friedensbewegung gegen die militärische Beteiligung beim Krieg in Syrien entschieden:

“Italien habe keine Angst, ‘seine eigene Meinung zum Thema Krieg zu vertreten’, sagte Renzi  [Regierungschef Italiens] bei einem Treffen mit Parteifreunden am Wochenende in Florenz. Man könne nicht einfach losziehen, ein paar Bomben werfen und glauben, man habe das Problem gelöst. Die Mörder von Paris seien nunmal in Europa geboren und aufgewachsen, so Renzi.” („No“ zum Syrien-Einsatz; Tilmann Kleinjung auf tagesschau.de am 13.12.2015)

Dass die weiteren Bomben auf Syrien keine Lösung für den Terror (wie jüngst in Paris, Beirut, Suruc) sind, haben in den letzten Tagen tausende Menschen auf den Straßen Europas zum Ausdruck gebracht. In diesen Friedensdemonstrationen wenden sich die Menschen gegen die Ursachen des Terrors: gegen den Krieg, der aus geostrategischen Interessen für die weitere Profitmaximierung betrieben wird. Allein die zivile Konfliktlösung schafft die Perspektive für eine friedliche Welt: Statt Bomben (oder Tornardos) zum Schutz von Profitinteressen muss der Waffen- und Ölhandel mit dem sog. Islamischen Staat (IS) sofort gestoppt werden, dafür ist auch – anstelle von Deals über “Flüchtlingsabwehr” – erheblicher Druck auf die türkische Regierung auszuüben. Die Geldquellen des IS müssen trockengelegt, sowie weitere Infrastruktur des IS ausgeschaltet werden, wie bspw. die Internetversorgung.

An der zivilen Konfliktlösung können und müssen sich die Hochschulen engagiert beteiligen. Mit einer Zivilklausel für die Hochschulen (auch im Gesetz) wird ein verbindlicher Maßstab gesetzt, dass Wissenschaft stets auf zivile Entwicklung gerichtet und – unterlegt mit bedarfsgemäßer Finanzierung – vor dem Zugriff des militärisch-industriellen Komplexes geschützt ist.

Unter dem Motto „Don’t bomb Syria!“ wird auch demonstriert für den Ausbau der Bildungs-, Kultur-, Gesundheits- und Sozialeinrichtungen, im Nahen Osten und hier. In Italien zeigen die Proteste erste Wirkungen: „Italien selbst will er [Renzi] mit Kultur und Bildung gegen den Fanatismus des IS immun machen. [...] Der Plan des Premiers: Italienerinnen und Italiener, die das 18. Lebensjahr vollenden, erhalten einen Kulturgutschein im Wert von 500 Euro – für Konzert- und Theaterbesuche, für Museen und Bücher.” (ebd.).

Doch statt allein Gutscheine zu verteilen, müssen die Bildungs- und Kultureinrichtung durch bedarfsgemäße Finanzierung allen ständig zugänglich gemacht werden. Der Jugendarbeitslosigkeit muss u.a. mit dem Ausbau von Studien- und Ausbildungsplätzen entgegen gewirkt werden. Dafür sind die Reichen- und Vermögenssteuern extrem anzuheben bzw. einzuführen. Diese Maßnahmen trocknen dann auch den Nährboden für rechte und faschistoide Ideologie (wie des IS) aus und eröffnen die Perspektive für Frieden, der eben mehr ist als nur die Abwesenheit von Krieg.

Ohne die künstlich geschaffene Konkurrenz um den Masterplatz oder die nächsten Drittmittel sind wir als Wissenschaftsbetreibende frei für umgreifende Friedenswissenschaft. So kann die Universität verstärkt ihrem gesellschaftlichen Auftrag nachkommen, für die soziale, demokratische und nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft zu wirken. Dafür müssen wir kämpfen: Sagen wir NEIN zu den Leistungsanforderungen des aktuellen Studiensystems und lasst uns zusammen lernen, die Welt human zu gestalten.

„Du. Forscher im Laboratorium. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst einen neuen Tod erfinden gegen das alte Leben, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!“ (Wolfgang Borchert, “Dann gibt es nur eins!”, 1947)

Flugblatt als PDF hier

Dez 132015
 
Wahlplakat 15/16

Wahlplakat 15/16

Die Unterlagen für die Wahl zum Studierendenparlament und dem Akademischen Senat sind in der letzten Woche verschickt worden und wir starten in die heiße Phase des Wahlkampfs vor Weihnachten.

Nach dem erfolgreichen Olympia-Referendum, das ein klares Signal für eine demokratische, soziale und nachhaltige Stadtentwicklung war, wollen wir den Wahlkampf als Politisierungsmöglichkeit nutzen, Menschen zu ermutigen, aus konformem Arrangement mit BaMa und Elternerwartungen auszubrechen, um gemeinsam für eine soziale Welt zu streiten.

Beim Studierendenparlament kandidieren wir auf Liste 12

Die Briefwahl geht noch bis zum 2. Januar 2016; die Urnenwahl findet statt vom 11. Januar bis 15. Januar 2016

Unsere große Listendarstellung findet ihr: hier; die kleine Listendarstellung:  hier

Eine Übersicht über alle kandidierenden Listen findet ihr hier auf der Homepage des Studierendenparlaments.

Unser Flugblatt “Die Angst hat die Seiten gewechselt”, das sich mit den Konsequenzen aus dem Olympia-Referendum beschäftigt, gibts hier

Unser Flugblatt “Bildung statt Bomben”, das sich mit Alternativen zum Bombenkrieg in Syrien und Wege zu einer friedlichen Welt beschäftigt, gibts hier

Beim Akademischen Senat kandidieren wir auf Liste 1

Wir haben nichts zu verlieren als unsere Ketten und eine Welt zu gewinnen!

Als einen humoristischen Ansatz des Umgangs mit dem häufig durch die Familie vermittelten Hegemonie-Druck möchten wir euch folgenden Text von Kurt Tucholsky ans Herz legen:

Die Familie

Die Griechen, die so gut wußten, was ein Freund ist, haben die Verwandten mit einem Ausdruck bezeichnet, welcher der Superlativ des Wortes ›Freund‹ ist. Dies bleibt mir unerklärlich.

Friedrich Nietzsche

Als Gott am sechsten Schöpfungstage alles ansah, was er gemacht hatte, war zwar alles gut, aber dafür war auch die Familie noch nicht da. Der verfrühte Optimismus rächte sich, und die Sehnsucht des Menschengeschlechtes nach dem Paradiese ist hauptsächlich als der glühende Wunsch aufzufassen, einmal, nur ein einziges Mal friedlich ohne Familie dahinleben zu dürfen. Was ist die Familie?

Die Familie (familia domestica communis, die gemeine Hausfamilie) kommt in Mitteleuropa wild vor und verharrt gewöhnlich in diesem Zustande. Sie besteht aus einer Ansammlung vieler Menschen verschiedenen Geschlechts, die ihre Hauptaufgabe darin erblicken, ihre Nasen in deine Angelegenheiten zu stecken. Wenn die Familie größeren Umfang erreicht hat, nennt man sie ›Verwandtschaft‹ (siehe im Wörterbuch unter M). Die Familie erscheint meist zu scheußlichen Klumpen geballt und würde bei Aufständen dauernd Gefahr laufen, erschossen zu werden, weil sie grundsätzlich nicht auseinandergeht. Die Familie ist sich in der Regel heftig zum Ekel. Die Familienzugehörigkeit befördert einen Krankheitskeim, der weit verbreitet ist: alle Mitglieder der Innung nehmen dauernd übel. Jene Tante, die auf dem berühmten Sofa saß, ist eine Geschichtsfälschung: denn erstens sitzt eine Tante niemals allein, und zweitens nimmt sie immer übel – nicht nur auf dem Sofa: im Sitzen, im Stehen, im Liegen und auf der Untergrundbahn.

Die Familie weiß voneinander alles: wann Karlchen die Masern gehabt hat, wie Inge mit ihrem Schneider zufrieden ist, wann Erna den Elektrotechniker heiraten wird, und dass Jenny nach der letzten Auseinandersetzung nun endgültig mit ihrem Mann zusammenbleiben wird. Derartige Nachrichten pflanzen sich vormittags zwischen elf und eins durch das wehrlose Telefon fort. Die Familie weiß alles, mißbilligt es aber grundsätzlich. Andere wilde Indianerstämme leben entweder auf den Kriegsfüßen oder rauchen eine Friedenszigarre: die Familie kann gleichzeitig beides.

Die Familie ist sehr exklusiv. Was der jüngste Neffe in seinen freien Stunden treibt, ist ihr bekannt, aber wehe, wenn es dem jungen Mann einfiele, eine Fremde zu heiraten! Zwanzig Lorgnons richten sich auf das arme Opfer, vierzig Augen kneifen sich musternd zusammen, zwanzig Nasen schnuppern mißtrauisch: »Wer ist das? Ist sie der hohen Ehre teilhaftig?« Auf der anderen Seite ist das ebenso. In diesen Fällen sind gewöhnlich beide Parteien davon durchdrungen, tief unter ihr Niveau hinuntergestiegen zu sein.

Hat die Familie aber den Fremdling erst einmal in ihren Schoß aufgenommen, dann legt sich die große Hand der Sippe auch auf diesen Scheitel. Auch das neue Mitglied muß auf dem Altar der Verwandtschaft opfern; kein Feiertag, der nicht der Familie gehört! Alle fluchen, keiner tuts gern – aber Gnade Gott, wenn einer fehlte! Und seufzend beugt sich alles unter das bittere Joch …

Dabei führt das ›gesellige Beisammensein‹ der Familie meistens zu einem Krach. In ihren Umgangsformen herrscht jener sauersüße Ton vor, der am besten mit einer Sommernachmittagsstimmung kurz nach einem Gewitter zu vergleichen ist. Was aber die Gemütlichkeit nicht hindert. Die seligen Herrnfelds stellten einmal in einem ihrer Stücke eine Szene dar, in der die entsetzlich zerklüftete Familie eine Hochzeitsfeierlichkeit abzog, und nachdem sich alle die Köpfe zerschlagen hatten, stand ein prominentes Mitglied der Familie auf und sagte im lieblichsten Ton der Welt: »Wir kommen jetzt zu dem Tafellied –!« Sie kommen immer zum Tafellied.

Schon in der großen Soziologie Georg Simmels ist zu lesen, dass keiner so wehtun könne, wie das engere Kastenmitglied, weil das genau um die empfindlichsten Stellen des Opfers wisse. Man kennt sich eben zu gut, um sich herzinniglich zu lieben, und nicht gut genug, um noch aneinander Gefallen zu finden.

Man ist sich sehr nah. Nie würde es ein fremder Mensch wagen, dir so nah auf den Leib zu rücken, wie die Kusine deiner Schwägerin, a conto der Verwandtschaft, Nannten die alten Griechen ihre Verwandten die ›Allerliebsten‹? Die ganze junge Welt von heute nennt sie anders. Und leidet unter der Familie. Und gründet später selbst eine und wird dann grade so.

Es gibt kein Familienmitglied, das ein anderes Familienmitglied jemals ernst nimmt. Hätte Goethe eine alte Tante gehabt, sie wäre sicherlich nach Weimar gekommen, um zu sehen, was der Junge macht, hätte ihrem Pompadour [große Handtasche] etwas Cachou [Puder] entnommen und wäre schließlich durch und durch beleidigt wieder abgefahren. Goethe hat aber solche Tanten nicht gehabt, sondern seine Ruhe – und auf diese Weise ist der ›Faust‹ entstanden. Die Tante hätte ihn übertrieben gefunden.

Zu Geburtstagen empfiehlt es sich, der Familie etwas zu schenken. Viel Zweck hat das übrigens nicht; sie tauscht regelmäßig alles wieder um.

Irgendeine Möglichkeit, sich der Familie zu entziehen, gibt es nicht. Mein alter Freund Theobald Tiger singt zwar:

Fang nie was mit Verwandtschaft an –

denn das geht schief,

denn das geht schief!

aber diese Verse sind nur einer stupenden Lebensunkenntnis entsprungen. Man fängt ja gar nichts mit der Verwandtschaft an – die Verwandtschaft besorgt das ganz allein.

Und wenn die ganze Welt zugrunde geht, so steht zu befürchten, dass dir im Jenseits ein holder Engel entgegenkommt, leise seinen Palmenwedel schwingt und spricht: »Sagen Sie mal – sind wir nicht miteinander verwandt –?« Und eilends, erschreckt und im innersten Herzen gebrochen, enteilst du. Zur Hölle.

Das hilft dir aber gar nichts. Denn da sitzen alle, alle die andern.

Peter Panter

Die Weltbühne, 12.01.1923, Nr. 2, S. 53,

wieder in: Mona Lisa.

Quelle: http://www.textlog.de/tucholsky-familie.html

Dez 202014
 

wahlplakat_sds_rev04Aktuell läuft die Wahl zum Studierendenparlament (StuPa). Bis zum 31.12. könnt ihr noch per Brief wählen. Vom 12.1. bis 16.1. dann jeweils von 10 bis 18 Uhr an der Urne eures Vertrauens. Wir vom SDS* würden uns freuen, wenn ihr gemeinsam mit uns aktiv werdet für eine demokratische, ausfinanzierte Universität, die Bildung und Wissenschaft im Dienst des Menschen betreibt und damit gesellschaftlich eingreift. Antonio Gramsci schreibt, dass die Krise in der Tatsache besteht, “daß das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann.” In diesem Sinne wollen wir die gesellschaftlichen Sackgassen (Krieg, BaMa-Terror, Krisenverschärfung) mit vielfältigen und lebendigen Umwälzungen kontern (Friedensbewegung, Studienrefom, Revolutionäre Reformen) und damit selbst die Alternative zur herrschenden Alternativlosigkeit sein. Kommt dafür gerne zu unseren offenen Gruppentreffen, immer Montags um 18.30 Uhr im Freiraum des Westflügels Edmund-Siemers-Allee 1. Wir freuen uns auch über eure Stimme bei der Wahl zum Studierendenparlament für die Liste 16, damit wir u.a. auch im nächsten AStA dabei sind.

Gerade finden auch die Wahlen zum Akademischen Senat statt. Dort kandidieren wir zusammen mit dem Bündnis für Aufklärung und Emanzipation (BAE!) auf Liste 3 (Programm).

Materialien zum StuPa-Wahlkampf des SDS*

Flugblatt1 – Studienreform: PDF

“Das aktuelle Bachelor-Master-System soll als Erziehung zu Konformität mit ökonomisch verwertbarem Studieninhalt davon abhalten, die gesellschaftlichen Probleme zu bearbeiten. Das macht krank und führt in eine Sackgasse. Das System soll uns nahe legen: Wenn du dich nur genügend anstrengst, leistest und dich anpasst,  wirst du es schon schaffen. Jeder sei also seines Glückes Schmied? Insbesondere in der (Vor-)Weihnachtszeit kommen dazu auch noch die nervigen Fragen der Verwandten, wie es denn so mit dem Studium laufe und welche Pläne man für „später“ habe.

Flugblatt2 – Friedensbewegung: PDF

“Das UNO-Flüchtlingskommissariat UNHCR meldete im Sommer 2014, dass Ende des Jahres 2013 weltweit über 51,2 Millionen Menschen auf der Flucht gewesen seien. Das ist ein neuer Höchststand seit dem Zweiten Weltkrieg. Neue Schätzungen gaben im März 2014 an, dass von über 23.000 Toten an den EU-Außengrenzen seit dem 1. Januar 2000 ausgegangen werden kann. Der Welternährungsbericht der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen weist daraufhin, dass die Weltbevölkerung heute problemlos doppelt ernährt werden könnte, während ca. 37.000 Menschen täglich verhungern und fast eine Milliarde Menschen permanent unterernährt sind. Das zeigt uns tagtäglich: Auf dieser Welt herrscht Krieg.

Flugblatt3 – Revolutionäre Reformen: PDF

“Es ist etwas los in Hamburg. Über 4000 Menschen aus allen Mitgliedergruppen aller Hamburger Hochschulen zogen als Sternmarsch am 9. Dezember 2014 durch die Innenstadt, um „Für die Ausfinanzierung der Hamburger Hochschulen  zum  allgemeinen Wohl“ und damit gegen die Kürzungs- und Entdemokratisierungspolitik des Hamburger Senats zu demonstrieren. Wir treten als Uni-Mitglieder dafür ein, mit Bildung und Wissenschaft zu einer zivilen, sozialen, demokratischen, ökologisch und ökonomisch nachhaltigen Entwicklung der Gesellschaft beizutragen, wie es im Leitbild der UHH heißt.

Große Listendarstellung: PDF

Kleine Listendarstellung: PDF

Plakat: PDF

Videos von der Listenvorstellung gibts hier.

Nov 162014
 

Die Wahl für das Studierendenparlament für die Legistlatur 15/16 starten im Dezember. Hier findet ihr die kleinen Listendarstellungen der kandidierenden Listen.

Die Listendarstellung des SDS* gibts hier:

liste_klein_4

 

 

 

Feb 052014
 

Autor: Florian Osuch, Quelle: Neues Deutschland

Aus den Wahlen zum Studierendenparlament an der Universität Hamburg sind linke Kräfte gestärkt hervorgegangen. Es ist nun möglich, dass kapitalismuskritische Listen zusammen mit Grünen und anderen fortschrittlichen Gruppierungen eine Mehrheit bilden. Die amtierende Koalition aus dem Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS), der FDP-nahe Liberalen Hochschulgruppe (LHG), den Jusos sowie mehreren Fakultätsvereinigungen hat ihre Mehrheit im Studierendenparlament verloren.

Das Studierendenparlament (StuPa) ist das höchste studentische Gremium der Universität. Die Mitglieder wählen den Allgemeinen Studierendenausschuss, der die Interessen der über 41 000 Studierenden der Universität Hamburg vertritt. Die Wahlbeteiligung erhöhte sich leicht auf 19 Prozent. Das StuPa umfasst 47 Sitze, insgesamt 20 Listen hatten sich zur Wahl gestellt. Größere Verluste verzeichnete die Juso-Hochschulgruppe, sie erreichte fünf Mandate (minus drei). Der RCDS erreichte zwei Sitze (minus ein) und die LHG unverändert ebenfalls zwei.

Das antikapitalistische Lager legte leicht zu und erhöhte die Zahl ihrer Mandate von zehn auf zwölf. Doch selbst wenn sie sich mit der größten Einzelfraktion, den Campus-Grünen (unverändert zehn Sitze), auf eine Koalition verständigen sollten, sind sie auf weitere Partner angewiesen. Es bleibt abzuwarten, ob die Spasstruppe »Die Partei«, die mit einer eigenen Liste immerhin drei Sitze (plus ein) erreichte, eine fortschrittliche Mehrheit im StuPa unterstützen wird.

Linke Kräfte, wie etwa der Sozialistische Demokratische Studierendenverband (SDS), hatten besonders die Entpolitisierung und die reine Serviceorientierung des als »rechts« bezeichneten AStA kritisiert. Auf den SDS entfielen unverändert drei Sitze. Es komme nun darauf an, den Campus als Ort politischer Auseinandersetzungen neu zu beleben, sagte Franziska Hildebrandt, die für den SDS neu ins Studierendenparlament einzieht. Das StuPa konstituiert sich im April nach den Semesterferien. Erst dann wird auch der AStA gewählt – genügend Zeit also für Koalitionsberatungen. Kritisiert wurde ebenfalls, dass sich der AStA zu drängenden Problematiken in der Stadt in der Regel wenig kritisch äußert, wie etwa zuletzt zum eingerichteten »Gefahrengebiet« oder auch zum rassistischen Umgang mit einer Gruppe Lampedusa-Flüchtlinge.