Apr 012017
 

Vor kurzer Zeit ist die beeindruckende Ingeborg Rapoport mit 104 Jahren gestorben. Sie war Kommunistin und die europaweit erste Professorin für Neugeborenenheilkunde in der DDR. Sie studierte Medizin in Hamburg und floh als „Halb-Jüdin“ 1938 mit unvollendeter Promotion vor den deutschen Faschisten in die USA. Von dort vor der Kommunisten-Jagd in der McCarthy-Ära in die DDR. Vor einem Jahr holte sie die Disputation ihrer Doktorarbeit nach und dürfte damit die wohl älteste Promovendin der Welt sein.

Als AStA hatten wir uns dafür eingesetzt, dass nach ihr ein Studierendenwohnheim benannt wird. Das Flugblatt findet ihr hier (PDF).

—–

 

© APA/dpa/Bodo Marks

Ingeborg Rapoport; © APA/dpa/Bodo Marks

Das nach einem faschistischen Arzt benannte Studierendenwohnheim Paul-Sudeck-Haus soll auf Initiative des dortigen Heimrats umbenannt werden. Eine neue Namensgeberin drängt sich auf: die 103-Jährige, als „Halb-Jüdin“ von den Nazis aus Hamburg vertriebene Professorin für Neugeborenenheilkunde, Ingeborg Rapoport.

In Winterhude steht das Paul-Sudeck-Haus, ein Wohnheim des Studierendenwerks Hamburg. Paul Sudeck (1866-1945) war Mitglied der farbentragenden, pflichtschlagenden Tübinger Burschenschaft Derendingia, von 1923-1935 Direktor der Chirurgie und Ordinarius des Universitäts-Klinikums Eppendorf (UKE) und als solcher für die Durchführung von Zwangssterilisationen im Rahmen des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ von 1933 verantwortlich. Er unterzeichnete außerdem den „Ruf an die Gebildeten der Welt“i, der am 11. November 1933 in der Alberthalle in Leipzig als festliches Gelöbnis „deutschler Gelehrter“ vorgetragen wurde.ii Darin richtet Paul Sudeck als Teil der deutschen Wissenschaft „aus tiefer Überzeugung heraus [...] an die Gebildeten der ganzen Welt den Appell, dem Ringen des durch Adolf Hitler geeinten deutschen Volkes um Freiheit, Ehre, Recht und Frieden das gleiche Verständnis entgegenzubringen, welches sie für ihr eigenes Volk erwarten.“

Gegen die Verunstaltung ihres Wohnheims durch Faschisten-Benennung und -Büste haben die Studierenden des dortigen Heimrats ausführlich diskutiert und beschlossen, die Benennung des Gebäudes zu Ehren der von den Nazis als sog. „Halb-Jüdin“ aus Hamburg vertriebenen Ärztin Prof. Dr. Ingeborg Rapoport in die Wege zu leiten. Am 13. Mai 2015 hat diese mit 102 Jahren als wohl älteste Promovendin der Welt ihre vor fast 80 Jahren fertig geschriebene Doktorarbeit am UKE erfolgreich mündlich verteidigt, nachdem ihr dies 1937 von den Faschisten untersagt worden war. Aber der Reihe nach, warum wir überzeugt sind, dass sie die perfekte Namensgeberin ist.

Ingeborg Rapoport wurde 1912 in der deutschen Kolonie Kamerun geboren, wuchs aber in Hamburg auf, besuchte das Heilwig-Mädchengymnasium, studierte Medizin an der Universität Hamburg – zu der Zeit als Paul Sudeck Ordinarius war – bis zum Staatsexamen und war anschließend Assistenzärztin am Israelitischen Krankenhaus. 1938 floh sie vor den Faschisten in die USA, wo sie ihren Medical Doctor machte und als Kinderärztin arbeitete und forschte. Zusammen mit ihrem Ehemann Samuel Mitja Rapoport engagierte sie sich in der Communist Party USA, vor allem für einen Stopp der Atombombenversuche, die Verbesserung der sozialen Lage der ArbeiterInnen und für die Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerung. Obwohl ihr Mann von Präsident Truman für seine Forschung zur längeren Haltbarkeit von Blutkonserven ausgezeichnet worden war, drohte beiden 1950 eine Vorladung wegen „unamerikanischer Umtriebe“ vor den berüchtigten Senats-Ausschuss, der vom Republikaner Joseph McCarthy geleitet wurde, der zu den Hochzeiten des Kalten Krieges die Personifizierung von Hetze und Verfolgung gegenüber KommunistInnen war. Daher flohen sie erneut – diesmal über Israel, Zürich und Wien (McCarthy verhinderte unter Androhung der Entziehung von US-Subventionen eine Anstellung an der Wiener Universität) – in die DDR. Dort habilitierte Ingeborg Rapoport sich 1959 und wurde 1968 zur europaweit ersten Professorin für Neonatologie (Neugeborenenheilkunde) an die Kinderklinik der Charité in Berlin berufen. Bis heute werden sie und ihr Ehemann dort als medizinische Vorbilder in Ehren gehalten, wie der Vorstandsvorsitzende der Charité und der Präsident der Humboldt-Universität bei einem Festakt 2012 bekräftigten.iii Auch und gerade weil ihre Ambitionen über das rein Medizinische hinaus gingen und gehen: „Ich war und bin der Meinung, dass die Medizin ein Sektor der Gesellschaft ist, in dem kein Profit gemacht werden darf. Das Arztsein, das Verhältnis zwischen Arzt und Patient, verträgt sich nicht mit einem merkantilen Rahmen. Überhaupt wünsche ich mir, dass die Welt gerecht verteilt wird, dass ethische Prinzipien das Handeln bestimmen und ein Weg gefunden wird, eine friedliche und für alle erfreuliche Gesellschaftsordnung zu schaffen.“iv

Sie trug forschend und gesundheitspolitisch erheblich dazu bei, dass die Säuglingssterblichkeitsraten in der DDR zu den niedrigsten weltweit gehörten. U.a. war sie über 20 Jahre Mitglied in einer Kommission, die anhand der global höchsten wissenschaftlichen Standards jeden einzelnen Kindersterbefall auf die medizinische und soziale Vermeidbarkeit hin untersuchte und Empfehlungen für staatliche Stellen verfasste. Der Kern ihres Engagements war ihr humanistisches Verständnis der untrennbaren Verknüpfung von Medizin und sozialem Umfeld: „Die beste menschlichste und wissenschaftliche Medizin bleibt letztlich hilflos unter Bedingungen sozialen Elends.“ v

Dieses Weltbild spiegelt sich auch wieder in der Gestaltung des Lehr-Lern-Verhältnisses, an dem von Mitja Rapoport aufgebauten Biochemischen Institut der Humboldt-Universität zu Berlin: „So wie ich es sehe, war es das Bestreben, ohne die an deutschen Universitäten immer noch üblichen traditionellen Schranken zwischen akademischen Lehrern und Studenten auf einer Basis von gleich und gleich miteinander zu arbeiten, offen für gegenseitige Kritik und Fragen. Außerdem war es Mitjas Anliegen, Studenten, die einmal zum Medizinstudium zugelassen waren, auch so zu fördern, daß wissenschaftlich gebildete und humanistisch denkende und fühlende Ärzte aus ihnen wurden.“ vi

Alles in allem kann man also sagen, dass wir als Universität, wir als UKE und wir als Studierendenwerk kaum eine bessere Wahl treffen könnten, als mit der bis heute nachwirkenden faschistischen Vergangenheit ausnahmslos Schluss zu machen und zu Ehren einer lebenslang humanistisch, sozialistisch und friedensbewegt engagierten, beeindruckenden Persönlichkeit das Studierendenwohnheim in Winterhude nach der aktuell stattfindenden Renovierung als Ingeborg-Rapoport-Haus wiederzueröffnen.

Ingeborg Rapoport würde sich darüber sicher ebenfalls sehr freuen, denn es wird als ein Akt tätigen Erinnerns dazu beitragen, das bisher noch uneingelöste Versprechen des Schwurs von Buchenwald zu erfüllen, am „Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit“ zu arbeiten. Auf eine Frage, was sie als 102-Jährige nach ihrer frisch erfolgten Promotion jetzt noch vorhabe, antwortete sie lebhaft: „Ich möchte noch ein bisschen protestieren gegen die Kriegshetzerei.“

Als AStA unterstützen wir daher die Initiative der Studierendenselbstverwaltung des Wohnheims und werden uns gemeinsam mit dieser für die Umbenennung beim Studierendenwerk einsetzen.

Weitere Hintergrundinformationen:

a) Autobiographie „Meine ersten drei Leben“ von Ingeborg Rapoport; 2002 (1997)

b) mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Dokumentation (2003) „Die Rapoports – Unsere drei Leben“ (ZDF und ARTE) über das Leben von Ingeborg und Samuel Mitja Rapoport; Deutschland 2003, 60 Minuten, Buch und Regie: Sissi Hüetlin, Britta Wauer; im Auftrag des ZDF in Zusammenarbeit mit ARTE

c) Dokumentation des Akademischen Festakts am 8.10.2012 an der Charité Berlin anlässlich des 100. Geburtstags von Prof. Dr. Ingeborg Rapoport und Prof. Dr. Mitja Rapoport; herausgegeben von Johann Gross und Gisela Jacobasch; Situngsberichte der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften, Band 115, Jahrgang 2013

i Nachdem der nationalsozialistische Staat zuvor durch das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums massiv in die wissenschaftliche Lehrfreiheit der Hochschulen eingegriffen hatte, indem er Wissenschaftler jüdischen Glaubens oder Herkunft oder einfach nur Wissenschaftler demokratischer Gesinnung aus dem Amt vertrieben hatte und die Selbstbestimmung der Universitäten durch die Einführung des Führerprinzips beseitigt worden war und die NSDAP dort einen bestimmenden Einfluss gewonnen hatte, folgte der „Ruf an die gebildeten der Welt“:
„Alle Wissenschaft ist unlösbar verbunden mit der geistigen Art des Volkes, aus dem sie erwächst. Voraussetzung erfolgreicher Arbeit ist daher die unbeschränkte geistige Entwicklungsmöglichkeit und die kulturelle Freiheit der Völker. Erst durch das Zusammenwirken der volksgebundenen Wissenschaftspflege der einzelnen Völker ersteht die völkerverbindende Macht der Wissenschaft. Unbeschränkte geistige Entwicklung und kulturelle Freiheit der Völker können nur gedeihen auf der Grundlage gleichen Rechts, gleicher Ehre, gleicher politischer Freiheit, also in der Atmoshpähre eines wirklich allgemeinen Friedens. Aus tiefer Überzeugung heraus richtet die deutsche Wissenschaft an die gebildeten der ganzen Welt den Appell, dem Ringen des durch Adolf Hitler geeinten deutschen Volkes um Freiheit, Ehre, Recht und Frieden das gleiche Verständnis entgegenzubringen, welches sie für ihr eigenes Volk erwarten.“
ii Martin Heidegger als einer der Festredner: „Deutsche Lehrer und Kameraden! Deutsche Volksgenossen und Volksgenossinnen! [...] Wir haben uns losgesagt von der Vergötzung eines boden- und machtlosen Denkens. Wir sehen das Ende der ihm dienstbaren Philosophie. Wir sind dessen gewiß, daß die klare Härte und die werkgerechte Sicherheit des unnachgiebigen einfachen Fragens nach dem Wesen des Seins wiederkehren. Der ursprüngliche Mut, in der Auseinandersetzung mit dem Seienden an diesem entweder zu wachsen oder zu zerbrechen, ist der innerste Beweggrund des Fragens einer völkischen Wissenschaft. [...] Die nationalsozialistische Revolution ist nicht bloß die Übernahme einer vorhandenen Macht im Staat durch eine andere … Partei, sondern diese Revolution bringt die völlige Umwälzung unseres deutschen Daseins. Von nun an fordert jedwedes Ding Entscheidung und alles Tun Verantwortung.“ (S. 13 f. der Ausgabe Leipzig 1933)
iii Dokumentation des Akademischen Festakts am 8.10.2012 an der Charité Berlin anlässlich des 100. Geburtstags von Prof. Dr. Ingeborg Rapoport und Prof. Dr. Mitja Rapoport; herausgegeben von Johann Gross und Gisela Jacobasch; Situngsberichte der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften, Band 115, Jahrgang 2013
a) Prof. Dr. Karl Max Einhäupl, Vorstandsvorsitzender der Charité Berlin:

„Wir, die Charité sind stolz darauf, dass wir uns auf Sie [Ingeborg und Mitja Rapoport] berufen können und werden ihr Andenken sowie das Ihres Mannes in Ehren halten und weiter treiben.“ (a.a.O.; Seite 9)
b) Prof. Dr. Jan-Hendrik Olbertz, Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin:
„Ich möchte die Charité darin bestärken, die eigenen Wurzeln und Traditionen zu wahren, eine Kultur der Erinnerung zu pflegen und zugleich als Fundament zu nutzen, sich den neuen Anforderungen der modernen Hochleistungsmedizin zu stellen. Dazu gehört, sich der eigenen Geschichte zu vergewissern und immer wieder Humanität als Verpflichtung aufzurufen. […] In diesem Sinne braucht die junge Generation von Ärztinnen und Ärzten, medizinischen Forscherinnen und Forschern ebenso wie medizinischen Pflegekräften Vorbilder. Ich weiß, verehrte Frau Rapoport, dass Sie sich, gerade auch im Gespräch mit Auszubildenden der Krankenpflege, immer wieder darum bemüht haben, sie für den Beruf zu begeistern.“ (a.a.O.; Seite 12 f)
c) Prof. Dr. Burkhard Schneeweiß, ehem. Student von Ingeborg Rapoport:
„Wodurch war ihre Arbeitsweise gekennzeichnet? Womit beeinflusste Sie uns Jüngere und prägte unser fachliches Denken? Zunächst muteten uns ihre Visiten recht ‘theoretisch’ an. Ja, sie imponierte angangs als ‘unbequeme’ Oberärztin, weil sie Patientenvorstellungen häufig unterbrach und bis ins Detail hitnerfragte. Wir wussten recht bald, diese Oberärztin gibt sich nicht mit vorgetragenen Fakten zufrieden, sondern zerlegte sie mit ihren Fragen, wobei sie niemals ‘von oben herab’ fragte. Ihr Hintergrund war – das wurde uns schnell klar – wissenschaftliche Neugier.“
(a.a.O.; Seite 82)
iv Lebenslauf aus der taz vom 28.12.2015; https://www.taz.de/!5264066/
v „Trieb mich anfangs nur der heiße Wunsch zur Medizin, kranken und hilflosen Menschen zu helfen – sozusagen auf einer Woge christlicher Barmherzigkeit –, und packte mich dann die Leidenschaft, differential-diagnostische Rätsel am Einzelpatienten zu lösen, so war ich doch lange Jahre hindurch in meiner Sicht auf nur einen Ausschnitt der Medizin beschränkt. Zwei Dinge rissen für mich den Horizont auf: der Zugang zur Forschung und die ersten tiefen Einblicke in die untrennbare Verknüpfung von Medizin und sozialem Umfeld. Die beste menschlichste und wissenschaftliche Medizin bleibt letztlich hilflos unter Bedingungen sozialen Elends. Die heutige Welt liefert dafür die zwingendsten und schrecklichsten Beweise. Aber auch die Umkehrung des Satzes stimmt: Selbst das beste soziale Umfeld ist ohne eine wissenschaftlich und humanistisch hochstehende Medizin Krankheiten gegenüber ohnmächtig.“ („Meine ersten drei Leben“ von Ingeborg Rapoport; Seite 371)
vi „Im Jahre 1954, als ich meine Aspirantur am Biochemischen Institut der Humboldt-Universität begann, war das Institut bereits zu eimen festgefügten Lehr- und Forschungskollektiv zusammengewachsen, geprägt von den Ideen, die Mitja aus den österreichischen und amerikanischen Erfahrungen und seinen Vorstellungen über ein sozialistisches Verhältnis zwischen Lehrkörper und Studentenschaft geschöpft hatte. Man mag fragen, was letzteres bedeutet. So wie ich es sehe, war es das Bestreben, ohne die an deutschen Universitäten immer noch üblichen traditionellen Schranken zwischen akademischen Lehreren und Studenten auf einer Basis von gleich und gleich miteinander zu arbeiten, offen für gegenseitige Kritik und Fragen. Außerdem war es Mitjas Anliegen, Studenten, die einmal zum Medizinstudium zugelassen waren, auch so zu fördern, daß wissenschaftlich gebildete und humanistisch denkende und fühlende Ärzte aus ihnen wurden. Mitja lehnte das Prinzip des unpersönlichen ‘Herausprüfens’ von Studenten mit schwächeren Leistungen ab und führte das Seminarsystem ein, bei dem Gruppen von 20 bis 25 Studenten einem Assistenten zugeteilt wurden.“ (a.a.O.; Seite 282 f)