Jun 192014
 

Insbesondere müssen wir uns mit dem Ziel der Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Hochschulsystems befassen“, heißt es in der Bologna-Erklärung verräterisch. Damit ist diese Erklärung im Kontext einer gesamtgesellschaftlichen neoliberalen Entwicklung innerhalb der EU zu sehen, welche die Ziele und Funktionsweisen von Bildung und Wissenschaft gegen heftige Kritik aus den Bildungseinrichtungen stark verändert hat. Am 19. Juni 1999 wurde die Bologna-Erklärung, die EU-weit das Bachelor-Master-System einführte, von den Bildungsministern der EU-Länder unterschrieben. Was sich bereits vor 15 Jahren ankündigte, ist spätestens heute deutlich: Die sogenannte Bologna-Reform ist grundlegend gescheitert!

Es wurde nicht erreicht, was behauptet wurde: Der Austausch und die Mobilität der Studierenden sollten befördert werden, doch Konkurrenz schafft keine Kooperation. Es wurde nicht erreicht, was beabsichtigt war: Billiges Humankapital sollte nach verkürzten Studienzeiten auf den Arbeitsmarkt gespült werden, doch selbst die Arbeitgeber beschweren sich mittlerweile über dieses Studiensystem. Und es wurde nicht erreicht, was gesellschaftlich notwendig ist. Die Fragen, die wissenschaftlich bearbeitet werden müssen, schreien in der aktuellen Krise nach Lösungen: Wie schaffen wir gewaltfreie Konfliktlösung gegen die imperialistische Landnahme, wie aktuell in der Ukraine? Wie errichten wir demokratische Strukturen gegen die Macht des Marktes, damit die Interessen der Menschen und nicht des Profits den Mittelpunkt bilden? Wie lösen wir das Problem der sozialen Ungleichheit, wie überwinden wir die Schuldenbremsen-Politik? Wie lässt sich die permanente Zerstörung der Umwelt aufhalten? Diese Fragen müssen Teil der Wissenschaft und somit des Studiums sein!

An der Uni Hamburg hat die intensive Studienreform einige neoliberalen Instrumente des Ba-Ma-Systems zurückdrängen können: (Modul-) Fristen sind abgeschafft (spätestens im Oktober überall durch das neue Hochschulgesetz), der Anwesenheitszwang ist überwunden, der frühere Bereich „Allgemeine Berufsqualifizierende Kompetenzen“ soll in ein Labor für gesellschaftskritisches Projektstudium genutzt werden, die Prüfungslast wurde reduziert. Die Studienstruktur muss auf die Ermöglichung von emanzipatorischer Bildung ausgerichtet sein, die am Interesse der Menschen anschließt, diese herausarbeitet und erweitert. Es geht also darum, (pädagogische) Verhältnisse zu etablieren, die es tatsächlich ermöglichen, wie Antonio Gramsci schreibt, „die eigene Weltauffassung bewusst und kritisch auszuarbeiten und folglich […], an der Hervorbringung der Weltgeschichte aktiv teilzunehmen, Führer seiner selbst zu sein und sich nicht einfach passiv und hinterrücks der eigenen Persönlichkeit von außen den Stempel aufdrücken zu lassen.“ (Antonio Gramsci: Gefängnishefte.)

In der aktuellen, tiefen Krise kommt es umso mehr darauf an, dass die Hochschulen mindestens Teil – wenn nicht Initiator – von gesellschaftlicher Bewegung für eine soziale Gesellschaft sind. Dafür müssen wir sie in die Lage versetzen. Das Hochschulgesetz muss durch die aktuelle Novelle die „unternehmerische Hochschule“ für immer in die Geschichte verbannen. Die Studienreform muss für kritischen Gesellschaftsbezug mit der Verwertbarkeitsorientierung brechen. Die öffentlichen Mittel der Universität müssen dafür aufgestockt werden.

Der Kampf um die Ausrichtung der Hochschulen ist der Kampf um die Ausrichtung der gesellschaftlichen Entwicklung: Solidarität statt Konkurrenz! Die neoliberale Deformierung kann nur durch eine solidarische Reformierung von unten überwunden werden. Dafür müssen wir uns organisieren und qualifizieren, so dass auf allen Ebenen die neoliberale Doktrin angegriffen und überwunden wird. Vor diesem Hintergrund ist auch ein linker AStA zu bilden, der die Studienreform in diesem Sinne weiter treibt. Außer den Ketten des Bachelor-Master-Studiums haben wir nichts zu verlieren, aber die ganze Universität zu gewinnen.

Sitzung des Akademischen Senats

am 19.06.14, um 14 Uhr c.t., im ESA W Raum 221, mit Diskussion über das Leitbild Lehre

Bürgerschaftssitzung

am 18.06.14 ab 15 Uhr im Rathaus mit der 1. Lesung des HmbHG-Entwurfs

Zur Regionalkonferenz von dielinke.SDS nach Jena

vom 20. – 21.06.14 „Auf zu neuen Ufern – wohin steuert die Uni?“.
u.a. mit Klaus Dörre und Andreas Merkens; www.wohin-steuert-die-uni.de/

Dez 042013
 

Die neuen Lehrpläne hätten die Prüfungen vollständig abschaffen sollen; heute eine Prüfung abzulegen muß ungeheuer mehr ‘Glücksspiel’ sein als früher. Eine Jahreszahl ist stets eine Jahreszahl, welcher Lehrer auch immer prüft, und eine ‘Definition’ bleibt stets eine Definition; aber ein Urteil, eine ästhetische oder philosophische Analyse?“

Antonio Gramsci, Gefängnishefte, 1929-35, Heft 12 §2

Was Antonio Gramsci bereits vor dem Zweiten Weltkrieg über den Zustand des Schulsystems und die Lernmethoden schreibt, ist heute im Hochschulbereich erstaunlich aktuell. Unter dem Schlagwort employability sollte mit Bologna das gesamte Studiensystem auf die Befriedigung von unmittelbaren Marktinteressen ausgerichtet werden. Studieninhalte sollten an ökonomischer Verwertbarkeit orientiert werden und die bevormundende Verregelung (Fristen, Anwesenheitspflicht, Kreditpunkte, Pflichtkurse) dazu führen, dass Studierende genauso wie Lehrende vor allem zur Erfüllung von Anforderungen und zu Konformität erzogen werden.

Wie in allen Bereichen führt die Orientierung am Prinzip der Profitmaximierung auch in Universität und Wissenschaft in eine gesellschaftliche Sackgasse. Die Uni als Institution der Wissenschaft muss sich entsprechend ihrer öffentlichen Verantwortung als gesellschaftliche Akteurin um die Lösung gesellschaftlicher Probleme kümmern. Daher kann das Studium nur ein in diesen dynamischen Prozess wechselseitig integrierter Teil davon sein. So verstanden ist emanzipatorische Bildung die gemeinsame Befreiung des Menschen von unbegriffenen Mächten durch die Entmystifizierung von Natur und gesellschaftlichen Verhältnissen hin auf ein solidarisches Miteinander. Sie bezeichnet also eine die Persönlichkeit formende, aktive Praxis innerhalb der umfassenden, kollektiven Praxis der positiven Gesellschaftsveränderung.

Daher kämpfen wir im Rahmen der Studienreform dafür, das universitäre Lernen zu entrestriktionieren und es mit einem kritischen Gesellschaftsbezug überall zu durchwirken. Dabei sind Form und Inhalt des Studiums nicht voneinander zu trennen: Gesellschaftskritik lässt sich nicht in einer Multiple-Choice-Klausur abprüfen. Erste Erfolge sind die Abschaffung der Anwesenheitspflicht sowie Fristen und der Umbau des verwertungsorientierten Bereichs „Allgemeine Berufsqualifizierende Kompetenzen“ (ABK) zum Optionalbereich. Dort kann z.B. über die Reetablierung des Projektstudiums der Ansatz des forschenden, exemplarischen und interdisziplinären Lernens laborhaft für das gesamte Studium erprobt werden. Weiterhin müssen Prüfungen zu Gunsten kooperativer Formen der Rückmeldung im Lernprozess abgeschafft werden.

Dadurch strukturell beförderte Bildung versteht sich „als entbundene Selbsttätigkeit, als schon vollzogene Emanzipation. Mit ihr begreift sich der Mensch als sein eigener Urheber, versteht er, daß die Ketten, die das Fleisch aufschneiden, von Menschen angelegt sind, daß es eine Aussicht gibt, sie zu zerreißen.“ (H. J. Heydorn, Über den Widerspruch von Bildung und Herrschaft, 1979)

Wissenschaft und Studium als gemeinsame Erarbeitung wissenschaftlicher Erkenntnisse von Lehrenden und Lernenden, das Erwirken gesellschaftlicher Alternativen und das Erkennen der eigenen Rolle darin haben gesamtgesellschaftlich eine ungeheure Sprengkraft.

Der umfassende Begriff der Wissenschaft ist erst dort gewonnen, wo er sich durch die technologische Rationalität hindurch zur kritischen Rationalität erweitert hat und wissenschaftliche Erkenntnis nicht als Produktivkraft im Industriesystem aufgeht, sondern als die Kraft realer Emanzipation in die Gesellschaft eingeht.“ – P. Fischer-Appelt/J. Berger: Kreuznacher Hochschulkonzept. Schriften der Bundesassistentenkonferenz 1, 1968

PDF-Version des Flyers hier

Nov 222012
 

Geschichte der Hochschuldemokratie

Mittwoch, den 28.11.2012, um 18 Uhr, VMP 6 (Philturm), Hörsaal F

Mit der Gründung der BRD 1949 sollte das Bildungswesen von Grund auf reformiert werden. Die nazistischen und militärischen Lehrinhalte sollten entfernt werden. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, hätten auch die Lehrenden und die Hochschuladministration erneuert werden müssen. Das blieb jedoch weitestgehend aus. Ein wesentlicher Ausgangspunkt für die Proteste der StudentInnen der 1960er und 1970er Jahre war die Tatsache, dass noch immer Professoren an der Hochschule unterrichteten, die das schon während der Nazizeit getan hatten. Mit dem Slogan “Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren” riefen sie auch zur Demokratisierung der traditionellen Ordinarienuniversitäten auf. Sie war in die Forderung nach Demokratisierung aller gesellschaftlichen Bereiche eingebettet. In den folgenden Jahren gelang es den Studierenden in mehreren Bundesländern, erweiterte Mitbestimmungsrechte in den Hochschulgesetzen zu verankern. Ziel der Studierenden war es, die Mitbestimmung und Beteiligung aller an der Hochschule vertretenen Gruppen – auch der Studentinnen – zu ermöglichen. Aus den Auseinandersetzungen um die Hochschulreform ging das Hochschulrahmengesetz von 1976; eine “staatlich regulierte und professorenorientierte Gruppenhochschule” hervor.
Zur Verbesserung der sozialen Mobilität wurde der „zweite“ und „dritte“ Bildungsweg ausgebaut. Er ermöglichte die Öffnung der Universitäten für bisher weitgehend ausgeschlossene Arbeiterkinder und vor allem Frauen. Auch dieser Reformeifer ließ Mitte der 1970er Jahre nach. Etwas später wurde Gleichstellungspolitik an den Hochschulen etabliert. Heute wird die erkämpfte Demokratisierung der HS zurückgedreht. Die Frage nach einem integrativen demokratischen Bildungssystem darf nicht aufgegeben werden.

https://www.facebook.com/events/117057465122123/

Die unternehmerische Hochschule

Mittwoch, den 5.12.2012, um 18 Uhr, VMP 9 (Ex-HWP), Raum S 7

Die Bologna-Reform leitete eine Kommerzialisierung des Forschungs- und Lehrbetriebs ein. Damit hielt das Paradigma der Profitmaximierung Einzug in den Hochschulalltag.

Sonja Staack, Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, spricht über die Umsetzung der Bologna-Beschlüsse und deren Auswirkungen.

https://www.facebook.com/events/182373808553909/

Geschichte der Hochschuldemokratie und Bologna-Prozess

Das 2001 von Jörg Dräger und dem CDU-Schill-Senat eingeführte Hochschulgesetz baute die Hochschule um zu einer Institution, die wie ein Unternehmen geführt werden sollte. Also ging es um Effizienz statt Demokratie. Um Drittmittel statt Kritische Wissenschaft. Ein Hochschulrat, der geheim tagt, Richtungsentscheidungen für die Uni trifft und zur Hälfte aus Leuten besteht, die mit der Uni nichts zu tun haben. Entscheidungsstrukturen von Oben nach Unten statt basisdemokratisch von Unten nach Oben. Und eine Fakultätenbildung, die mit wissenschaftlicher, demokratischer und organisatorischer Sinnhaftigkeit wenig zu tun hat.

Als wäre das nicht schon schlimm genug, hat das Bundesverfassungsgericht am 20. Juli 2010 entschieden, dass das Hamburgische Hochschulgesetz (HmbHG) in Teilen sogar gegen die Verfassung verstößt.

Seither hat der Senat, erst schwarz-grün und jetzt SPD, die Aufgabe, dieses Gesetz zu novellieren. Ein erster Entwurf der Wissenschaftssenatorin Dorothee Stapelfeldt, der eine Redemokratisierung der Hochschulen vorsah, wurde von der Wirtschaftsbehörde mit dem Hinweis kassiert, die Unis brauchten keine „aus dem politischen Archiv hervorgeholten Vorschläge für mehr Gruppendemokratie“ (taz vom 14.09.12). Dies ist besonders pikant, da mit Frank Horch der ehemalige Chef der Handelskammer nun der Chef der Wirtschaftsbehörde ist und die Handelskammer wiederum als Ghostwriter des Drägerschen Gesetzes von 2001 und gilt.

Aufgrund dieses Machtkampfes innerhalb des Senats verzögert sich die Novelle nun von Monat zu Monat. Laut neuesten Aussagen wird jetzt mit einem Entwurf im Februar 2013 gerechnet.

Damit eine Universität „zur Entwicklung einer humanen, demokratischen und gerechten Gesellschaft beitragen und Frauen und Männern gleichen Zugang zu Bildung und Wissenschaft eröffnen“ betragen kann, wie es im Leitbild der Universität Hamburg heißt, ist es dringen notwenig, die Universität wieder zu einer demokratischen Einrichtung zu machen, in der die verschiedenen Statusgruppen gleichberechtigt und nach dem Subsidiaritätsprinzip die Universität von Unten nach Oben gestalten.

Um uns darüber zu informieren, welche historischen Beispiele von basisdemokratischen Gruppenuniversitäten besonders seit 1968 existierten und welche Hürden in Zeiten von Bachelor-Master-System für eine Redemokratisierung zu nehmen sind, haben wir Gisela Notz und Sonja Staack vom Bund demokratischer Wissenschaftler*Innen eingeladen. Denn aus der Geschichte sollte mensch ja bekanntlich lernen!

Okt 192012
 

Geschichte
Modularisierung, Anwesenheitspflicht, Credit-Points, Bachelor, Master – Alles Begriffe, die heute zentral den Studienalltag von Millionen Studierenden prägen – bis vor einigen Jahren an den Hochschulen aber nicht existierten.
Dieser Artikel möchte euch zeigen, dass der Bologna-Prozess nicht über uns herein gebrochen ist wie ein Gewitter, sondern Ausdruck einer gesellschaftlichen Entwicklung ist, die die Funktionsweise und Logik von Bildung und Wissenschaft fundamental verändert hat. Er ist aber eben auch umkämpft, damals wie heute, und selbstverständlich veränderbar.
Die 68er haben durch ihre Kämpfe gegen die nationalsozialistische Kontinuität an Uni und Staat und für eine Kritische Wissenschaft eine grundlegende Umgestaltung der demokratischen Strukturen an den Hochschulen sowie eine soziale Öffnung des Studiums durchgesetzt. Die Verdoppelung der Studierendenzahl von Mitte der 1970er Jahre bis 1994 wurde allerdings nicht mit einer bedarfsgerechten Aufstockung der Mittel begleitet, sondern die Finanzierung wurde stattdessen eingefroren. Die durch diesen selbst geschaffenen Missstand entstandenen Probleme wurden dann als Argument benutzt, marktförmige Mechanismen im öffentlichen Bildungssystem zu installieren, Drittmittelabhängigkeiten zu erhöhen und die Hochschulen um die künstlich verknappten Mittel konkurrieren zu lassen. So hat sich z.B. das Verhältnis von Grund- zu Drittmitteln in der Forschung von 2:1 im Jahre 1995 auf 0,85 : 1 im Jahr 2008 verschlechtert. (Drittmittel sind Gelder, die nicht aus dem Etat der Hochschulen (Erstmittel) und nicht von staatlichen Stellen bzw. Stiftungen (Zweitmittel) kommen, sondern von Unternehmen oder privaten Geldgeber*Innen)
Dieser wieder erstarkte Marktfundamentalismus, der nach dem Wegfall der „Systemalternative“ 1989 allgegenwärtig war, war auch die treibende Kraft, die Gruppenhochschulen der 68er von der Hochschule als Dienstleistungsunternehmen, das sich im internationalen Wettbewerb beweisen muss, ablösen zu lassen.
Diese gesellschaftliche Entwicklung wurde im Bildungssektor maßgeblich von Akteuren wie dem European Round Table of Industrialists, einer Lobbyorganisation europäischer Großkonzerne, der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft oder dem Centrum für Hochschulentwicklung der Bertelsmann-Stiftung vorangetrieben. Bildung und Wissenschaft wurden als Standortvorteil in der internationalen Konkurrenz verstanden und der Sinn von Unis in der Ausbildung von „Humankapital“ gesehen.
Auf zahlreichen Konferenzen sowohl der Wirtschaft als auch des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung wurde sukzessive dafür geworben, dass u.a. das Studiums unterteilt wird in eine erste Stufe (Bachelor), die die Masse möglichst schnell für einen Beruf qualifizieren soll, und eine zweite Stufe (Master), die zu einer Karriere in Wissenschaft und Forschung befähigen soll.
Bis zur Verabschiedung der Bologna-Erklärung war es aber keinesfalls ein gerader Weg. Während des gesamten Prozesses waren die Reformvorschläge stets umkämpft. So konnte z.B. 1997 durch die bundesweiten „Lucky Streiks“ verhindert werden, dass das vom CDU-Ministerium vorgeschlagene „Credit-Point-System“ mitsamt den Studiengebühren eingeführt wird.
Die Bologna-Erklärung selbst, was oft übersehen wird, sieht keinesfalls zwingend vor, in Bachelor und Master zu unterteilen, sondern spricht stattdessen von zwei Zyklen, die genauso gut Diplom und Promotion hätten bleiben können. Von Modularisierung, Anwesenheitspflicht und Credit-Points steht dort ebensowenig.

Kritik und Möglichkeiten an der Uni Hamburg
Der Bologna-Prozess hat die Hochschulen und das Studium also grundlegend umstrukturiert.
Durch Proteste wie den Bildungsstreik 2009 und der Audimax-Besetzungswelle im Winter 2009/10 wurde die Kritik am Ba/Ma-System und der zunehmenden Neoliberalisierung des Bildungssystems öffentlich stärker wahrgenommen. Auch an der Uni Hamburg hat sich breiter Widerstand formiert, der neben der Kritik des Bestehenden auch aktiv nach positiven Lösungs- und Entwicklungsmöglichkeiten sucht. Dazu zählt die Konferenz „Schöne neue Bildung?!“, die im Sommer 2010 an der Fakultät für Erziehungswissenschaften, Psychologie und Bewegungswissenschaften stattfand. Auf der Konferenz, die mitgliedergruppenübergreifend organisiert wurde, das heißt von Studis, Uni-Mitarbeiter*Innen und Professor*Innen, wurde sich mit Vorträgen, Diskussionen und Workshops mit der Frage auseinandergesetzt was Bildung eigentlich für die Gesellschaft bedeutet und was die Uni für eine gesellschaftliche Aufgabe hat. „Wie kann [die Uni also] – gegen den neoliberalen Zeitgeist – weiterhin ihrem Auftrag zur Mitgestaltung einer humanen, toleranten und friedlichen Welt gerecht werden?“ (Zitat aus dem Buch „Schöne neue Bildung?!“, das im Anschluss der Konferenz im transcript-Verlag erschienen ist)

Die daraus folgende Kritik an der zunehmenden Verschulung und des Konkurrenzdruckaufbaus durch das Ba/Ma-System wurde weiter geschärft und in den Gremien dieser Universität vertreten. Nach längeren Auseinandersetzungen fand dann im April 2012 ein Dies Academicus mit dem Titel: „Bologna 2.0 – Wie wollen wir in Hamburg studieren? an der Uni Hamburg statt. (“Dies Academicus” ist ein Tag, an dem keine Vorlesungen stattfinden und sich stattdessen uniweit mit einem Thema auseinandergesetzt werden kann oder eine Vollversammlung stattfindet)

Da haben wir uniweit zu verschiedenen Teilaspekten des Bologna-Prozess diskutiert und einige Verbesserungen festgeschrieben. Die gilt es jetzt umzusetzen und vor allem weiterzuentwickeln. Auch wenn in den Medien immer öfters propagiert wird, dass der Bologna-Prozess in vielen Teilen gescheitert sei und die Arbeitgeber sich über die unzureichenden Abschlüsse beschweren, es bestehen immer Möglichkeiten des Widerstands und der progressiven Verbesserung! Denn eine grundlegende Studienreform ist dringend notwendig!

Dafür müssen unter anderem folgende Punkte realisiert werden:

1. Module weg! Für die freie Seminarwahl!
Module fassen mehrere Veranstaltungen zu einem sogenannten Baustein zusammen, alle Bausteine aufeinander gestapelt ergeben dann einen Bachelor-Abschluss. Module lassen also keine interessegeleitete Seminarwahl zu, sondern geben vor, welche Veranstaltungen gemeinsam belegt werden müssen. Weiter ist der Lehrinhalt in diesen Modulen festgezurrt und lässt so wenig neu entwickelte Erkenntnisse zu.

2. Anwesenheitszwang weg! Für ein würdiges Miteinander!
Wir sind alle an der Uni, weil wir lernen, lehren und forschen wollen. Die Anwesenheitskontrollen entwürdigen nicht nur die Kontrollierten, sondern ebenso auch die Kontrollierenden. Dass Bildung nur durch Zwang möglich sei, ist ein viel zu veraltetes Bildungsverständnis, das endlich mal für immer und ewig verbannt werden sollte. Für einen kooperativen Umgang muss die Kontrolle weg, also muss der Anwesenheitszwang in allen Veranstaltungen abgeschafft werden.

3. Prüfungen grundlegend überdenken!
6 Klausuren am Ende jedes Semesters? Dazu noch Hausarbeiten? Viele sprechen vom Bulimie-lernen. Aus eigener Erfahrung können wir sagen: Von den unzähligen Mutiple-Choice-Klausuren bleibt nicht viel hängen. Darüber hinaus bleibt es beim nur Auswendiglernen von Bestehendem, anstatt als das kritische Hinterfragen zu verinnerlichen. Die Prüfungssituationen müssen abgeschafft werden zu Gunsten einer kooperativen Vereinbarung zwischen Studis und Lehrenden, wie wann wo und was zu prüfen ist, bei der alle Beteiligten etwas lernen können.

4. Fristen weg! Für ein lebenslanges Studieren
Modulfristen, die festlegen in welchen Zeitrahmen ein Modul belegt und abgeschlossen werden muss, erhöhen den Zeitdruck. Nicht die Erlangung neuer Erkenntnisse und das kritische Hinterfragen des Bestehenden stehen im Mittelpunkt des Studiums, sondern vielmehr das erfolgreiche Bestehen von (Modul-)Prüfungen. Damit sich etwas ändert, müssen als erster Schritt die Fristen abgeschafft werden, damit Studierenden bewusst studieren
können und nicht gehetzt werden.

5. ABK weg! Für eine Verwissenschaftlichung des Studiums!
ABK bedeutet: “Allgemein berufsqualifizierende Kompetenzen”, was das sein soll, weiß auch niemand so genau. Die Studierenden sollen auf den Arbeitsmarkt vorbereitet werden, auf dem es zu wenig Arbeitsplätze gibt. Wir werden also auf Konkurrenz- und Profilkampf getrimmt. Da wird völlig außen vorgelassen, dass erstens der kapitalistische Arbeitsmarkt ganz schön in der Krise steckt und zweitens die Arbeitswelt nicht immer so bleiben muss, wie sie gearde strukturiert wird. Wir sollten viel mehr diskutieren, wie wir den Arbeitsmarkt verändern und wie die Produktionsmittel in die Hände der Arbeiter*Innen gelangen.
Geht in Eure Fachschaftsräte, organisiert Euch für Verbesserungen, lasst Euch für die Gremienarbeit aufstellen und wählen, bildet und äußert Kritik und positive Veränderungen!

Trotz allem Druck von vielen Seiten: Du musst nicht nach 6 Semester mit Deinem Bachelor-Studium fertig sein. Wir sind es auch nicht. Fachschaftsratarbeit und Gremienarbeit kannst Du Dir beispielsweise bestätigen und Dir beim BAFöG anrechnen lassen: zwei Semester Gremientätigkeit = ein Semester länger BAFöG. Für weitere Tipps und Tricks sprich Deinen Fachschaftsrat an oder komm zu unseren wöchentlichen Treffen.

Weitere Lektüre zu diesem Thema:
✗ Nicole Gohlke/Florian Butollo: „Hochschule im Kapitalismus“, Hamburg, 2012
✗ Informationsbroschüre der FSRK: hier