Jun 302014
 
Herbert Schui (ehem. Professor für Volkswirtschaftslehre an der HWP Hamburg)

Herbert Schui (ehem. Professor für Volkswirtschaftslehre an der HWP Hamburg)

Eine Veranstaltung der AG Antifa und der AG gegen Rechts der LINKEN Hamburg am 22.05.14

Viele sind in den letzten Jahrzehnten ärmer geworden – und wenige erheblich reicher. Dennoch gibt es in dieser Gesellschaft keine großen Konflikte. Welche Ideologie soll diese Gesellschaft zusammen­halten?

Der gesellschaftliche Kitt ist der politische Mythos vom ‘Leistungsträger’. Der Duden definiert diesen als jemand, der „durch die eigene Leistung entscheidend zu einer Gesamtleistung, zu einem Gesamter­folg beiträgt“. Nicht nur Manager, Unternehmer, erfolgreiche Freiberufler zählt die Propaganda zu den Leistungs­trägern. Auch Facharbeiter, Kernbelegschaften sollen sich so fühlen. So lobt Georg Nüßlein (CSU) in einer Bundestagsrede (13.9. 2012) „die fleißigen Arbeitnehmer und Arbeitgeber“, die täglich zu unserer Wettbe­werbsfähigkeit beitrügen. Das habe zu einem zweiten Wirtschaftswunder geführt. Also Arbeit und Kapital Hand in Hand als ‘Leistungsträger’. Die sollen eine Gemeinschaft bilden.

Wer nicht ‘Leistungsträger’ ist, gehört zum sogenannten Prekariat. Das Prekariat trägt nicht – folgt man dem Duden – zum Gesamterfolg bei. Es ist nicht gemeinschaftsfähig. Der Nestlé-Manager Helmut Maucher nennt das 1996 „Wohlstandsmüll“. Es seien „Leute, die entweder keinen Antrieb haben, halb krank oder müde sind, die das System einfach ausnutzen”.

Dieses Prekariat ist zur Verachtung freigegeben. In der Mittelschicht macht sich – so der Bielefelder Erzie­hungswissenschaftler Heitmeyer – „rohe Bürgerlichkeit“ breit. Sie wird zunehmend „rabiat“. Ein „entkulti­viertes Bürgertum“ hat die Meinungsführerschaft übernommen.

Diejenigen, die der Mechanismus des Marktes ausgesondert hat, das Preka­riat also, nannte der Faschismus „Volksschädlinge“, „unnütze Esser“, die von der „gutwilligen“ und „fleißigen“ Mehrheit der „Volksgemein­schaft“ ausge­halten würden. Sie waren „gemeinschaftsfremd“. Die kulturelle Evolu­tion als das Leitbild des Neoliberalismus muss das Unbrauchbare heraus­sieben.

Diese Vorstellung ist dem Faschismus nicht fremd. Hitler betont in einer Reichstagsrede 1935, wie wichtig „die harten Gesetze der wirtschaftlichen Auslese der Besseren und der Vernichtung der Schwächeren“ seien. Das „freie Spiel der Kräfte“ – in „Mein Kampf“ häufiger zu finden – ist ihm ein Anliegen. Auch schreibt er von der „Humanität der Natur, die die Schwäche vernichtet, um der Stärke den Platz zu schenken“.

Da ähneln sich also viele Losungen. Dennoch geht die Entwicklung wohl nicht dahin, dass der Neolibe­ralismus dem historischen Faschismus eine neue Chance bereitet. Was Sorgen macht, ist das Entstehen einer rabiaten, inhumanen Gesellschaft, die sich eine entsprechende politische Führung zulegt. Dafür stehen nicht nur Parteien wie die AfD, die Front National, die österreichische FPÖ oder die vielen ultrarechten Parteien im Osten Europas und in den Balkanländern. Wichtig ist zu beachten, welche Parteien, welche Regierungen mit ihren Maßnahmen dieser Ideologie den Weg bereiten.

Anlässlich der Wahl des EU-Parlaments und der Kommunalwahlen in Hamburg am 25. Mai wird Herbert Schui (ehem. Professor für Volkswirtschaftslehre an der HWP Hamburg) über die inhaltliche Verbindung zwischen den Positionen des herrschenden neoliberalen Marktfundamentalismus, den rechtspopulisti­schen Parolen von Parteien wie der AfD und den Positionen der extremen Rechten existieren, refe­rieren. Weiterhin wollen wir erörtern, wie ein wirkungsvolles Vorgehen gegen diese menschenfeindliche Einstellungen aussehen kann.

Vortrag:

Mai 082014
 

Wer Bücher verbrennt, verbrennt auch Bibliotheken, bombardiert offene Städte, schießt mit Ferngeschützen oder Fliegerbomben Gotteshäuser ein. Die Drohung, mit der die Fackel in den Bücherstapel fliegt, gilt nicht dem Juden Freud, Marx oder Einstein, sie gilt der europäischen Kultur, sie gilt den Werten, die die Menschheit mühsam hervorgebracht und die der Barbar anhaßt, weil er halt barbarisch ist, unterlegen, roh, infantil.” (Arnold Zweig)

Vor nunmehr 81 Jahren, am 15. Mai 1933 brannten am Kaiser-Friedrich-Ufer die Bücher. Diese Bücherverbrennungen, die überall in Deutschland stattfanden, waren maßgeblich durch NS-Studentenorganisationen, Burschenschaftler und Professoren organisiert worden. Es nahmen Nazis und „normale Bürger“ teil. Sich an die Bücherverbrennungen zu erinnern, bedeutet sich an die Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern. Jenewaren „das Vorspiel nur“(Heine) für die mörderischen Verbrechen der Nazis und folgten dem gleichen Geist. Die Verbrennungen richteten sich gegen Bücher in denen und AutorInnen bei denen „undeutscher Geist“ zum Ausdruck kam, vornehmlich gegen SchriftstellerInnen und WissenschaftlerInnen, die jüdisch oder jüdischer Abstammung waren, aber auch gegen SozialistInnen, KommunistInnen, PazifistInnen. Sie richteten sich somit auch gegen das Eintreten für Gleichheit und Frieden generell, gegen das Anprangern von nationalem Chauvinismus, Kriegstreiberei, Antisemitismus und Rassismus. Es istunsere Aufgabe, das Gedenken an die AutorInnen, ihre Texte und Ideen aufrechtzuerhalten und von ihnen zu lernen, damit so etwas nie wieder passiert!
Dies bedeutet auch die Aufarbeitung der Schrecken des Nationalsozialismus, seiner Verbrechen und der Umstände, die zu ihm führten. Den deutschen Akademikern um 1933 ist zum größten Teil ein „verdinglichende[s], zur Erfahrung nicht recht fähige[s] Bewußtsein“ zu attestieren: Sie bewegten sich „innerhalb jener Stereotypen, die von Denken gerade aufzulösen wären“(Adorno) und trieben somit nicht nur die Selbstzerstörung eines reichen kulturellen Erbes und der Wissenschaft voran, sondern ebenso auch die Selbstzerstörung der Menschheit. Die Verstrickung antisemitischer, völkischer und kriegstreiberischer Ideologie und universitärer Wissenschaft wird daran deutlich. Dabei wäre es gerade die Aufgabe der Akademiker gewesen, der Stereotypie und den einfachen Antworten entgegenzutreten, die enge Verflechtung zwischen wirtschaftlichen Interessen und deutschem Faschismus, sowie die Wirkmechanismen kapitalistischer Wirtschaft aufzuzeigen, anstatt „Volkstum“ und Härte zu beschwören und gegen eine„Verjudung des deutschen Geistes“(Heidegger) anzureden. Sie hätten die ökonomische Ordnung anzugreifen gehabt, in der Menschen sich hauptsächlich als Mittel zum Zwecke, bloßes Menschenmaterial, begegnen und somit die Gleichgültigkeit gegenüber eigenem und fremdem Leid zum Prinzip erhoben wird.
Was bedeutet das für uns heute? In Zeiten von Konkurrenz und Leistungszwang finden sich wieder Anknüpfungspunkte für Ideologien, die die Ungleichheit naturgegeben hinnehmen: Rassismus, Antisemitismus und Klassismus haben als einfache Erklärungen schwieriger Verhältnisse ihren Reiz. Dass die deutsche Regierung in Europa wiedermal eine imperialistische Politik zur Durchsetzung eigener Interessen betreibt und mitnichten der Verlierer der Krise ist, wird dabei verdrängt. Anstatt weniger für alle zu fordern, wäre das gemeinsame Interesse zu erkennen. Der ideologischen Verwahrlosung entgegenzuwirken bedeutet an der Uni „Wissenschaft im Dienst der Menschen“ zu betreiben, wie es im Leitbild der Uni Hamburg heißt. Sie will an einer„friedliche[n]und menschenwürdige[n]Welt“ mitarbeiten.Für uns als Unimitgliederbedeutet dies, die Ursachen der Diskriminierung zu bekämpfen, unseren Beitrag zu einer friedlichen Entwicklung der Welt zu leisten (Zivilklausel als Anfang, Solidarität mit den Geflohenen und Bekämpfung der Ursachen der Flucht), uns gegen ökonomische Zurichtungen wehren und Demokratie in der Uni (in Gremien und Veranstaltungen) zu leben und einzufordern, damit die Bildung mündiger Menschen gelingt.
Es ist die Aufgabe der Wissenschaft, nach Verhältnissen zu streben, in der Menschen sich als Gleiche begegnen können. Wissenschaft muss stets die „Aneignung der die Menschen gemeinsam angehenden Frage- und Problemstellungen“(Klafki) sein.Die Gegenwart muss unter Einbezug der Geschichte, die zu ihr führte, betrachtet werden.Daraus muss versucht werden, Ableitungen für die Zukunft zu treffen.An einer Uni, an der bspw. ein Gründer der „Alternative für Deutschland“ Professor(für Makroökonomie!) ist, häufig immer noch (oder wieder) unreflektiert reaktionäre und revisionistische Lehrinhalte vermittelt werden und in unmittelbarer Nähe zum Campus die rechtsradikale Burschenschaft Germania zu Königsberg ein Haus besitzt und ihre Mitglieder auf dem Campus Nachwuchs zu werben versuchen, bleibt noch viel zu tun! Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!

14. Marathonlesung zur Erinnerung an die Bücherverbrennungen vor 81 Jahren
Donnerstag, 15. Mai 2014 – 11:00 bis 18:00 Uhr
Platz der Bücherverbrennung, Kaiser-Friedrich-Ufer/Ecke Heymannstraße, Eröffnung: Esther Bejarano

Download PDF des Flyers hier

Offizielle Seite der VeranstalterInnen hier

Okt 292013
 

Synagoge am Bornplatz, Hamburg 1906

Uns wurde bewußt, daß unserer Sprache die Worte fehlen, um diese Beleidigung, diese Zerstörung des Menschen zu beschreiben.
(Primo Levi, italienischer Schriftsteller und Chemiker, Überlebender des Holocaust)

Die Reichspogromnacht jährt sich dieses Jahr am 9./10. November zum 75. Mal. In ganz Deutschland fielen organisierte Nazis und deutsche Bürger*Innen über Jüdinnen und Juden her, waren für den Tod von etwa 400 Jüdinnen und Juden verantwortlich und zerstörten über 1.400 jüdische Einrichtungen. Seien es Synagogen, Geschäfte, Wohnungen oder andere Einrichtungen, das Ziel dieser Zerstörungswut war die Vernichtung jüdischen Lebens in Deutschland. In den folgenden Tagen der Reichspogromnacht wurde die industrielle Vernichtung in den Konzentrationslagern eingeleitet, bundesweit wurden ungefähr 30.000 Jüdinnen und Juden deportiert.
Auf dem heutigen Josef-Carlebach-Platz (angrenzend an den Allende-Platz hinter dem ErzWiss-Gebäude) stand die Bornplatz-Synagoge, welche in der Reichspogromnacht geschändet wurde. In dieser Nacht wurde die Inneneinrichtung zerstört, später wurde die Synagoge von den Nazis durch Feuer gänzlich zerstört und die jüdische Gemeinde wurde gezwungen, die Überreste zu entfernen. In den darauf folgenden Tagen wurden etwa 1000 Hamburger Jüdinnen und Juden in die Konzentrationslager Fuhlsbüttel und Sachsenhausen deportiert. Einige kamen der Verschleppung durch Selbstmord zuvor.
Die Reichspogromnacht stellte auch in Hamburg die Wende von einer umfassenden Diskriminierung zur gezielten Verfolgung und Vernichtung dar. Das Grindelviertel, welches auch den Beinamen “Klein-Jerusalem” trug, war als Zentrum jüdischen Lebens in Hamburg in besonderer Weise Ziel nationalsozialistischer Vernichtungsbemühungen.
Die Pogrome waren nur möglich, weil jegliche gesellschaftliche und politische Opposition zum Nationalsozialismus bereits seit 1933 vehement zerschlagen oder in die Illegalität vertrieben wurde.

Man spricht vom drohenden Rückfall in die Barbarei. Aber er droht nicht, Auschwitz war er; Barbarei besteht fort, solange die Bedingungen, die jenen Rückfall zeitigten, wesentlich fortdauern.
(Theodor W. Adorno: Erziehung nach Auschwitz)

Die hier geschilderten grausamen Ereignisse sind auch heute noch notwendigerweise, in Bezug auf ihre Bedeutung, aktuell. Sie dienen als Mahnung und Lehre, den antifaschistischen Kampf fortwährend zu führen und sie zeigen uns, welche gesellschaftlichen Positionen die Grundlage für rassistische und faschistische Verbrechen sind.
Schon vor der Machtübertragung ’33 an die Nazis waren Studierende und Burschenschaften an den Unis glühende Anhänger der nationalsozialistischen Ideologie. Verbindender Kitt waren ausgeprägter Nationalismus (insbesondere die empfundene Schmach über den Friedensvertrag von Versailles), Antisemitismus und der Faschismus-befürwortende autoritäre Charakter.
Rechte Gesinnung und Burschis haben wir auch heute noch an den Unis, wohl in anderer Ausprägung als damals, aber das macht sie nicht weniger gefährlich oder antifaschistische Arbeit weniger notwendig.
In Zeiten von Konkurrenz und Leistungszwang finden sie wieder Anknüpfungspunkte für ihre Ideologie, die die Ungleichheit verabsolutiert und über Rassismus und Klassismus versucht, elitäre Strukturen zu etablieren und Teil der Herrschenden im Kapitalismus zu sein.

Dem gilt es sich zur Wehr zu setzen! Burschis bekämpfen, Apologeten der Ungleichheit kritisieren, Konkurrenz-schaffende Mechanismen hinterfragen!

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Mahnwache
Anlässlich des 75. Jahrestags der Reichspogromnacht
am Donnerstag, den 7. November 2013
von 15.00 – 17.00 Uhr
auf dem Joseph-Carlebach-Platz (Grindelhof)

Flugblatt

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Veranstaltung des Auschwitz-Komitees zum Gedenken an die Pogromnacht 1938
GEGEN DAS VERGESSEN
Die Leere in Slonim – Erinnerung an Vernichtung und Widerstand
Donnerstag, 7. November 2013, 19.3O Uhr
Hörsaal 1, VMP 9 (ehem. HWP)

Ankündigung

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Link zum dazugehörigen Flugblatt hier