Dez 182014
 

DSC_0244 - KopieEs ist etwas los in Hamburg. Über 4000 Menschen aus allen Mitgliedergruppen aller Hamburger Hochschulen zogen als Sternmarsch am 9. Dezember 2014 durch die Innenstadt, um „Für die Ausfinanzierung der Hamburger Hochschulen  zum  allgemeinen Wohl“ und damit gegen die Kürzungs- und Entdemokratisierungspolitik des Hamburger Senats zu demonstrieren. Wir treten als Uni-Mitglieder dafür ein, mit Bildung und Wissenschaft zu einer zivilen, sozialen, demokratischen, ökologisch und ökonomisch nachhaltigen Entwicklung der Gesellschaft beizutragen, wie es im Leitbild der UHH heißt. Damit wenden wir uns auch gegen den neoliberalen Zwang, jede Facette des Lebens ökonomisch verwertbar zu machen und erkämpfte sozialstaatliche Strukturen auszubluten.

Europaweit ist u.a. mit dem Erstarken des Wahlbündnisses Podemos in Spanien und der Linkspartei SYRIZA in Griechenland gegen die Austeritätspolitik der Troika und für die humane Lösung der kapitalistischen Krise Einiges in Bewegung gekommen. Der Neoliberalismus steckt also in einer Hegemoniekrise und tiefen Sackgasse. Dagegen versuchen reaktionäre Kräfte wie die AfD, HoGeSa oder PEGIDA die materielle Entsicherung der Lebensverhältnisse und fehlende Möglichkeiten demokratischer Verfügung über die eigenen Lebensbedingungen verschiedenen Sündenböcken in die Schuhe zu schieben statt die strukturellen Übel des Kapitalismus anzugehen. Hier geben sich extreme Rechte und Neoliberalismus ideologisch und praktisch die Hand: Durch die ausschließende Besinnung auf Familie, Heimat, Tradition und Nation soll die „soziale Sicherheit des Wohlfahrtsstaates […] durch das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Volks- und Kulturgemeinschaft ersetzt werden. Faschistische Gemeinschaftsideologie – wenngleich stark geläutert und sprachlich modernisiert – dient also dazu, die materielle Sicherheit durch überhöhte Geborgenheitsgefühle ersetzen zu wollen.“ (Herbert Schui, „Wollt ihr den totalen Markt?“)

Eine wirkliche Alternative ist aber nur die Umwälzung der unmenschlichen, weil profitorientierten Verhältnisse: u.a. der emanzipatorische Ausbau der öffentlichen Daseinsvorsorge oder kritisch-eingreifende Wissenschaft statt pseudo-akademisierte Irreführung der Bevölkerung. Durch diese revolutionären Reformen trocknen wir den Nährboden für die Positionen von PEGIDA, HoGeSa und AfD aus und realisieren dadurch bereits ein Stück Zukunft. Denn die Zukunft kann nicht die einfache Fortschreibung der Gegenwart sein. Deswegen ist das Studium, die Wissenschaft, die Universität zu demokratisieren, gesellschaftsverantwortlich zu orientieren und auszufinanzieren. Damit ist der „Heiße Herbst“ nicht einfach ein Kampf für mehr Geld, sondern auch für revolutionäre Reformen wie die Durchsetzung von gesellschaftlich eingreifendem Projektstudium in Richtung emanzipatorischer Bildung, beispielsweise durch Projektstudien zum tätigen Erinnern an den deutschen Faschismus oder Friedensforschung zur Lage im (Nord-)Irak.

Mit dieser Orientierung auf Wissenschaft im Dienst desUmwälzungen Menschen überzeugen wir gesellschaftlich zunehmend, diese Bemühungen auszufinanzieren. Dann können diese Tätigkeiten z.B. durch kleinere Seminare, entfristete Arbeitsverträge für wissenschaftliche MitarbeiterInnen oder die Überwindung der Drittmittelabhängigkeit in der Forschung erweitert realisiert werden. Nämlich emanzipatorische Bildung, die darin besteht, gemeinsam mit anderen die Welt in ihrer historischen und gesellschaftlichen Entstehung zu begreifen. Zu verstehen, dass sie von Menschen gemacht, dass sie veränderbar ist und man selbst dazu in der Lage, sie zu verbessern. Emanzipatorische Bildung ist bereits ein Stück vollzogene Befreiung. Oder anders formuliert: „Daher kann man sagen, dass jeder in dem Maße selbst anders wird, sich verändert, in dem er die Gesamtheit der Verhältnisse, deren Verknüpfungszentrum er ist, anders werden lässt und verändert […] Sich seine Persönlichkeit bilden heißt dann, wenn die eigene Individualität das Ensemble dieser Verhältnisse ist, ein Bewusstsein dieser Verhältnisse gewinnen, die eigene Persönlichkeit verändern heißt das Ensemble dieser Verhältnisse ändern“ (Antonio Gramsci, Gefängnishefte)

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Dez 042013
 

Die neuen Lehrpläne hätten die Prüfungen vollständig abschaffen sollen; heute eine Prüfung abzulegen muß ungeheuer mehr ‘Glücksspiel’ sein als früher. Eine Jahreszahl ist stets eine Jahreszahl, welcher Lehrer auch immer prüft, und eine ‘Definition’ bleibt stets eine Definition; aber ein Urteil, eine ästhetische oder philosophische Analyse?“

Antonio Gramsci, Gefängnishefte, 1929-35, Heft 12 §2

Was Antonio Gramsci bereits vor dem Zweiten Weltkrieg über den Zustand des Schulsystems und die Lernmethoden schreibt, ist heute im Hochschulbereich erstaunlich aktuell. Unter dem Schlagwort employability sollte mit Bologna das gesamte Studiensystem auf die Befriedigung von unmittelbaren Marktinteressen ausgerichtet werden. Studieninhalte sollten an ökonomischer Verwertbarkeit orientiert werden und die bevormundende Verregelung (Fristen, Anwesenheitspflicht, Kreditpunkte, Pflichtkurse) dazu führen, dass Studierende genauso wie Lehrende vor allem zur Erfüllung von Anforderungen und zu Konformität erzogen werden.

Wie in allen Bereichen führt die Orientierung am Prinzip der Profitmaximierung auch in Universität und Wissenschaft in eine gesellschaftliche Sackgasse. Die Uni als Institution der Wissenschaft muss sich entsprechend ihrer öffentlichen Verantwortung als gesellschaftliche Akteurin um die Lösung gesellschaftlicher Probleme kümmern. Daher kann das Studium nur ein in diesen dynamischen Prozess wechselseitig integrierter Teil davon sein. So verstanden ist emanzipatorische Bildung die gemeinsame Befreiung des Menschen von unbegriffenen Mächten durch die Entmystifizierung von Natur und gesellschaftlichen Verhältnissen hin auf ein solidarisches Miteinander. Sie bezeichnet also eine die Persönlichkeit formende, aktive Praxis innerhalb der umfassenden, kollektiven Praxis der positiven Gesellschaftsveränderung.

Daher kämpfen wir im Rahmen der Studienreform dafür, das universitäre Lernen zu entrestriktionieren und es mit einem kritischen Gesellschaftsbezug überall zu durchwirken. Dabei sind Form und Inhalt des Studiums nicht voneinander zu trennen: Gesellschaftskritik lässt sich nicht in einer Multiple-Choice-Klausur abprüfen. Erste Erfolge sind die Abschaffung der Anwesenheitspflicht sowie Fristen und der Umbau des verwertungsorientierten Bereichs „Allgemeine Berufsqualifizierende Kompetenzen“ (ABK) zum Optionalbereich. Dort kann z.B. über die Reetablierung des Projektstudiums der Ansatz des forschenden, exemplarischen und interdisziplinären Lernens laborhaft für das gesamte Studium erprobt werden. Weiterhin müssen Prüfungen zu Gunsten kooperativer Formen der Rückmeldung im Lernprozess abgeschafft werden.

Dadurch strukturell beförderte Bildung versteht sich „als entbundene Selbsttätigkeit, als schon vollzogene Emanzipation. Mit ihr begreift sich der Mensch als sein eigener Urheber, versteht er, daß die Ketten, die das Fleisch aufschneiden, von Menschen angelegt sind, daß es eine Aussicht gibt, sie zu zerreißen.“ (H. J. Heydorn, Über den Widerspruch von Bildung und Herrschaft, 1979)

Wissenschaft und Studium als gemeinsame Erarbeitung wissenschaftlicher Erkenntnisse von Lehrenden und Lernenden, das Erwirken gesellschaftlicher Alternativen und das Erkennen der eigenen Rolle darin haben gesamtgesellschaftlich eine ungeheure Sprengkraft.

Der umfassende Begriff der Wissenschaft ist erst dort gewonnen, wo er sich durch die technologische Rationalität hindurch zur kritischen Rationalität erweitert hat und wissenschaftliche Erkenntnis nicht als Produktivkraft im Industriesystem aufgeht, sondern als die Kraft realer Emanzipation in die Gesellschaft eingeht.“ – P. Fischer-Appelt/J. Berger: Kreuznacher Hochschulkonzept. Schriften der Bundesassistentenkonferenz 1, 1968

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