Dez 042018
 

„Ich fühle mich nicht als Elite, ich bin einer von denen, die die Chance haben zu studieren, einiges zu erkennen [...] Wissenschaft als Moment der Selbstbefreiung von unbegriffenen Mächten, das heißt Aufklärung aus dem wissenschaftlichen Studium heraus. Und als Wissenschaftler haben wir die Aufgabe, diesen Prozeß der Selbstbefreiung des Menschen von den unbegriffenen Mächten zu forcieren und uns nicht zu Objekten anderer Mächte der Gesellschaft zu machen.“ (Rudi Dutschke, Podium in Hamburg, 24.11.1967)

Durch kritisch-wissenschaftliche Arbeit befreien wir uns gesellschaftlich von all den Mythen, welche uns die außer Kontrolle geratene Weltlage als unausweichliches Naturgesetz einreden wollen. Die Welt ist von Menschen gemacht und von Menschen veränderbar. „Die Wirtschaft“ ist kein Ergebnis automatischer Prozesse der unsichtbaren Hand des Marktes, sondern des Kampfes zwischen ArbeitnehmerInnen und ArbeitgeberInnen (die genau andersherum heißen müssten). „Die Politik“ ist nicht das Ausführen von alternativlosen Sachzwängen „marktkonformer Demokratie“ (Merkel), sondern das alltägliche, kollektive Engagement in Betrieb, (Hoch)Schule, Stadtteil und Sportverein für menschenwürdige statt profitgierige Verhältnisse.

Postkarte 2018/19

Postkarte 2018/19

Die Angst vor dieser Möglichkeit sprengender Vernunft lässt die Herrschenden unruhig schlafen. In Reaktion auf die Ausbreitung sozialistischer, antiimperialistischer, antifaschistischer, emanzipatorischer Praxis 1968ff, bliesen die Rechten zum Angriff auf die Hochschule. Ein Hauptziel war das selbstbewusst politische und wissenschaftliche Studierendenverständnis über den Hebelpunkt der Studienfinanzierung. Auf Druck der Studentenbewegung hatte die sozialliberale Koalition unter Willy Brandt 1971 das BAföG als nicht-rückzahlungspflichtigen Zuschuss eingeführt. Es markierte einen Bruch mit der bis dahin gültigen „Begabtenförderung“ als Wohltat, indem es die Ausbildungsförderung als einklagbaren Rechtsanspruch etablierte. Ein Jahr später wurden 44,6% aller Studierenden BAföG-gefördert, außerdem 500.000 SchülerInnen. Sofort machten sich die Reaktionäre auf, diese Errungenschaft, wieder abzubauen. Ab 1974 wurde erst unter der Kanzlerschaft von Helmut Schmidt, dann verschräft unter Helmut Kohl, die BAföG-Förderung schrittweise zum rückzahlungspflichtigen Kredit (mit zusätzlichen Angeboten bei Banken) umgebaut und in der Förderhöhe zu einem Zubrot ausgehöhlt. So wurde die staatlich garantierte Ausbildungsförderung zur kreditfinanzierten Investition ins eigene Humankapital verdinglicht. Heute werden in unserer Stadt vom Gesamteinkommen nur noch 9% durch BAföG-Mittel bestritten, nur 18% (2009: 23%) der Befragten der jüngsten Hamburger Sozialerhebung erhalten überhaupt noch BAföG.

So wird uns durch politisch gewollte Prekarität und zeitlich begrenzte Kreditfinanzierung (bewaffnet mit den Sanktionsmitteln des BAFöG-Amtes) entgegen dem großen Potential eines Studiums in gesellschaftlicher Verantwortung brachial eine konsumierende, anpassungs- und verwertungsorientierte Art zu studieren „nahegelegt“. Daraus resultierende Existenzangst, Sinnkrisen, Stress und Burnout werden uns dann noch als eigene Schuld in die Schuhe geschoben. Wir hätten ja die Formulare richtig ausfüllen, reichere Eltern haben oder als Kinder mit Aktienkäufen vorsorgen können. Diese Verletzung des Grundrechts auf Bildung, Wissenschaftsfreiheit und freie Berufswahl werden wir uns nicht länger leisten! Wir kämpfen für ein bedarfsgerechtes, elternunabhängiges, nicht rückzahlungspflichtiges Studienhonorar als Arbeitsentgelt für unseren Beitrag für Wissenschaft und Persönlichkeitsentwicklung als Teil progressiver Veränderung. Ein Studienhonorar in Höhe von 1050€ für alle 41.000 Studierende der Uni Hamburg für fünf Jahre wäre machbar allein von 20% des Vermögens der reichsten Familie Hamburgs, den Ottos. Auch dafür streiten wir ( u. a. bei den aktuell anstehenden Wahlen) für eine bissige Verfasste Studierendenschaft als Möglichkeit solidarischer Interessensvertretung statt egomaner Vorteilsnahme durch den rechten Block. Die Zukunft ist nur weniger prekär, wenn wir dafür kämpfen. Geschichte ist machbar!

Studienhonorar und Emanzipation des Studenten

Im Gegensatz zu den Bestrebungen, die Studenten bewußt in Abhängigkeit von wohlwollenden Geldgebern und Fürsorgeinstanzen zu halten, sind alle Maßnahmen zu fördern, die den tatsächlichen gesellschaftlichen Funktionen und dem Charakter des Studiums gerecht werden und die soziale Stellung des Studenten der Bedeutung seiner Tätigkeit anpassen, das heißt aber: eine Emanzipation des Studenten zum freien intellektuellen Arbeiter und die volle Herstellung der akademischen Freiheit des Studiums anstreben.“ (SDS Hochschuldenkschrift, 1965 [1961], S. 138)

Jan 102017
 

„Halt die Deadline ein, so ist’s fein | Hol die Ellenbogen raus, burn dich aus | 24/7, Acht Bis Acht |  Was geht ab, machste schlapp, what the fuck?!“  (Deichkind, Bück dich hoch, 2012)

kritische_wissenschaft_2017Die Ursache für Burnout und Depression (in) der „Leistungsgesellschaft“ ist das Zurückdrängen eines gemeinwohlorientierten Sinns hinter all den Deadlines und Monatskennziffern, ein konkurrenzgetriebenes ‘Rennen ohne Ankommen’ und gefühlte Ausgeliefertheit an unsere Lebens- und Arbeitsbedingungen. Wir leben in einer verkehrten Welt, in einer Welt der Zweck-Mittel-Verkehrung. Der Zweck unseres Studiums soll nicht etwa im Verstehen der Welt zum Verbessern der Welt bestehen, sondern im „Erwerben“ von Leistungspunkten für unser „Leistungskonto“ nach vorgegebenem Studienplan, um damit später auf dem Arbeitsmarkt etwas anfangen zu können. Der Zweck der Forschung soll anstelle von Gemeinwohlorientierung das „Einwerben“ von Drittmitteln oder das Sammeln von Punkten in der sog. Leistungsorientierten Mittelvergabe sein (Mittel, die erst im Wettbewerb unter  Professor*Innen vergeben werden, wenn diese bestimmte Anforderungen erfüllen). Im Jahr 2012 betrug die Drittmittelquote 28 %  des gesamten Hochschulbudgets. Zum Vergleich: 2003 waren es 19 %.

Die Folge der heutigen Sinnentleerung und Trennung von Forschung und Lehre ist eine Kultur der Entfremdung, die schon die 68er-Bewegung ablehnte: „Zumal wenn Forschen und Lernen auseinandergerissen sind und die Studenten am Forschungsprozeß nicht beteiligt werden, erleben sie ihre Arbeit nur als passiv-konsumtiv, als bloßes Erlernen herausgerissener Momente des Ganzen, nicht aber als eigene Entäußerung, als ‘Aus-sich-heraus’ (Bloch), als aktives Eingreifen in den Wissenschaftsprozeß selbst. Auf der Universität sind persönliche Identifikationen und Beziehungen ersetzt worden durch verdinglichte.“ (Bacia/Geulen, “Wider die Untertanenfabrik”, 1967) Im Zuge der 68er-Bewegung wurde von dieser Kritik ausgehend tendenziell eine Vorstellung von Bildung und Wissenschaft als Grundrecht realisiert, die den Auftrag hatte gesellschaftliche Selbstaufklärung, sowie sozialen, kulturellen und ökologischen Fortschritt anzutreiben.

Der neoliberale Umbau der Hochschulen wurde dementgegen forciert, damit Forschung nicht gesellschaftliche Emanzipation, sondern verwertbaren und affirmativen Output bedeutet. Damit Humankapital ausgebildet wird anstatt dass mündige Persönlichkeiten sich bilden. Die dazu gewählten Mittel: Unterfinanzierung, Managementstrukturen und Wettbewerbsverfahren. Doch der Widerstand dagegen ist weit verbreitet und wächst.

Besonders in Zeiten der aktuellen Krise des Neoliberalismus und den rechts lauernden Hetzer*Innen ist eine  kritische Wissenschaft eine wichtige Stimme der Hoffnung: sie nimmt den Verhältnissen ihren Schein der Natürlichkeit, zeigt Veränderungspotenziale auf und mischt sich in der gesellschaftlichen Gegnerschaft parteiisch ein für „eine Welt des Friedens und der Freiheit“ (Schwur von Buchenwald): „Wissenschaft ist also ein prinzipielles Gegen-den-Strom-Schwimmen, dabei vor allem auch gegen den Strom der eigenen Vorurteile, und in der bürgerlichen Gesellschaft zudem gegen die eigene Tendenz zum Sich-Korrumpieren-Lassen und Klein-Beigeben gegenüber den herrschenden Kräften, denen die Erkenntnisse gegen den Strich gehen, die ihren Herrschaftsanspruch gefährden könnten.“  (Klaus Holzkamp, Forum Kritische Psychologie 12, 1983)

Um mit dieser Orientierung die gesamte Hochschule zu durchwirken und im Studium auch die absurde Trennung von Forschung und Lehre aufzuheben, haben unsere VorkämpferInnen schon für ein gesellschaftlich eingreifendes, forschendes, exemplarisches und interdisziplinäres Lernen gekämpft: das Projektstudium. Das Projektstudium dreht die Zweck-Mittel-Verkehrung um, indem es aktuelle gesellschaftliche Fragen (heute bspw. G20-Gipfel, Situation Geflüchteter oder die Organisation des Gesundheitssystems) zum Ausgangspunkt einer forschend-politischen Arbeit macht. So ist das Ziel nicht eine Prüfungsleistung, sondern kann bspw. die Verhinderung des G20-Gipfels, die Rekommunalisierung der Krankenhäuser oder der Kampf für die Überwindung der Fluchtursachen (Krieg!) und die Realisierung des Grundrechts auf Asyl sein, bzw. der aufklärerische Beitrag zu diesen Bewegungen.

Trauen wir uns also, unserer Ahnung nachzugehen, dass Studium etwas anderes sein muss als die Erfüllung von Anforderungen in der Bachelor-Master-Routine. Deshalb sind wir und viele andere in der Studienreform zur Bildung mündiger Persönlichkeiten aktiv. Trauen wir uns also, tagtäglich aufs Neue aus der Anpassung auszubrechen und die gesellschaftlichen Herausforderungen anzugehen. Statt Veränderung nur zu fordern: Lasst uns selbst die solidarische, eingreifende Alternative sein und unser Ändern leben.

Flugblatt als PDF hier

Dez 042013
 

Die neuen Lehrpläne hätten die Prüfungen vollständig abschaffen sollen; heute eine Prüfung abzulegen muß ungeheuer mehr ‘Glücksspiel’ sein als früher. Eine Jahreszahl ist stets eine Jahreszahl, welcher Lehrer auch immer prüft, und eine ‘Definition’ bleibt stets eine Definition; aber ein Urteil, eine ästhetische oder philosophische Analyse?“

Antonio Gramsci, Gefängnishefte, 1929-35, Heft 12 §2

Was Antonio Gramsci bereits vor dem Zweiten Weltkrieg über den Zustand des Schulsystems und die Lernmethoden schreibt, ist heute im Hochschulbereich erstaunlich aktuell. Unter dem Schlagwort employability sollte mit Bologna das gesamte Studiensystem auf die Befriedigung von unmittelbaren Marktinteressen ausgerichtet werden. Studieninhalte sollten an ökonomischer Verwertbarkeit orientiert werden und die bevormundende Verregelung (Fristen, Anwesenheitspflicht, Kreditpunkte, Pflichtkurse) dazu führen, dass Studierende genauso wie Lehrende vor allem zur Erfüllung von Anforderungen und zu Konformität erzogen werden.

Wie in allen Bereichen führt die Orientierung am Prinzip der Profitmaximierung auch in Universität und Wissenschaft in eine gesellschaftliche Sackgasse. Die Uni als Institution der Wissenschaft muss sich entsprechend ihrer öffentlichen Verantwortung als gesellschaftliche Akteurin um die Lösung gesellschaftlicher Probleme kümmern. Daher kann das Studium nur ein in diesen dynamischen Prozess wechselseitig integrierter Teil davon sein. So verstanden ist emanzipatorische Bildung die gemeinsame Befreiung des Menschen von unbegriffenen Mächten durch die Entmystifizierung von Natur und gesellschaftlichen Verhältnissen hin auf ein solidarisches Miteinander. Sie bezeichnet also eine die Persönlichkeit formende, aktive Praxis innerhalb der umfassenden, kollektiven Praxis der positiven Gesellschaftsveränderung.

Daher kämpfen wir im Rahmen der Studienreform dafür, das universitäre Lernen zu entrestriktionieren und es mit einem kritischen Gesellschaftsbezug überall zu durchwirken. Dabei sind Form und Inhalt des Studiums nicht voneinander zu trennen: Gesellschaftskritik lässt sich nicht in einer Multiple-Choice-Klausur abprüfen. Erste Erfolge sind die Abschaffung der Anwesenheitspflicht sowie Fristen und der Umbau des verwertungsorientierten Bereichs „Allgemeine Berufsqualifizierende Kompetenzen“ (ABK) zum Optionalbereich. Dort kann z.B. über die Reetablierung des Projektstudiums der Ansatz des forschenden, exemplarischen und interdisziplinären Lernens laborhaft für das gesamte Studium erprobt werden. Weiterhin müssen Prüfungen zu Gunsten kooperativer Formen der Rückmeldung im Lernprozess abgeschafft werden.

Dadurch strukturell beförderte Bildung versteht sich „als entbundene Selbsttätigkeit, als schon vollzogene Emanzipation. Mit ihr begreift sich der Mensch als sein eigener Urheber, versteht er, daß die Ketten, die das Fleisch aufschneiden, von Menschen angelegt sind, daß es eine Aussicht gibt, sie zu zerreißen.“ (H. J. Heydorn, Über den Widerspruch von Bildung und Herrschaft, 1979)

Wissenschaft und Studium als gemeinsame Erarbeitung wissenschaftlicher Erkenntnisse von Lehrenden und Lernenden, das Erwirken gesellschaftlicher Alternativen und das Erkennen der eigenen Rolle darin haben gesamtgesellschaftlich eine ungeheure Sprengkraft.

Der umfassende Begriff der Wissenschaft ist erst dort gewonnen, wo er sich durch die technologische Rationalität hindurch zur kritischen Rationalität erweitert hat und wissenschaftliche Erkenntnis nicht als Produktivkraft im Industriesystem aufgeht, sondern als die Kraft realer Emanzipation in die Gesellschaft eingeht.“ – P. Fischer-Appelt/J. Berger: Kreuznacher Hochschulkonzept. Schriften der Bundesassistentenkonferenz 1, 1968

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