Jan 132015
 

Videoaufzeichnung des Vortrags hier

Gerade dadurch, daß die Menschen sich früher den unpersönlichen Kräften des Marktes unterworfen haben, ist die Entwicklung der Kultur möglich gewesen [...]. Der springende Punkt ist, daß es unendlich viel schwerer ist, logisch zu erfassen, warum wir uns Kräften, deren Wirkungen wir nicht im Einzelnen verfolgen können, unterwerfen müssen, als dies zu tun aus demütiger Ehrfurcht, die die Religion oder auch nur die Achtung vor den Lehren der Nationalökonomie einflößt.“ – Friedrich August von Hayek

Bildschirmfoto vom 2015-01-13 13:01:06Für die Parlamentswahlen in Griechenland am 25. Januar prognostizieren Meinungsumfragen einen Sieg des Linksbündnisses SYRIZA – das bedeutet: die Abwahl der von der Troika verordneten Austeritätspolitik. Das Märchen, dass wenn alle den Gürtel enger schnallen, die aktuelle Krise überwunden werden kann, zieht also nicht mehr wirklich. Offenkundig ist inzwischen, dass die dem zu Grunde liegende neoliberale Politik weiter Millionen Menschen in Armut stürzt und die Reichen immer noch reicher macht. Um diese Entwicklung zu forcieren und zu rechtfertigen dienen allerlei Mythen. Zu solchen gehört neben dem eng gezurrten Lederriemen auch jener vom “Leistungsträger”, der sich durch “individuelle Leistung” vom “Sozialschrott”, “Wohlstandsmüll” oder “sozialen Bodensatz” (Bernd Lucke, AfD) der Gesellschaft abgrenze.
Hier treffen sich also der Neoliberalismus mit der extremen Rechten in der Begeisterung für die soziale Ungleichheit und der Behauptung der Ungleichwertigkeit von Menschen, welche sich in einem Ausleseprozess gegeneinander durchsetzen müssten. Was im Neoliberalismus die auf dem Markt “Verwertungsuntauglichen”, sind in extrem rechter Ideologie die im “survival of the fittest” unterlegenen “Völker”, “Rassen” oder – seit neuem – “Kulturen”. Schui_Politische_Mythen
Im Jahr sechs nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers drängen die berechtigten, gegen die tiefe soziale Spaltung gerichteten Ansprüche der Bevölkerung auf weitreichende soziale und demokratische Verbesserungen immer mehr auf ihre politische Verwirklichung. Eine solche positive Entwicklung abzuwenden, wird von rechter Seite noch einmal gesteigert die schiere Unterwerfung unter die unpersönlichen Kräfte des Marktes in demütiger Ehrfurcht vor Religion und Nationalökonomie in Stellung gebracht (Hayek). Der in einer tiefen Hegemoniekrise steckende Kapitalismus soll umso aggressiver gekittet werden durch ein außer-rationales Treueverhältnis. Dafür sammeln sich insbesondere in der AfD reaktionäre Kräfte und bemühen modernisierte faschistische Gemeinschaftsideologie à la Familie, Heimat, Tradition und Nation (inklusive des notwendigen “Anderen”), die an die Stelle wirklicher Verbesserungen der Lebensbedingungen gesetzt werden soll.
Die “Alternative für Deutschland” ist damit der parteigewordene Ausdruck des Zusammenspiels von Neoliberalismus und (extrem) rechter Ideologie.

Mit Herbert Schui, emeritierter Professor für VWL an der Hochschule für Wirtschaft und Politik, wollen wir eine fundierte Kritik an Positionen und gesellschaftlicher Funktion der AfD diskutieren, politische Perspektiven für ihre Bekämpfung erörtern und darin besonders die Rolle von kritischer Wissenschaft und emanzipatorischer Bildung reflektieren

“Wissenschaft ist […] ein prinzipielles Gegen-den-Strom-Schwimmen […] gegen die Tendenz zum Sich-Korrumpieren-Lassen und Klein-Beigeben gegenüber den herrschenden Kräften, denen die Erkenntnisse gegen den Strich gehen, die ihren Herrschaftsanspruch gefährden könnten.” – Klaus Holzkamp.

Diskussionsveranstaltung von SDS* und Liste LINKS
Dienstag, den 20. Januar 2015 um 18 Uhr, Raum S 007 Von-Melle-Park 9 (ehem. HWP)

mit Herbert Schui,
ehem. Professor an der HWP,
2005 bis 2010 MdB für Die LINKE

Flugblatt als PDF

Dez 182014
 

DSC_0244 - KopieEs ist etwas los in Hamburg. Über 4000 Menschen aus allen Mitgliedergruppen aller Hamburger Hochschulen zogen als Sternmarsch am 9. Dezember 2014 durch die Innenstadt, um „Für die Ausfinanzierung der Hamburger Hochschulen  zum  allgemeinen Wohl“ und damit gegen die Kürzungs- und Entdemokratisierungspolitik des Hamburger Senats zu demonstrieren. Wir treten als Uni-Mitglieder dafür ein, mit Bildung und Wissenschaft zu einer zivilen, sozialen, demokratischen, ökologisch und ökonomisch nachhaltigen Entwicklung der Gesellschaft beizutragen, wie es im Leitbild der UHH heißt. Damit wenden wir uns auch gegen den neoliberalen Zwang, jede Facette des Lebens ökonomisch verwertbar zu machen und erkämpfte sozialstaatliche Strukturen auszubluten.

Europaweit ist u.a. mit dem Erstarken des Wahlbündnisses Podemos in Spanien und der Linkspartei SYRIZA in Griechenland gegen die Austeritätspolitik der Troika und für die humane Lösung der kapitalistischen Krise Einiges in Bewegung gekommen. Der Neoliberalismus steckt also in einer Hegemoniekrise und tiefen Sackgasse. Dagegen versuchen reaktionäre Kräfte wie die AfD, HoGeSa oder PEGIDA die materielle Entsicherung der Lebensverhältnisse und fehlende Möglichkeiten demokratischer Verfügung über die eigenen Lebensbedingungen verschiedenen Sündenböcken in die Schuhe zu schieben statt die strukturellen Übel des Kapitalismus anzugehen. Hier geben sich extreme Rechte und Neoliberalismus ideologisch und praktisch die Hand: Durch die ausschließende Besinnung auf Familie, Heimat, Tradition und Nation soll die „soziale Sicherheit des Wohlfahrtsstaates […] durch das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Volks- und Kulturgemeinschaft ersetzt werden. Faschistische Gemeinschaftsideologie – wenngleich stark geläutert und sprachlich modernisiert – dient also dazu, die materielle Sicherheit durch überhöhte Geborgenheitsgefühle ersetzen zu wollen.“ (Herbert Schui, „Wollt ihr den totalen Markt?“)

Eine wirkliche Alternative ist aber nur die Umwälzung der unmenschlichen, weil profitorientierten Verhältnisse: u.a. der emanzipatorische Ausbau der öffentlichen Daseinsvorsorge oder kritisch-eingreifende Wissenschaft statt pseudo-akademisierte Irreführung der Bevölkerung. Durch diese revolutionären Reformen trocknen wir den Nährboden für die Positionen von PEGIDA, HoGeSa und AfD aus und realisieren dadurch bereits ein Stück Zukunft. Denn die Zukunft kann nicht die einfache Fortschreibung der Gegenwart sein. Deswegen ist das Studium, die Wissenschaft, die Universität zu demokratisieren, gesellschaftsverantwortlich zu orientieren und auszufinanzieren. Damit ist der „Heiße Herbst“ nicht einfach ein Kampf für mehr Geld, sondern auch für revolutionäre Reformen wie die Durchsetzung von gesellschaftlich eingreifendem Projektstudium in Richtung emanzipatorischer Bildung, beispielsweise durch Projektstudien zum tätigen Erinnern an den deutschen Faschismus oder Friedensforschung zur Lage im (Nord-)Irak.

Mit dieser Orientierung auf Wissenschaft im Dienst desUmwälzungen Menschen überzeugen wir gesellschaftlich zunehmend, diese Bemühungen auszufinanzieren. Dann können diese Tätigkeiten z.B. durch kleinere Seminare, entfristete Arbeitsverträge für wissenschaftliche MitarbeiterInnen oder die Überwindung der Drittmittelabhängigkeit in der Forschung erweitert realisiert werden. Nämlich emanzipatorische Bildung, die darin besteht, gemeinsam mit anderen die Welt in ihrer historischen und gesellschaftlichen Entstehung zu begreifen. Zu verstehen, dass sie von Menschen gemacht, dass sie veränderbar ist und man selbst dazu in der Lage, sie zu verbessern. Emanzipatorische Bildung ist bereits ein Stück vollzogene Befreiung. Oder anders formuliert: „Daher kann man sagen, dass jeder in dem Maße selbst anders wird, sich verändert, in dem er die Gesamtheit der Verhältnisse, deren Verknüpfungszentrum er ist, anders werden lässt und verändert […] Sich seine Persönlichkeit bilden heißt dann, wenn die eigene Individualität das Ensemble dieser Verhältnisse ist, ein Bewusstsein dieser Verhältnisse gewinnen, die eigene Persönlichkeit verändern heißt das Ensemble dieser Verhältnisse ändern“ (Antonio Gramsci, Gefängnishefte)

Flugblatt als PDF hier