Jan 152020
 

„Ich fühle mich nicht als Elite, ich bin einer von denen, die die Chance haben zu studieren, einiges zu erkennen […] Wissenschaft als Moment der Selbstbefreiung des Menschen von unbegriffenen Mächten, das heißt Aufklärung aus dem wissen- schaftlichen Studium heraus. Und als Wissenschaftler haben wir die Aufgabe, diesen Prozeß der Selbstbefreiung des Menschen von den unbegriffenen Mächten zu forcieren und uns nicht zu Objekten anderer Mächte der Gesellschaft zu machen.“
(Rudi Dutschke, Podiumsdiskussion in Hamburg, 24. November 1967)

In der Welt ist viel los: Die neoliberale Position und Praxis – nur wer leiste und sich rechne sei daseinsberechtigt – ist brüchig. Die tiefe Krise offenbart die Notwendigkeit der Weltveränderung. Wachsende weltweite Proteste und soziale Bewegungen setzen sich ein für eine soziale, friedliche und ökologische Entwicklung der Gesellschaft. Mit dem Wirken für kritische Wissenschaft zur Realisierung des Grundgesetzes („Die Würde des Menschen ist unantastbar“) und ihrer bedarfsgemäßen Finanzierung statt Schuldenbremse sind wir Teil davon. Dagegen wollen rechte Nationalisten und neoliberale Ökonomen Hand in Hand die ausbeuterischen, konkurrenzhaften Verhältnisse verteidigen und dafür vermeintliche Alternativlosigkeit verbreiten. Gibt das aktuelle Studium eine Antwort darauf?

Der wachsende gesellschaftliche Bedarf an besser (aus)gebildeten akademischen Arbeiterinnen führt zum Widerspruch. Einerseits müssen immer mehr Erkenntnisse und Fähigkeiten gebildet werden, damit die Arbeit auf dem entwickelten Produktivkraftniveau realisiert werden kann. Damit steigt aber andererseits auch das kritische Potential, Einsicht in den Produktionsprozess zu erlangen, dass für diesen der Chef bzw. der Privatbesitz an Produktionsmitteln nicht nötig oder gar förderlich ist. Das Bachelor-Master-Studium ist der gescheiterte Versuch der Herrschenden, diesem Widerspruch für die Bereitstellung verwertbarer Arbeitskräfte und Forschungsergebnisse Herr zu werden. Die Zerstückelung von Wissen in Modulen, Prüfungsmarathon, oberflächliche Überblicksveranstaltungen und der Wettlauf um Credit-Points und Masterplätze, stehen einer gemeinsamen Erkenntnissuche und wissenschaftlichen Diskussion für die Lösung gesellschaftlicher Probleme entgegen. Die schlau-dummen Absolventinnen gibt es nicht. Diesen Widerspruch zwischen dem Potential von Bildung und Wissenschaft als „Selbstbefreiung des Menschen“ und der Einschränkungen im Interesse der Verwertung gilt es progressiv produktiv zu machen: Ein ganz anderes Studium ist nötig!

„Mit dem Begriff der Bildung wird die Antithese zum Erziehungsprozeß entworfen; sie bleibt zunächst unvermittelt. Erziehung ist verhängt […], Bildung dagegen begreift sich als entbundene Selbsttätigkeit, als schon vollzogene Emanzipation. Mit ihr begreift sich der Mensch als sein eigener Urheber, versteht er, daß die Ketten, die das Fleisch aufschneiden, von Menschen angelegt sind, daß es eine Aussicht gibt, sie zu zerreißen.“
(Heinz-Joachim Heydorn, „Über den Widerspruch von Bildung und Herrschaft“, 1979)

Für die Realisierung davon gibt es an der Uni Hamburg erkämpfterweise gute Möglichkeiten. In Kritik an der Bachelor-Master-Quälerei sind studienbegleitende Modulfristen abgeschafft und die Prüfungslast reduziert worden. Es wurden alternative Lehr-Lernformen wie Projektseminare entwickelt, die studentisch (mit)gestaltet werden, und in denen es um die Lösung epochaler Schlüsselprobleme (soziale Ungleichheit, Krieg/Frieden, Ökologie, gegen Rechts) geht – im Konflikt zur Paukerei der Konformität. Das schafft Perspektive für Weiteres: Treten wir dafür ein, dass das Studium humane Antworten sucht auf die tiefe Krise – für soziale Gleichheit, sozial offene und kritische Bildungs- und Kultureinrichtungen, humanistisch bestimmte Gesundheitseinrichtungen, zivile Entwicklung und produktive Nachhaltigkeit.

Seien wir realistisch, machen wir das Unmögliche!

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Jan 112020
 

„12. In praktisch kürzester Frist ist das deutsche Wirtschaftsleben zu dezentralisieren mit dem Ziel der Vernichtung der bestehenden übermäßigen Konzentration der Wirtschaftskraft, dargestellt insbesondere durch Kartelle, Syndikate, Trusts und andere Monopolvereinigungen.
13. Bei der Organisation des deutschen Wirtschaftslebens ist das Hauptgewicht auf die Entwicklung der Landwirtschaft und der Friedensindustrie für den inneren Bedarf (Verbrauch) zu legen.“

(Potsdamer Abkommen, beschlossen 2.05.1945 von der Konferenz der Siegermächte USA, GB und UdSSR)

In diesem Jahr feiern wir 75 Jahre Befreiung von Faschismus und Weltkrieg. Eine Allianz der Humanität schuf 1945 die Perspektive eines egalitären, demokratischen, sozialen und damit solidarischen Zusammenlebens weltweit. Die dafür zu ziehenden Konsequenzen wurden u. a. im Potsdamer Abkommen mit den vier D‘s gefasst: Entfernung aller Nazis und ihrer Gesetze aus dem öffentlichen Wesen (Denazifizierung), völlige Abrüstung und Entmilitarisierung (Demilitarisierung), starke sozialstaatliche Regulierung und Einschränkung der Wirtschaftsmacht der Monopole für das Allgemeinwohl (Dezentralisierung), demokratische Organisation öffentlichen Lebens in Bildung, Kultur, Wissenschaft und Staatswesen (Demokratisierung). Diese gemachten Erkenntnisse für das „Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg“ zu verwirklichen ist – angesichts der aktuell international zugespitzten Lage – hoch aktuell.

Die Bearbeitung der tiefen Krise des neoliberalen Kapitalismus ist heftig umkämpft. Wachsende soziale Bewegungen weltweit setzen auf Umverteilung des gesellschaftlich erarbeiteten Reichtums, Demokratisierung, wirkliche Klimapolitik, massiven Sozialsstaatsausbau, zivile Entwicklung und auf die Realisierung der Menschenrechte als humanen Ausweg aus der Krise – von Chile über Frankreich bis in den Libanon. Dagegen wird herrschenderseits zur Verteidigung der Besitz- und Machtverhältnisse auf Repression nach innen (Austerität, Polizeigesetzverschärfungen) und Aggression (Aufrüstung und Krieg) nach außen gesetzt. Trump spielt mit der Gefahr eines neuen heißen Krieges mit dem Iran und Irak, um von den Konflikten im Inland abzulenken und die sinkenden Einflussspähren von US-Kapital im Nahen Osten zu sichern. In der BRD wird kräftig mitgemischt: Sowohl als logistische Drehscheibe für US-amerikanische Kampfdrohnen-Einsätze von Ramstein Air Base (westlich von Kaiserlautern) als auch mit massiver Aufrüstung im Rahmen der NATO. So sind im aktuellen Bundeshaushalt die höchsten Militärausgaben seit 1945 vorgesehen. Dafür muss gelogen werden bis sich die Balken biegen, da die riesengroße Mehrheit der Bevölkerung zivile Konfliktbearbeitung und Diplomatie den Bomben und Soldaten vorzieht. Aufklärung ist dagegen eine mächtige Waffe. Denn Frieden hat Ursachen.

Wissenschaft und Bildung haben für diese Aufklärung und Mobilmachung für den Frieden große Bedeutung. Die wissenschaftliche Erarbeitung der Ursachen von Krieg trägt dazu bei, Kriege nicht als Schicksale der Menschheit zu akzeptieren und eröffnet die Möglichkeit der Ursachenbekämpfung. Die Aktualisierung der vier D‘s für heute ist ein solcher Beitrag. Emanzipatorische Bildung entwickelt souveräne Persönlichkeiten, die eintreten für die zivile und demokratische internationale Verständigung. Friedensforschung erarbeitet Perspektiven für die umfassende Realisierung von Frieden und legt historische Gründe für das Ende von Kriegen offen. Mit den aktuell finanziell und demokratisch sehr prekären Bedingungen an der Uni sind diese wissenschaftlichen Tätigkeiten erheblich eingeschränkt, und somit umso nötiger zu unternehmen. In diesem Sinne wirken bundesweit zahlreiche Initiativen für Zivilklauseln, die zu rein zivilen Wissenschaften verpflichten und auch ein Schutz vor dem Zugriff des militärisch-industriellen Komplex sind. In diesem Sinne setzen wir uns ein für Friedenswissenschaft als Leitwissenschaft. Sinnstiftend tätig sein.

„Mit den Waffen des Geistes
gegen den Geist der Waffen!“

(Martin Löwenberg, Widerstandskämpfer, KZ-Häftling, Mitbegründer der Vereinigung der Verfolgten des Nazi- regimes, VVN, in der sowjetischen Besatzungszone)