Okt 112018
 

Kein anderes Bundesland, keine andere Stadt, keine andere Hochschule hat 2016 intensiver gegen die Fortführung des „Exzellenzwettbewerbs“ gestritten als wir als Uni Hamburg. Als Studierendenschaft sammelten wir1300 Unterschriften für die Kampagne „Uni für alle statt Exzellenzinitiative“ und übergaben diese an VertreterInnen der Bürgerschaftmit der bundesweit einzigen Demonstration dieser Art [1]. Unter diesem öffentlichen Druck musste Wissenschaftssenatorin Fegebank gar damit drohen, den Staatsvertrag zur Exzellenzstrategie (ExStrat) platzen zu lassen. Und nun wurde die Uni Hamburg in genau diesem Schein-Wettbewerb quasi zum deutschen Forschungsmeister gekürt. Toll. 195 Cluster-Anträge bemühten sich um die von der Bundesregierung ausgelobten 533 Mio. € pro Jahr, 88 kamen in die Endrunde und 57 Cluster werden nun gefördert.Vier Exzellenzcluster hat außer „uns“ sonst nur noch die Uni Bonn eingeworben. Der Titel „Exzellenzuniversität“ ist „uns“ damit so gut wie sicher. Meinen die wirklich, dass man eine kritische Uni einfach kaufen kann?

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So sehen Pyrrhus-Sieger aus! Uni-Präsident, Clustersprecher, Bürgermeister |Foto: UHH

In der aktuellen tiefen gesellschaftlichen Krise, die ihre Ursache in der sozialen Spaltung findet, steigt der gesellschaftliche Bedarf an aufklärerischer, befreiender Wissenschaft und Bildung, die sich an die Lösung wirklicher gesellschaftlicher Probleme machen. Wir wollen als Unideswegen zur Umsetzung der ‚Sustainable Development Goals‘ (SDGs) der Vereinten Nationen beitragen, wie dies erkämpftermaßen im aktuellen Struktur- und Entwicklungsplan der Unifestgehalten ist. Armut, Hunger und Kriege weltweit beenden. Gute Arbeit, Bildung, Gesundheit, Geschlechtergleichheit, öffentliche Infrastruktur, nachhaltige Energiegewinnung, Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen und Frieden für alle schaffen. Um dazu beizutragen müssen wir uns als Wissenschaft(seinrichtung) als Teil sozialer Bewegung mit dem ökonomischen, politischen und wissenschaftlichen Establishment anlegen.

Die ExStrat ist explizit gegeneine solche Orientierung gerichtet. Sie ist eine Ausgeburt des gescheiterten Modells der „Unternehmerischen Hochschule“. Ins Leben gerufen hat sie die schwarz-rote Bundesregierung 2005/06 als Exzellenzinitiative, um – parallel zurEinführung des Bachelor-Master-Systems –die Hochschulen in den Dienst der Lissabon-Strategie der EU zu stellen. Durch letztere wurde im Jahr 2000 das Ziel ausgegeben, die EU „zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum in der Welt zu machen“. Die ExStrat ist also ein Instrument für profitorientierte Wissenschaft im Interesse Weniger gegen kritische Wissenschaft im Interesse der Allgemeinheit. Wenn die EntscheidungsträgerInnen eines so intendierten Programms nun die Uni Hamburg prämieren, darf man sich fragen,ob hier eine kritisch eingreifende Uni mit vier Exzellenzclustern ruhig gestellt werden soll.

Aber nicht mit uns! Dieser Bestechungsversuch zeigt, dass die Gegnerschaft wirkt. Er zeigt aber auch, dass wir noch weiter aufdrehen müssen. Die Universität der Nachhaltigkeit lässt sich nicht mit der Exzellenzuni versöhnen, beide sind ein Gegensatzpaar. Alle müssen sich entscheiden! Wir kämpfen gegen die 91% Befristung im wissenschaftlichen Mittelbau für unbefristete, volle Stellen und demokratische Departementstruktur statt Lehrstuhlprinzip. Wir kämpfen füreine enorme Erweiterung der Grundfinanzierung statt der mittlerweile 40% temporärer Mittel an der Uni Hamburg,auf der ein organisationales Burnout gedeiht. Wir kämpfen für die Rückbesinnung auf Hochschuldemokratie von unten nach oben mit gleichem Stimmrecht für alle Mitgliedergruppen statt Top-Down-Management. Wir kämpfen für gesellschaftsverantwortliches, forschendes, interdisziplinäres Lernen statt Credit-Point-Jagd für die Ausbeutung durch Unternehmen. Die ExStrat verschärft jedes der aktuellen Probleme. Siehe dazu die Kampagne „Für gute Forschung und Lehre – Argumente gegen die Exzellenzinitiative“ (exzellenzkritik.wordpress.com), welche von über 3000 WissenschaftlerInnen bundesweit unterzeichnet wurde.

Anstatt also dem Exzellenz-Wahn ein Nachhaltigkeitsmäntelchen umzuhängen, kämpfen wir erst recht für einewirkliche Uni der Nachhaltigkeit, die die SDGs radikal mitrealisiert. Lasst uns deswegen gemeinsamaufdrehen: Wir sehen uns auf der „Demonstration für die Ausfinanzierung von Bildung, Kultur und Wissenschaft – Solidarisch für ein lebenswertes Hamburg!“ am 1.11.18 (Start: 14 Uhr, Dammtor) und am Dies Academicus („Akademischer Tag“)„Transformation der Welt: Forschung und Lehre für nachhaltige Entwicklung“ am 7.11.18, zu dessen Gunsten alle Lehrveranstaltungen ausfallen (uni-hamburg.de/dies-academicus).

[1] https://www.youtube.com/watch?v=ERDajHEjbGE

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