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Apr 012017
 

Vor kurzer Zeit ist die beeindruckende Ingeborg Rapoport mit 104 Jahren gestorben. Sie war Kommunistin und die europaweit erste Professorin für Neugeborenenheilkunde in der DDR. Sie studierte Medizin in Hamburg und floh als „Halb-Jüdin“ 1938 mit unvollendeter Promotion vor den deutschen Faschisten in die USA. Von dort vor der Kommunisten-Jagd in der McCarthy-Ära in die DDR. Vor einem Jahr holte sie die Disputation ihrer Doktorarbeit nach und dürfte damit die wohl älteste Promovendin der Welt sein.

Als AStA hatten wir uns dafür eingesetzt, dass nach ihr ein Studierendenwohnheim benannt wird. Das Flugblatt findet ihr hier (PDF).

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© APA/dpa/Bodo Marks

Ingeborg Rapoport; © APA/dpa/Bodo Marks

Das nach einem faschistischen Arzt benannte Studierendenwohnheim Paul-Sudeck-Haus soll auf Initiative des dortigen Heimrats umbenannt werden. Eine neue Namensgeberin drängt sich auf: die 103-Jährige, als „Halb-Jüdin“ von den Nazis aus Hamburg vertriebene Professorin für Neugeborenenheilkunde, Ingeborg Rapoport.

In Winterhude steht das Paul-Sudeck-Haus, ein Wohnheim des Studierendenwerks Hamburg. Paul Sudeck (1866-1945) war Mitglied der farbentragenden, pflichtschlagenden Tübinger Burschenschaft Derendingia, von 1923-1935 Direktor der Chirurgie und Ordinarius des Universitäts-Klinikums Eppendorf (UKE) und als solcher für die Durchführung von Zwangssterilisationen im Rahmen des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ von 1933 verantwortlich. Er unterzeichnete außerdem den „Ruf an die Gebildeten der Welt“i, der am 11. November 1933 in der Alberthalle in Leipzig als festliches Gelöbnis „deutschler Gelehrter“ vorgetragen wurde.ii Darin richtet Paul Sudeck als Teil der deutschen Wissenschaft „aus tiefer Überzeugung heraus [...] an die Gebildeten der ganzen Welt den Appell, dem Ringen des durch Adolf Hitler geeinten deutschen Volkes um Freiheit, Ehre, Recht und Frieden das gleiche Verständnis entgegenzubringen, welches sie für ihr eigenes Volk erwarten.“

Gegen die Verunstaltung ihres Wohnheims durch Faschisten-Benennung und -Büste haben die Studierenden des dortigen Heimrats ausführlich diskutiert und beschlossen, die Benennung des Gebäudes zu Ehren der von den Nazis als sog. „Halb-Jüdin“ aus Hamburg vertriebenen Ärztin Prof. Dr. Ingeborg Rapoport in die Wege zu leiten. Am 13. Mai 2015 hat diese mit 102 Jahren als wohl älteste Promovendin der Welt ihre vor fast 80 Jahren fertig geschriebene Doktorarbeit am UKE erfolgreich mündlich verteidigt, nachdem ihr dies 1937 von den Faschisten untersagt worden war. Aber der Reihe nach, warum wir überzeugt sind, dass sie die perfekte Namensgeberin ist.

Ingeborg Rapoport wurde 1912 in der deutschen Kolonie Kamerun geboren, wuchs aber in Hamburg auf, besuchte das Heilwig-Mädchengymnasium, studierte Medizin an der Universität Hamburg – zu der Zeit als Paul Sudeck Ordinarius war – bis zum Staatsexamen und war anschließend Assistenzärztin am Israelitischen Krankenhaus. 1938 floh sie vor den Faschisten in die USA, wo sie ihren Medical Doctor machte und als Kinderärztin arbeitete und forschte. Zusammen mit ihrem Ehemann Samuel Mitja Rapoport engagierte sie sich in der Communist Party USA, vor allem für einen Stopp der Atombombenversuche, die Verbesserung der sozialen Lage der ArbeiterInnen und für die Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerung. Obwohl ihr Mann von Präsident Truman für seine Forschung zur längeren Haltbarkeit von Blutkonserven ausgezeichnet worden war, drohte beiden 1950 eine Vorladung wegen „unamerikanischer Umtriebe“ vor den berüchtigten Senats-Ausschuss, der vom Republikaner Joseph McCarthy geleitet wurde, der zu den Hochzeiten des Kalten Krieges die Personifizierung von Hetze und Verfolgung gegenüber KommunistInnen war. Daher flohen sie erneut – diesmal über Israel, Zürich und Wien (McCarthy verhinderte unter Androhung der Entziehung von US-Subventionen eine Anstellung an der Wiener Universität) – in die DDR. Dort habilitierte Ingeborg Rapoport sich 1959 und wurde 1968 zur europaweit ersten Professorin für Neonatologie (Neugeborenenheilkunde) an die Kinderklinik der Charité in Berlin berufen. Bis heute werden sie und ihr Ehemann dort als medizinische Vorbilder in Ehren gehalten, wie der Vorstandsvorsitzende der Charité und der Präsident der Humboldt-Universität bei einem Festakt 2012 bekräftigten.iii Auch und gerade weil ihre Ambitionen über das rein Medizinische hinaus gingen und gehen: „Ich war und bin der Meinung, dass die Medizin ein Sektor der Gesellschaft ist, in dem kein Profit gemacht werden darf. Das Arztsein, das Verhältnis zwischen Arzt und Patient, verträgt sich nicht mit einem merkantilen Rahmen. Überhaupt wünsche ich mir, dass die Welt gerecht verteilt wird, dass ethische Prinzipien das Handeln bestimmen und ein Weg gefunden wird, eine friedliche und für alle erfreuliche Gesellschaftsordnung zu schaffen.“iv

Sie trug forschend und gesundheitspolitisch erheblich dazu bei, dass die Säuglingssterblichkeitsraten in der DDR zu den niedrigsten weltweit gehörten. U.a. war sie über 20 Jahre Mitglied in einer Kommission, die anhand der global höchsten wissenschaftlichen Standards jeden einzelnen Kindersterbefall auf die medizinische und soziale Vermeidbarkeit hin untersuchte und Empfehlungen für staatliche Stellen verfasste. Der Kern ihres Engagements war ihr humanistisches Verständnis der untrennbaren Verknüpfung von Medizin und sozialem Umfeld: „Die beste menschlichste und wissenschaftliche Medizin bleibt letztlich hilflos unter Bedingungen sozialen Elends.“ v

Dieses Weltbild spiegelt sich auch wieder in der Gestaltung des Lehr-Lern-Verhältnisses, an dem von Mitja Rapoport aufgebauten Biochemischen Institut der Humboldt-Universität zu Berlin: „So wie ich es sehe, war es das Bestreben, ohne die an deutschen Universitäten immer noch üblichen traditionellen Schranken zwischen akademischen Lehrern und Studenten auf einer Basis von gleich und gleich miteinander zu arbeiten, offen für gegenseitige Kritik und Fragen. Außerdem war es Mitjas Anliegen, Studenten, die einmal zum Medizinstudium zugelassen waren, auch so zu fördern, daß wissenschaftlich gebildete und humanistisch denkende und fühlende Ärzte aus ihnen wurden.“ vi

Alles in allem kann man also sagen, dass wir als Universität, wir als UKE und wir als Studierendenwerk kaum eine bessere Wahl treffen könnten, als mit der bis heute nachwirkenden faschistischen Vergangenheit ausnahmslos Schluss zu machen und zu Ehren einer lebenslang humanistisch, sozialistisch und friedensbewegt engagierten, beeindruckenden Persönlichkeit das Studierendenwohnheim in Winterhude nach der aktuell stattfindenden Renovierung als Ingeborg-Rapoport-Haus wiederzueröffnen.

Ingeborg Rapoport würde sich darüber sicher ebenfalls sehr freuen, denn es wird als ein Akt tätigen Erinnerns dazu beitragen, das bisher noch uneingelöste Versprechen des Schwurs von Buchenwald zu erfüllen, am „Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit“ zu arbeiten. Auf eine Frage, was sie als 102-Jährige nach ihrer frisch erfolgten Promotion jetzt noch vorhabe, antwortete sie lebhaft: „Ich möchte noch ein bisschen protestieren gegen die Kriegshetzerei.“

Als AStA unterstützen wir daher die Initiative der Studierendenselbstverwaltung des Wohnheims und werden uns gemeinsam mit dieser für die Umbenennung beim Studierendenwerk einsetzen.

Weitere Hintergrundinformationen:

a) Autobiographie „Meine ersten drei Leben“ von Ingeborg Rapoport; 2002 (1997)

b) mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Dokumentation (2003) „Die Rapoports – Unsere drei Leben“ (ZDF und ARTE) über das Leben von Ingeborg und Samuel Mitja Rapoport; Deutschland 2003, 60 Minuten, Buch und Regie: Sissi Hüetlin, Britta Wauer; im Auftrag des ZDF in Zusammenarbeit mit ARTE

c) Dokumentation des Akademischen Festakts am 8.10.2012 an der Charité Berlin anlässlich des 100. Geburtstags von Prof. Dr. Ingeborg Rapoport und Prof. Dr. Mitja Rapoport; herausgegeben von Johann Gross und Gisela Jacobasch; Situngsberichte der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften, Band 115, Jahrgang 2013

i Nachdem der nationalsozialistische Staat zuvor durch das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums massiv in die wissenschaftliche Lehrfreiheit der Hochschulen eingegriffen hatte, indem er Wissenschaftler jüdischen Glaubens oder Herkunft oder einfach nur Wissenschaftler demokratischer Gesinnung aus dem Amt vertrieben hatte und die Selbstbestimmung der Universitäten durch die Einführung des Führerprinzips beseitigt worden war und die NSDAP dort einen bestimmenden Einfluss gewonnen hatte, folgte der „Ruf an die gebildeten der Welt“:
„Alle Wissenschaft ist unlösbar verbunden mit der geistigen Art des Volkes, aus dem sie erwächst. Voraussetzung erfolgreicher Arbeit ist daher die unbeschränkte geistige Entwicklungsmöglichkeit und die kulturelle Freiheit der Völker. Erst durch das Zusammenwirken der volksgebundenen Wissenschaftspflege der einzelnen Völker ersteht die völkerverbindende Macht der Wissenschaft. Unbeschränkte geistige Entwicklung und kulturelle Freiheit der Völker können nur gedeihen auf der Grundlage gleichen Rechts, gleicher Ehre, gleicher politischer Freiheit, also in der Atmoshpähre eines wirklich allgemeinen Friedens. Aus tiefer Überzeugung heraus richtet die deutsche Wissenschaft an die gebildeten der ganzen Welt den Appell, dem Ringen des durch Adolf Hitler geeinten deutschen Volkes um Freiheit, Ehre, Recht und Frieden das gleiche Verständnis entgegenzubringen, welches sie für ihr eigenes Volk erwarten.“
ii Martin Heidegger als einer der Festredner: „Deutsche Lehrer und Kameraden! Deutsche Volksgenossen und Volksgenossinnen! [...] Wir haben uns losgesagt von der Vergötzung eines boden- und machtlosen Denkens. Wir sehen das Ende der ihm dienstbaren Philosophie. Wir sind dessen gewiß, daß die klare Härte und die werkgerechte Sicherheit des unnachgiebigen einfachen Fragens nach dem Wesen des Seins wiederkehren. Der ursprüngliche Mut, in der Auseinandersetzung mit dem Seienden an diesem entweder zu wachsen oder zu zerbrechen, ist der innerste Beweggrund des Fragens einer völkischen Wissenschaft. [...] Die nationalsozialistische Revolution ist nicht bloß die Übernahme einer vorhandenen Macht im Staat durch eine andere … Partei, sondern diese Revolution bringt die völlige Umwälzung unseres deutschen Daseins. Von nun an fordert jedwedes Ding Entscheidung und alles Tun Verantwortung.“ (S. 13 f. der Ausgabe Leipzig 1933)
iii Dokumentation des Akademischen Festakts am 8.10.2012 an der Charité Berlin anlässlich des 100. Geburtstags von Prof. Dr. Ingeborg Rapoport und Prof. Dr. Mitja Rapoport; herausgegeben von Johann Gross und Gisela Jacobasch; Situngsberichte der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften, Band 115, Jahrgang 2013
a) Prof. Dr. Karl Max Einhäupl, Vorstandsvorsitzender der Charité Berlin:

„Wir, die Charité sind stolz darauf, dass wir uns auf Sie [Ingeborg und Mitja Rapoport] berufen können und werden ihr Andenken sowie das Ihres Mannes in Ehren halten und weiter treiben.“ (a.a.O.; Seite 9)
b) Prof. Dr. Jan-Hendrik Olbertz, Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin:
„Ich möchte die Charité darin bestärken, die eigenen Wurzeln und Traditionen zu wahren, eine Kultur der Erinnerung zu pflegen und zugleich als Fundament zu nutzen, sich den neuen Anforderungen der modernen Hochleistungsmedizin zu stellen. Dazu gehört, sich der eigenen Geschichte zu vergewissern und immer wieder Humanität als Verpflichtung aufzurufen. […] In diesem Sinne braucht die junge Generation von Ärztinnen und Ärzten, medizinischen Forscherinnen und Forschern ebenso wie medizinischen Pflegekräften Vorbilder. Ich weiß, verehrte Frau Rapoport, dass Sie sich, gerade auch im Gespräch mit Auszubildenden der Krankenpflege, immer wieder darum bemüht haben, sie für den Beruf zu begeistern.“ (a.a.O.; Seite 12 f)
c) Prof. Dr. Burkhard Schneeweiß, ehem. Student von Ingeborg Rapoport:
„Wodurch war ihre Arbeitsweise gekennzeichnet? Womit beeinflusste Sie uns Jüngere und prägte unser fachliches Denken? Zunächst muteten uns ihre Visiten recht ‘theoretisch’ an. Ja, sie imponierte angangs als ‘unbequeme’ Oberärztin, weil sie Patientenvorstellungen häufig unterbrach und bis ins Detail hitnerfragte. Wir wussten recht bald, diese Oberärztin gibt sich nicht mit vorgetragenen Fakten zufrieden, sondern zerlegte sie mit ihren Fragen, wobei sie niemals ‘von oben herab’ fragte. Ihr Hintergrund war – das wurde uns schnell klar – wissenschaftliche Neugier.“
(a.a.O.; Seite 82)
iv Lebenslauf aus der taz vom 28.12.2015; https://www.taz.de/!5264066/
v „Trieb mich anfangs nur der heiße Wunsch zur Medizin, kranken und hilflosen Menschen zu helfen – sozusagen auf einer Woge christlicher Barmherzigkeit –, und packte mich dann die Leidenschaft, differential-diagnostische Rätsel am Einzelpatienten zu lösen, so war ich doch lange Jahre hindurch in meiner Sicht auf nur einen Ausschnitt der Medizin beschränkt. Zwei Dinge rissen für mich den Horizont auf: der Zugang zur Forschung und die ersten tiefen Einblicke in die untrennbare Verknüpfung von Medizin und sozialem Umfeld. Die beste menschlichste und wissenschaftliche Medizin bleibt letztlich hilflos unter Bedingungen sozialen Elends. Die heutige Welt liefert dafür die zwingendsten und schrecklichsten Beweise. Aber auch die Umkehrung des Satzes stimmt: Selbst das beste soziale Umfeld ist ohne eine wissenschaftlich und humanistisch hochstehende Medizin Krankheiten gegenüber ohnmächtig.“ („Meine ersten drei Leben“ von Ingeborg Rapoport; Seite 371)
vi „Im Jahre 1954, als ich meine Aspirantur am Biochemischen Institut der Humboldt-Universität begann, war das Institut bereits zu eimen festgefügten Lehr- und Forschungskollektiv zusammengewachsen, geprägt von den Ideen, die Mitja aus den österreichischen und amerikanischen Erfahrungen und seinen Vorstellungen über ein sozialistisches Verhältnis zwischen Lehrkörper und Studentenschaft geschöpft hatte. Man mag fragen, was letzteres bedeutet. So wie ich es sehe, war es das Bestreben, ohne die an deutschen Universitäten immer noch üblichen traditionellen Schranken zwischen akademischen Lehreren und Studenten auf einer Basis von gleich und gleich miteinander zu arbeiten, offen für gegenseitige Kritik und Fragen. Außerdem war es Mitjas Anliegen, Studenten, die einmal zum Medizinstudium zugelassen waren, auch so zu fördern, daß wissenschaftlich gebildete und humanistisch denkende und fühlende Ärzte aus ihnen wurden. Mitja lehnte das Prinzip des unpersönlichen ‘Herausprüfens’ von Studenten mit schwächeren Leistungen ab und führte das Seminarsystem ein, bei dem Gruppen von 20 bis 25 Studenten einem Assistenten zugeteilt wurden.“ (a.a.O.; Seite 282 f)
Jan 202017
 

„Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel. Das sind wir unseren gemordeten Kameraden, ihren Angehörigen schuldig.“ (Schwur von Buchenwald, 19. April 1945)

Antifaschismus bedeutet gegen Nazis und andere Rechte auf die Straße zu gehen und sie zu blockieren. Aber er ist noch mehr: Antifaschismus bedeutet ebenso, aktiv an einer Welt mitzuarbeiten, in der Menschen als Gleiche unter Gleichen in Frieden und Freiheit leben können – einer Welt also, in der auch eine Wiederholung der Schrecken der Vergangenheit ausgeschlossen ist. Dafür muss man es mit „de[m] Nazismus [und] mit seinen Wurzeln“ aufnehmen. So ist es im Schwur von Buchenwald von befreiten KZ-Gefangenen als (bis heute nicht eingelöste) Losung ausgegeben.

Das „Nie wieder“ wird im ‚Potsdamer Abkommen‘, das die Alliierten nach Kriegsende 1945 beschlossen haben, gefasst als die Denazifizierung, Demilitarisierung, Demokratisierung und (politische wie wirtschaftliche) Dezentralisierung Deutschlands. In Zeiten massiver Polarisierung in der tiefen Krise des Kapitalismus haben diese Vorhaben nichts an Aktualität eingebüßt: Aktuell besitzen – nach einer neuen Studie von Oxfam – derzeit die reichsten acht Menschen so viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung zusammen. Der Widerspruch zwischen Möglichkeit einer menschenwürdigen Gesellschaft und der Realität ist damit so groß wie nie und die gesellschaftliche Situation dementsprechend umkämpft.

Von PEGIDA bis Trump, von Le Pen bis AfD wollen die Rechten in dieser umkämpften Zeit den neoliberalen Kapitalismus retten und suchen dafür Sündenböcke: Schuld seien an der prekären Lage von Millionen und der Verrohung in der Gesellschaft (deren Ausdruck sie auch selber sind) nicht das Konkurrenzprinzip, die Profitorientierung von Unternehmen, der sich auch alle öffentlichen Bereiche unterwerfen sollen, o. ä., sondern wahlweise Flüchtlinge, Migranten, Juden, alle die, die als ‚außerhalb der Volksgemeinschaft‘ konstruiert werden. An die Stelle materieller Sicherheit soll ein ‚Geborgenheitsgefühl‘ durch die Zugehörigkeit zur ‚Volksgemeinschaft‘ treten. In ihr sollen die Menschen – weiter kollektiv-vereinzelt und ohnmächtig – aufgehen und der Klassenkonflikt verschleiert werden: „Die Soziale Frage der Gegenwart ist nicht primär die Verteilung des Volksvermögens von oben nach unten, unten nach oben, jung nach alt oder alt nach jung. Die neue deutsche Soziale Frage des 21. Jahrhunderts ist die Frage nach der Verteilung des Volksvermögens von innen nach außen“ (Björn Höcke, AfD, am 28.4.2016 auf einer Demonstration in Schweinfurt).

Die wirkliche soziale Frage der Gegenwart stellt sich nach der gesellschaftlichen Erarbeitung und Verteilung des Reichtums (s. Oxfam). Gegen jegliche Naturalisierungen von (sozialer) Ungleichheit, muss Wissenschaft aufzeigen, dass die sozialen Verhältnisse von Menschen gemacht und von Menschen verändert werden. Die „4 Ds“ des Potsdamer Abkommens zeigen für diese Veränderung die Richtung an. In der Aktualisierung der Denazifizierung haben Rechts- und Politikwissenschaften mit der Aufdeckung der Verknüpfung von rechter Szene und Verfassungsschutz sowie mit der Durchsetzung des weiter notwendigen NPD-Verbots ebenso wie mit der wirklichen Durchsetzung des Grundrechts auf Asyl alle Hände voll zu tun. Zur Demilitarisierung ist eine Zivilklausel im Hamburgischen Hochschulgesetz unerlässlich, mit der die Wissenschaft für den Frieden zum Leitprinzip ausgebaut wird. Die Demokratisierung aller Lebensbereiche ist nicht nur eine Frage politischer Maßnahmen, sondern eine lebendige Kultur der gemeinsamen Gestaltung aller Lebensbereiche: Die Uni kann durch die wissenschaftliche Bearbeitung gesellschaftlicher Probleme (von Beginn des Studiums an)  zur Bildung mündiger Persönlichkeiten und einem demokratischen Gemeinwesen beitragen. Dafür muss sie selbst weiter demokratisiert werden.

Zur Durchsetzung dieser antifaschistischen Orientierung in der Wissenschaft können wir heute anknüpfen an das reichhaltige Wirken von Arbeiterbewegung, Widerstandsbewegung wie der Weißen Rose, und„68ern“. In den Veranstaltungen des tätigen Erinnerns rund um die Uni, wie die Mahnwachen zur Reichspogromnacht vom 9.11.1938 und die öffentlichen Lesungen aus den verbrannten Büchern vom 15.5.1933, lernen wir von den antifaschistischen, humanistischen, sozialistischen, pazifistischen Ambitionen unserer Vorkämpfer*innen für die heutigen Auseinandersetzung: Statt nach oben zu buckeln und nach unten zu treten, beziehen wir uns auf das gemeinsame menschliche Interesse, kollektiv an der Gestaltung von solidarischen Lebensverhältnissen tätig zu sein.  Lasst uns also unser Ändern leben! Das ist befreiend für alle, denn im Kampf um Befreiung ist diese selbst schon präsent: „In der Organisation und Gemeinschaft der Kämpfenden erscheint trotz aller Disziplin, die in der Notwendigkeit, sich durchzusetzen, begründet ist, etwas von der Freiheit und Spontaneität der Zukunft.“ (Max Horkheimer, Traditionelle und kritische Theorie, 1937)

Hier das Flugblatt als PDF

Jan 162017
 

“Man muß jede Sphäre der deutschen Gesellschaft als die partie honteuse |den Schandfleck| der deutschen Gesellschaft schildern, man muß diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, daß man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt! Man muß das Volk vor sich selbst erschrecken lehren, um ihm Courage zu machen.” Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, 1844

Dieses Vorhaben von Marx wollen wir für die Gesellschaftliche Sphäre der Hochschule in der nächsten Woche künstlerisch umsetzen.

Hier findet ihr die Texte zu unserer Wahlkampfintervention anlässlich der Wahl von Studierendenparlament und Akademischer Senat als PDF

Hier findet ihr unseren Trailer als VIDEO

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Jan 102017
 

„Halt die Deadline ein, so ist’s fein | Hol die Ellenbogen raus, burn dich aus | 24/7, Acht Bis Acht |  Was geht ab, machste schlapp, what the fuck?!“  (Deichkind, Bück dich hoch, 2012)

kritische_wissenschaft_2017Die Ursache für Burnout und Depression (in) der „Leistungsgesellschaft“ ist das Zurückdrängen eines gemeinwohlorientierten Sinns hinter all den Deadlines und Monatskennziffern, ein konkurrenzgetriebenes ‘Rennen ohne Ankommen’ und gefühlte Ausgeliefertheit an unsere Lebens- und Arbeitsbedingungen. Wir leben in einer verkehrten Welt, in einer Welt der Zweck-Mittel-Verkehrung. Der Zweck unseres Studiums soll nicht etwa im Verstehen der Welt zum Verbessern der Welt bestehen, sondern im „Erwerben“ von Leistungspunkten für unser „Leistungskonto“ nach vorgegebenem Studienplan, um damit später auf dem Arbeitsmarkt etwas anfangen zu können. Der Zweck der Forschung soll anstelle von Gemeinwohlorientierung das „Einwerben“ von Drittmitteln oder das Sammeln von Punkten in der sog. Leistungsorientierten Mittelvergabe sein (Mittel, die erst im Wettbewerb unter  Professor*Innen vergeben werden, wenn diese bestimmte Anforderungen erfüllen). Im Jahr 2012 betrug die Drittmittelquote 28 %  des gesamten Hochschulbudgets. Zum Vergleich: 2003 waren es 19 %.

Die Folge der heutigen Sinnentleerung und Trennung von Forschung und Lehre ist eine Kultur der Entfremdung, die schon die 68er-Bewegung ablehnte: „Zumal wenn Forschen und Lernen auseinandergerissen sind und die Studenten am Forschungsprozeß nicht beteiligt werden, erleben sie ihre Arbeit nur als passiv-konsumtiv, als bloßes Erlernen herausgerissener Momente des Ganzen, nicht aber als eigene Entäußerung, als ‘Aus-sich-heraus’ (Bloch), als aktives Eingreifen in den Wissenschaftsprozeß selbst. Auf der Universität sind persönliche Identifikationen und Beziehungen ersetzt worden durch verdinglichte.“ (Bacia/Geulen, “Wider die Untertanenfabrik”, 1967) Im Zuge der 68er-Bewegung wurde von dieser Kritik ausgehend tendenziell eine Vorstellung von Bildung und Wissenschaft als Grundrecht realisiert, die den Auftrag hatte gesellschaftliche Selbstaufklärung, sowie sozialen, kulturellen und ökologischen Fortschritt anzutreiben.

Der neoliberale Umbau der Hochschulen wurde dementgegen forciert, damit Forschung nicht gesellschaftliche Emanzipation, sondern verwertbaren und affirmativen Output bedeutet. Damit Humankapital ausgebildet wird anstatt dass mündige Persönlichkeiten sich bilden. Die dazu gewählten Mittel: Unterfinanzierung, Managementstrukturen und Wettbewerbsverfahren. Doch der Widerstand dagegen ist weit verbreitet und wächst.

Besonders in Zeiten der aktuellen Krise des Neoliberalismus und den rechts lauernden Hetzer*Innen ist eine  kritische Wissenschaft eine wichtige Stimme der Hoffnung: sie nimmt den Verhältnissen ihren Schein der Natürlichkeit, zeigt Veränderungspotenziale auf und mischt sich in der gesellschaftlichen Gegnerschaft parteiisch ein für „eine Welt des Friedens und der Freiheit“ (Schwur von Buchenwald): „Wissenschaft ist also ein prinzipielles Gegen-den-Strom-Schwimmen, dabei vor allem auch gegen den Strom der eigenen Vorurteile, und in der bürgerlichen Gesellschaft zudem gegen die eigene Tendenz zum Sich-Korrumpieren-Lassen und Klein-Beigeben gegenüber den herrschenden Kräften, denen die Erkenntnisse gegen den Strich gehen, die ihren Herrschaftsanspruch gefährden könnten.“  (Klaus Holzkamp, Forum Kritische Psychologie 12, 1983)

Um mit dieser Orientierung die gesamte Hochschule zu durchwirken und im Studium auch die absurde Trennung von Forschung und Lehre aufzuheben, haben unsere VorkämpferInnen schon für ein gesellschaftlich eingreifendes, forschendes, exemplarisches und interdisziplinäres Lernen gekämpft: das Projektstudium. Das Projektstudium dreht die Zweck-Mittel-Verkehrung um, indem es aktuelle gesellschaftliche Fragen (heute bspw. G20-Gipfel, Situation Geflüchteter oder die Organisation des Gesundheitssystems) zum Ausgangspunkt einer forschend-politischen Arbeit macht. So ist das Ziel nicht eine Prüfungsleistung, sondern kann bspw. die Verhinderung des G20-Gipfels, die Rekommunalisierung der Krankenhäuser oder der Kampf für die Überwindung der Fluchtursachen (Krieg!) und die Realisierung des Grundrechts auf Asyl sein, bzw. der aufklärerische Beitrag zu diesen Bewegungen.

Trauen wir uns also, unserer Ahnung nachzugehen, dass Studium etwas anderes sein muss als die Erfüllung von Anforderungen in der Bachelor-Master-Routine. Deshalb sind wir und viele andere in der Studienreform zur Bildung mündiger Persönlichkeiten aktiv. Trauen wir uns also, tagtäglich aufs Neue aus der Anpassung auszubrechen und die gesellschaftlichen Herausforderungen anzugehen. Statt Veränderung nur zu fordern: Lasst uns selbst die solidarische, eingreifende Alternative sein und unser Ändern leben.

Flugblatt als PDF hier

Jan 092017
 

bild-as-flugiAm 28.12.2016 schrieb das Hamburger Abendblatt über den Haushalt der Stadt in einer kleinen Notiz: „Am stärksten kletterten die Verbindlichkeiten der Länder in Hamburg: Hier nahm die Verschuldung um 8,9 Prozent zu. (…) ‚Der hohe Anstieg in Hamburg und Schleswig-Holstein ist im Wesentlichen bedingt durch die Übernahme notleidender Altkredite von der HSH Nordbank‘, erklärten die Statistiker. (…) Dabei waren die Rahmenbedingungen ansonsten günstig: Noch nie gab es so hohe Steuereinahmen, noch nie waren die Zinsen so niedrig.“ Es wird deutlich, dass die Schuldenbremse keine notwendige ökonomische Maßnahme zur Senkung der Schulden ist, sondern ein politisches Herrschaftsinstrument. Diese Politik müssen wir für eine öffentliche Investitionspolitik in Bildung, Wissenschaft, Soziales, Kultur und Gesundheit beenden.

Die Schuldenbremse wurde 2011 in die Verfassung geschrieben, um die unbeliebte Kürzungspolitik gegen berechtige Ansprüche der Bevölkerung zu verteidigen. So soll weiter dafür inhaltlich Einfluss auf die öffentlichen Einrichtungen ausgeübt werden, alles in den Dienst der Gewinnmaximierung zu stellen. Für die Wissenschaft formulierte der Chef der Handelskammer, der Interessenvertretung der Arbeitgeber in Hamburg, dass „begrenzte öffentliche Mittel […] dabei helfen, Exzellenz entstehen zu lassen. Dadurch wird es ermöglicht, leichter, besser und enger mit der Wirtschaft zusammenzuarbeiten.“ (in: hamburgerwirtschaft, Juli 2014). Es sollen im Wissenschaftsbetrieb die Fragen dominieren, wie man an die künstlich begrenzten Mittel in Wettbewerbsverfahren kommt (wie bei der Exzellenzinitiative), wie man sich dafür am besten gegen andere durchsetzt, anpasst und präsentiert, statt wissenschaftlich zum Allgemeinwohl beizutragen.

Die Uni Hamburg hat mit ihrer tendenziell demokratischen Organisation trotz neoliberaler Deformen gute Möglichkeiten, im argumentativen Streit oppositionelle Positionen herauszubilden und damit gesellschaftlich einzugreifen. Der Akademische Senat (AS), das höchste demokratische Gremium der Uni, hat auf Initiative der linken Studierenden die verheerenden Folgen der Kürzungspolitik für Wissenschaft und Gesellschaft diskutiert und sich gegen die Schuldenbremse positioniert. Anschließend daran will der AS in den kommenden Monaten eine Protestkampagne für die bedarfsgemäße Finanzierung der Wissenschaft erarbeiten. Dafür wird es auch im WiSe 17/18 einen Dies Academicus zur Hochschulfinanzierung geben, für den die Lehrveranstaltungen ausfallen, sodass alle Uni-Mitglieder an der Diskussion teilnehmen können.

Dass der AS links besetzt ist, spielt für die Eingriffsmöglichkeiten aller Unimitglieder eine positive Rolle. Diese demokratische Selbstverwaltung ist vor allem von der Studentenbewegung 1968 erkämpft; mit dem Verständnis, dass Bildung und Wissenschaft als eine gemeinsame, öffentliche Sache zu begreifen ist, die von ihren Mitgliedern – also uns allen – demokratisch gestaltet wird. Mit dieser Position agieren wir als linken Studierende heute weiter, auch im AS. In der laufenden Legislatur ist es deswegen bisher gelungen, den AS zu politisieren und einige gute Beschlüsse zu fassen: Der AS hat sich solidarisiert mit den von Repressionen überzogenen Wissenschaftler*innen in der Türkei. Er hat mobilisiert zu den antifaschistischen Veranstaltungen rund um die Uni (Gedenken an die Bücherverbrennung 1933 und die Reichspogromnacht 1938). Er hat die Initiative für eine Rahmenprüfungsordnung ergriffen und beschlossen, zwei Dies Academici im Jahr 2017 zu organisieren. So nehmen wir unsere Aufgabe wahr, mit Wissenschaft für Frieden, Demokratie und Solidarität zu wirken. Das muss weiter ausgebaut werden. Deswegen kandidieren wir als SDS* bei der Wahl zum Akademischen Senat zusammen mit dem „Bündnis für Aufklärung und Emanzipation“ auf Liste 1. Für Infos zur Wahl: Bitte wenden.

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Grundlegende Informationen zu den aktuellen Wahlen

 Der Akademische Senat (AS) ist das höchste demokratische Gremium der Uni. In ihm diskutieren Vertreter*Innen aus allen Mitgliedergruppen die Belange und Interessen der Uni Hamburg und beschließen Positionen. So entscheidet der AS über grundlegende Fragen, wie die Ausrichtung der Uni (Leitbild, Struktur- und Entwicklungsplan), über grundlegende Studienorganisation mit der Rahmenprüfungsordnung, über inhaltliche Stellungnahmen zu der hamburgischen Senatspolitik, über die interne Organisation der Uni mit der Grundordnung und Wahlordnung. Der AS ist auch an der Wahl des Uni-Präsidiums beteiligt.

Der AS setzt sich zusammen aus 10 Professor*Innen, 3 wissenschaftlichen Mitarbeiter*Innen, 3 Vertreter*Innen des Technischen-, Verwaltungs- und Bibliothekspersonals und 3 Studierenden. Die studentischen Vertreter*Innen werden jedes Jahr gewählt, alle anderen alle zwei Jahre. Aktuell sind wir durch das BAE! mit einem Sitz im AS vertreten.

Die Wahl zum AS ist eine reine Briefwahl. Die Unterlagen sind zu Euch nach Hause geschickt worden. Bis zum 17.01.2017, 14 Uhr muss der Brief im Wahlamt sein. Dort erhaltet Ihr auch Unterlagen zum Wählen, wenn bei Euch daheim keine angekommen sind. Das Wahlamt befindet sich im Mittelweg 177, Raum S 4061/4058.

Das Studierendenparlament (StuPa) ist das höchste Gremium der studentischen Interessensvertretung und Selbstverwaltung auf gesamtuniversitärer Ebene, also der Verfassten Studierendenschaft (VS). Es wird jährlich im Winter von den Studierenden gewählt. Das StuPa besteht aus 47 Mitgliedern, die sich selbst ein Präsidium wählen, welches den Vorsitz der zweiwöchentlich stattfindenden öffentlichen Sitzungen übernimmt. Das StuPa-Präsidium organisiert die Vor- und Nachbereitung der Sitzungen, die Einladungen, Protokolle und weitere Abläufe.

Das StuPa setzt sich für studentische Belange ein und beschließt den Haushalt der Verfassten Studierendenschaft, worüber z. B. die Aktivitäten der Fachschafträte, des AStA und die Beratungsangebote finanziert werden. Alle Studierenden tragen durch einen kleinen Teil des Semesterbeitrages zu diesem Haushalt bei. Wichtiger Bestandteil der Arbeit sind das Diskutieren und Beschließen von Anträgen und Aktionen. Damit bestimmt das StuPa die Richtlinien für die Arbeit der studentischen Selbstverwaltung. Des Weiteren bildet es Ausschüsse, bspw. den Ausschuss gegen Rechts. Aktuell sind wir als SDS* mit drei Sitzen im StuPa vertreten. Die Wahl zum Studierendenparlament erfolgt per Briefwahl (die ist aber für diese Wahlperiode bereits beendet) oder per Urnenwahl in der Woche vom 16. bis zum 20.01.2017 zwischen 10 und 18 Uhr möglich. Die Wahlurnen findet Ihr bei euch vor Ort in den Fakultäten und Fachbereichen.

Dem Allgemeinen Studierendenausschuss  (AStA) kommt eine besondere Verantwortung zu: Er vertritt als Exekutive die Interessen der Studierenden gegenüber der Universität und Öffentlichkeit und setzt insbesondere die Beschlüsse des StuPa um. Er wird jährlich nach der Studierendenparlamentswahl gebildet und gewählt. Der jetzige AStA organisiert eine Vielzahl von Veranstaltungen, Aktionen, Bildungs- und Beratungsangeboten, wie z. B. die Kulturveranstaltungen, Demonstrationen und die Rechts- und BAföG-Beratung. Der AStA arbeitet dafür mit anderen studentischen Gruppen und Aktiven zusammen und führt politische Verhandlungen und Auseinandersetzungen, u. a. für eine bedarfsgemäße Finanzierung der Uni und eine Studienreform zur Bildung mündiger Persönlichkeiten. Aktuell engagieren wir uns als SDS* im AStA-Vorstand, Referat für Hochschulpolitik, für Öffentlichkeit, für Soziales und für Antifaschismus.

Der AStA besteht momentan aus sieben Referaten, die sich auf verschiedene Schwerpunkte konzentrieren. Neben den AStA-Referaten gibt es noch teilautonome Referate. Diese werden direkt von den jeweiligen Interessensgruppen gewählt und durch das Studierendenparlament bestätigt. Aktuell gibt es folgenden Referate: Das Queer-Referat, das Referat für behinderte und chronisch kranke Studierende (RBCS), das Referat für internationale Studierende und das AlleFrauen* Referat.

Flugblatt als PDF hier

Dez 182016
 

sozialrevolutionaere-realpolitik_neuDie Erschöpfung der Subjekte kommt auch daher, weil sie sich durch einen für sie oft undurchsichtigen Alltag nur noch durchwursteln und keine Utopie mehr haben: keine für sich, aber sie sehen auch keine für diese Gesellschaft oder eine, die diese Gesellschaft hat. Im Alltag zu überleben, ist das oberste Prinzip geworden. Nicht nur für den Einzelnen gilt das, sondern auch für ganze Systeme wie die Wirtschaft und die Politik.“ (Heiner Keupp, emeritierter Professor für Sozialpsychologie der LMU München, im Interview mit der Monatszeitschrift OXI; 9.12.16; ganzes Interview hier)

Der Kapitalismus befindet sich aktuell in einem sozialökonomischen, politischen und ökologischen Burnout; und mit ihm wir als Subjekte. Also müssen wir als Hochschulmitglieder mit Hochdruck an den brennenden Fragen unserer Zeit arbeiten: Wie organisieren wir eine Ökonomie, welche menschliche Bedürfnisse im Zentrum hat und nicht Profit? Wie gestalten wir diese ökologisch und psychisch nachhaltig? Wie konvertieren wir Rüstungsproduktion? Wie verhindern wir G20 in Hamburg und überall?

Doch durch unsere soziale Situation als Studierende sollen uns andere Fragen aufgedrängt werden. Laut jüngster Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks hat in Hamburg ein Drittel aller Studierenden weniger als 800 € pro Monat zur Verfügung und gilt damit offiziell als arm. Folglich geben 40 % an, in Unsicherheit über die finanzielle Sicherung ihres Studiums zu sein. Wir sollen uns durch den prekärer werdenden Alltag „durchwursteln“ und nur im Kopf haben, wie die Miete bezahlt werden kann, ob und wann das BAföG kommt, wie wir die Lohnarbeit und das Studium unter einen Hut bekommen etc.

Dies ist politisch bewusst hergestellt, was man am Beispiel des BAföG sehr gut sehen kann: Eingeführt wurde es als nicht-rückzahlungspflichtiger Zuschuss 1971 vor dem Hintergrund des Drucks der 68er-Bewegung. Ein Jahr später wurden 44,6 % aller Studierenden BAföG-gefördert. Nach Jahrzehnten der Auseinandersetzungen um die Studienfinanzierung werden laut jüngster Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks nur noch 18,7% aller Studierenden gefördert. Die Förderhöhe ist nach jahrelangen Nullrunden mittlerweile derart lächerlich niedrig, dass das BAföG nichts mehr mit einer einklagbaren Ausbildungsförderung zu tun hat, welche die realen Lebenshaltungskosten deckt. Dadurch soll eine Haltung erzeugt werden, unser Studium als Investition ins eigene Humankapital zu sehen und uns den Erwartungen von Konzernen, häufig auch vermittelt durch Eltern, zu unterwerfen. Auch die qualitativen Anforderungen – vom „Studieren“ in Regelstudienzeit und der Nachweispflicht dessen nach vier Semestern bis zur eigenmächtigen Festsetzung der „Studieneignung“ durch das BAföG-Amt – zielen auf eine repressiv-erzieherische Funktion ab: Bloß nicht aufmüpfig sein, bummeln oder hinterfragen!

Dementgegen muss Studieren als gesellschaftlich notwendige Tätigkeit für die Bildung mündiger Persönlichkeiten im Rahmen der wissenschaftlich-politischen Lösung gesellschaftlicher Probleme verwirklicht werden. Folglich müssen wir die „Emanzipation des Studenten zum freien intellektuellen Arbeiter und die volle Herstellung der akademischen Freiheit des Studiums“ (SDS-Hochschuldenkschrift 1965) auch sozial unterlegen. Deswegen kämpfen wir für ein Studienhonorar, das allen Menschen elternunabhängig eine selbst-bewusste Teilhabe am Wissenschaftsprozess ermöglicht. Wenn wir aufhören uns gegenseitig ein Klarkommen mit den nicht zu schaffenden Leistungsanforderungen vorzuspielen und uns zur Verbesserung der Lebensbedingungen für Alle zusammenschließen, befreit uns das unmittelbar von der Entfremdung: Statt uns ziellos durch die Routine des Alltags (in Richtung Erschöpfung) treiben zu lassen, können wir unserem Leben – und damit der gesellschaftlichen Entwicklung – eine sinnhafte Richtung geben. Sozialrevolutionäre Realpolitik bedeutet in diesem Sinne, mit der Perspektive einer umwälzenden Veränderung der Gesellschaft, Reformen durchzusetzen, die unsere Kampfbedingungen für den Sozialismus verbessern: Ausbau des Studierendenwerks, vergesellschafteten Wohnraum und Realisierung der Grundrechte durch öffentliche Daseinsvorsorge mit bedarfsgemäßer Finanzierung.

Dafür müssen wir unser Ändern leben: „In der revolutionären Tätigkeit fällt das Sich-Verändern mit dem Verändern der Umstände zusammen.“ (Karl Marx/Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie)

Flugblatt als PDF hier

Dez 032016
 

Habemus Wahlkampf: Die Wahl zum Studierendenparlament steht wieder an! Ab dem 8. Dezember sind alle Briefwahlunterlagen versendet, die dann bis zum 02.01.17 eingegangen sein müssen. Urnenwahl findet vom 16.01.17 bis 20.01.17 statt. Nachfolgend findet ihr unsere große Listendarstellung und hier eine Übersicht über alle Listen.

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Raus aus der Entfremdung

plakat-sds-rev01Wir sind an die Uni gekommen, um die Welt in ihrer widersprüchlichen Geschichte und Gegenwart zu durchdringen, damit wir sie verbessern und uns zu mündigen Persönlichkeiten entwickeln. Doch die aktuelle Studienstruktur drängt andere Fragen auf: Bringt das Seminar mir ausreichend Credit Points für mein Leistungskonto? Welche Kompetenzen sollte ich noch für mein Portfolio erwerben? Wie bekomme ich einen der verknappten Masterplätze? So werden wir von unseren Mitstudierenden, vom befreienden Inhalt sowie den Ergebnissen unserer Lernprozesse und dem Wesen der Wissenschaft entfremdet. Das gesamte Treiben an der Hochschule erscheint als etwas uns Äußerliches, eigentlich soziale Verhältnisse erscheinen als Verhältnisse zwischen Dingen. Und in wessen Interesse?

Für die Verbesserung der „internationalen Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Hochschulsystems“ (Bologna-Erklärung, 1999) und die Anpassung an Arbeitgeberinteressen wurde das Bachelor-Master-System eingeführt, damit Profite des Kapitals und Macht des Establishments gesichert werden. So wurden wir Studierenden in verschärfte Konkurrenz um die Fortführung des Studiums gesetzt (Masterplatz), Wissen in vorgefertigte Häppchen zerschnitten (Module) und diese mit einer Währung versehen (Leistungspunkte). Dieses System ist inhuman und insofern gescheitert.

Wir müssen es überwinden. Lassen wir unsere Hoffnungen auf menschenwürdige Lebensverhältnisse für alle nicht länger von neoliberalen Trümmern zuschütten. Überführen wir sie in politisches Handeln, um die Entfremdung aufzubrechen!

Wir müssen unser Ändern leben!

postkarte_16_1Was unternehmen wir gegen die sich brutalisierende Rechte, wie entziehen wir ihr (z. B. sozialpolitisch) den Nährboden; wie demokratisieren wir alle Lebensbereiche; wie trägt Wissenschaft zu einer weltweiten Friedensentwicklung bei; wie lösen wir die „Schuldenbremse“; was machen wir gegen das Politikprinzip der G20? Fragen, die uns die jetzigen Verhältnisse aufdrängen. In der zunehmenden Polarisierung zwischen solidarischer Lösung und reaktionärer Verschärfung der Krise (z. B. Sanders vs. Trump) sind emanzipatorische Bildung und Wissenschaft dringend notwendig.

Die Uni ist im besten Fall eine Weltverbesserungsinstitution. Dafür müssen wir kollektiv „Nein“ sagen zu Leistungsanforderungen und Anpassungsdruck. Und tendenziell das bereits gemeinsam realisieren, wofür wir als Bewegung wirken: Durch kritische Wissenschaft nehmen wir den gesellschaftlichen Verhältnissen ihren Schein der Natürlichkeit, um die Veränderbarkeit aufzuzeigen. Durch emanzipatorische Bildung begreifen wir unsere gemeinsame Geschichte und soziale Lage, und entwickeln so demokratische Handlungsfähigkeit zur Weltverbesserung. Denn die Veränderung der Gesellschaft und unsere eigene Veränderung gehen Hand in Hand: „Daher kann man sagen, dass jeder in dem Maße selbst anders wird, sich verändert, in dem er die Gesamtheit der Verhältnisse, deren Verknüpfungszentrum er ist, anders werden lässt und verändert. [...] Sich seine Persönlichkeit bilden heißt dann, wenn die eigene Individualität das Ensemble dieser Verhältnisse ist, ein Bewusstsein dieser Verhältnisse gewinnen, die eigene Persönlichkeit verändern heißt das Ensemble dieser Verhältnisse ändern“ (Antonio Gramsci)

Statt also Veränderung nur zu fordern und in der Alltagsroutine zu verbleiben: Lasst uns selbst die solidarische Alternative sein! Die Verfasste Studierendenschaft ist dafür die erkämpfte Möglichkeit.

Raus aus der Leistungspunktejagd: Kritische Wissenschaft!sds_2016_flyer-dinlang2

Die Verbindung von wenig inhaltlicher und struktureller Gestaltungsmöglichkeit im Studium und hohen gesetzten Anforderungen erzeugt massenhaft psychisches Leiden: Beim CampusKompass 2015 der Techniker-Krankenkasse gaben 44% der befragten Studierenden an, durch Stress erschöpft zu sein. Es ist also wichtig, sich ernst zu nehmen und von diesem (gesellschaftlichen) Problem zu berichten, anstatt sich für die angeblich unzureichende Leistungsfähigkeit zu schämen und gegenseitig „Klarkommen“ vorzuspielen. Lasst uns das Hamsterrad verlassen und gemeinsam darüber sprechen, was uns bewegt, um es wissenschaftlich zu bearbeiten. So können wir durch Studienreform, emanzipatorische Bildung und kritische Wissenschaft dazu beitragen, dass aus der Möglichkeit eines menschenwürdigen internationalen Zusammenlebens Wirklichkeit wird.

Raus aus der Verzweiflung: Sozialrevolutionäre Realpolitik!

Wir sollen uns Gedanken machen, wie die Miete bezahlt werden kann, ob und wann das BAföG kommt, wie wir die Lohnarbeit und das Studium unter einen Hut bekommen, usw… die prekäre soziale Lage der Studierenden ist, wie von anderen Bevölkerungsgruppen, politisch hergestellt. Die Ansage „Streng dich an, dann wartet nach dem Studium soziale Sicherheit!“ soll uns zur Anpassung erziehen. Doch Gegenwart und Zukunft werden nur dann weniger prekär, wenn wir uns dafür solidarisch einsetzen: Wir kämpfen für ein elternunabhängiges Studienhonorar für alle, weil Studieren gesellschaftlich notwendige Tätigkeit ist bzw. zu einer werden muss. Wir wirken für den Ausbau des Studierendenwerks, für besseren und günstigen Wohnraum für alle, als auch insgesamt für einen Ausbau der öffentlichen Daseinsvorsorge statt Schuldenbremsen-Politik.

Raus aus der Vereinzelung: Bewegung für eine „Welt des Friedens und der Freiheit“!

Im Schwur von Buchenwald haben befreite KZ-Gefangene als Konsequenz aus der Befreiung vom deutschen Faschismus die „Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln“ und den „Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit“ als Losung ausgegeben, die bis heute nicht eingelöst ist.Wissenschaft muss sich also heute am Aufbau einer denazifizierten, demilitarisierten, demokratisierten und (politisch sowie wirtschaftlich) dezentralisierten Gesellschaft beteiligen, wie es damals im Potsdamer Abkommen der Alliierten 1945 gefasst wurde. Damit nehmen wir auch den Kampf gegen die heutige Rechte à la Trump, AfD und Le Pen auf, dieden neoliberalen Kapitalismus retten wollen und dafür Sündenböcke suchen. Statt nach oben zu buckeln und nach unten zu treten, lassen wir uns nicht spalten und vereinzeln. An der Hochschule heißt das auch tägliches Engagement für Friedenswissenschaft als Leitwissenschaft und für die Einführung einer Zivilklausel im Hamburgischen Hochschulgesetz!

So kämpfen wir um nichts Geringeres als eine zivile und soziale Welt. Studium, Wissenschaft und Uni müssen wir dafür demokratisieren, gesellschaftsverantwortlich orientieren und bedarfsgemäß öffentlich finanzieren. Als SDS* engagieren wir uns dafür in sozialpolitischen und antifaschistischen Bündnissen, im Bundesverband dielinke.SDS, Fakultätsräten, Fachschaftsräten, StuPa und AStA.

 

Dez 022016
 

Die Wahl zum Studierendenparlament steht wieder an! Ab dem 8. Dezember sind alle Briefwahlunterlagen versendet, die bis zum 02.01.17 eingegangen sein müssen. Urnenwahl findet vom 16.01.17 bis 20.01.17 statt.

Unser Wahlkampfmotto dieses Jahr lautet “Raus aus der Entfremdung – Wir müssen unser Ändern leben!”:

Raus aus der Leistungspunktejagd: Kritische Wissenschaft! // Raus aus der Verzweiflung: Sozialrevolutionäre Realpolitik! // Raus aus der Vereinzelung: Bewegung für eine „Welt des Friedens und der Freiheit“!

Daher kann man sagen, dass jeder in dem Maße selbst anders wird, sich verändert, in dem er die Gesamtheit der Verhältnisse, deren Verknüpfungszentrum er ist, anders werden lässt und verändert. In diesem Sinn ist und kann der wirkliche Philosoph nicht anders sein als der Politiker, das heißt der tätige Mensch, der die Umwelt verändert, wobei unter Umwelt das Ensemble der Verhältnisse zu verstehen ist, die jeder einzelne eingeht. Sich seine Persönlichkeit bilden heißt dann, wenn die eigene Individualität das Ensemble dieser Verhältnisse ist, ein Bewusstsein dieser Verhältnisse gewinnen, die eigene Persönlichkeit verändern heißt das Ensemble dieser Verhältnisse ändern“ (Antonio Gramsci)

Hier findet ihr unsere kleine Listendarstellung. Eine Übersicht über alle Listen gibt es hier.

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Aug 262016
 
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Quelle: herbert-schui.de

Am Sonntag, den 14. August 2016, starb mit Herbert Schui ein Gigant emanzipatorischer Theorie und Praxis im Alter von 76 Jahren. Er hinterlässt uns riesengroße Fußstapfen. Als Sozialistisch-demokratischer Studierendenverband (SDS*) an der Universität Hamburg durften wir ihn vor allem in seinen Schriften, Aktivitäten in der Partei und einer gemeinsamen Veranstaltung zur Aufklärung über die AfD kennen lernen. Wir haben unheimlich viel von Herberts eingreifendem Denken, seiner Lebensfreude und seinem egalitären Charakter gelernt und möchten ihn mit folgendem Beitrag würdigen. Wir schließen uns der Aussage seines langjährigen Mitstreiters Rudolf Hickel an, der in seinem Nachruf endete, der „Tod sollte zum Anlass genommen werden, sein Werk zu studieren. Dann könnte die Lücke, die er hinterlässt, kleiner werden.i In diesem Sinne möchten wir einige Schlaglichter auf Herberts Werk werfen.

Der Genosse „Professor“, wie er in Gewerkschafts- und Parteikreisen genannt wurde, promovierte 1972 in Konstanz, wirkte ab 1974 in Bremen als Teil des Trios Schui/Huffschmid/Hickel, aus dessen Kreis die Initiative zur Gründung des Memorandums für Alternative Wirtschaftspolitik kam, und prägte von 1980 bis zu seiner Pensionierung 2005 die marxistisch-keynesianistische Wirtschaftswissenschaft an der gewerkschaftsnahen Hochschule für Wirtschaft und Politik (HWP) in Hamburg. Herbert war SPD-Mitglied bis zu Schröders Agenda-Politik, dann Gründungsmitglied von Wahlalternative Soziale Gerechtigkeit (WASG) und LINKE, für die er von 2005 bis 2010 als wirtschaftspolitischer Sprecher im Bundestag saß.

Kapitalismuskritik auf den Punkt

25214005zWährend im Frühjahr 1991 der Westen sich siegestrunken am Kapitalismus berauscht bzw. die Linke sich großenteils resigniert ins Private und/oder Reaktionäre zurückzieht, veröffentlicht Herbert eine „in knapper und für einen breiten Leserkreis verständlicher Form“ verfasste Schrift zur Einführung in die Kapitalismuskritik und konstatiert – wohlgemerkt noch als SPD-Mitglied – im Vorwort, dass es unverändert genügend Stoff gebe, „um auf die Grundprobleme des Kapitalismus aufmerksam zu machen und dafür zu werben, allgemeine Lösungen für diese Fragen zu suchen – in einem modifizierten Kapitalismus oder in seiner Überwindung.“ii

Aufklärung über die militante Gegenaufklärung des Neoliberalismus

Mit Leidenschaft kämpft er für eine Welt der sozialen Gleichheit, Solidarität, Wahrheit, Klugheit und des menschenfreundlichen Humors. Das macht ihm den Neoliberalismus inklusive dessen Protagonist*innen zum Feind. Die Theorie und Praxis des Neoliberalismus zu entlarven zieht sich wie ein roter Faden durch sein handelndes Denken. Herbert begreift den Neoliberalismus als „militante Gegenaufklärung: Die Menschen sollen ihre Lage nicht durch vermehrtes Wissen in einer kollektiven, bewussten Anstrengung in den Griff bekommen. Denn dies würde mit der Herrschaft aufräumen, die der Neoliberalismus mit all seinen Kunstgriffen zu legitimieren sucht.“iiiVoll humanistisch begründetem Ekel wendet er sich gegen die neoliberale Konterrevolution, welche versucht, alle Beziehungen, die Menschen zueinander eingehen können, auf den Tausch, auf ein reines Benutzungsverhältnis zur Maximierung des eigenen Vorteils zu reduzieren und damit den Egoismus zum Gesellschaftsprinzip erheben möchte. Ohne sich in abstrakte Theoriewelten zu flüchten oder sich in der schaurigen Ideenwelt der Neoliberalen zu verlieren, die er mit fundiertem Kenntnisreichtum regelmäßig während seinen Vorträgen in einer Zitate-Schlacht zum Einsturz bringt, behält er stets die soziale Funktion des Neoliberalismus im Blick: die Festigung des Kapitalismus und seiner Machtverteilung.

Kapitalismus und Faschismus Hand in Hand: Nur in Einheit wirken Kritik und Alternativen

21Z9W9NRPZL._BO1,204,203,200_Zum Erreichen dieser Funktion haben die Marktfetischist*innen auch seit jeher keine Berührungsängste mit extrem rechter Ideologie und Praxis. Angefangen bei Ludwig von Mises, dem Lehrer Hayeks, der 1927 den Faschismus als „Notbehelf des Augenblicks“ gelobt hatte, der „voll von den besten Absichten [...] für den Augenblick die europäische Gesittung gerettet“ivhabe, bis hin zu ideologischen Gemeinsamkeiten wie „Auslese der Stärkeren, kulturell determinierter Rassismus, Leistungsethos, Gewerkschafts- und Demokratiefeindlichkeit, Autoritarismus.“v Jenseits des gegenseitigen Lobes und der ideologischen Gemeinsamkeiten von Neoliberalismus und extremer Rechten zeigen Herbert Schui et al. vor allem die Symbiose auf, die beide Seiten eingehen. In seinem Buch „Wollt ihr den totalen Markt?“, das er mit gewerkschaftlich organisierten Studenten an der HWP 1997 verfasste, analysiert er die Wahlprogramme der extremen Rechten in Deutschland (Republikaner, DVU, NPD, BfB), Österreich (FPÖ) und Frankreich (Front National) und weist nach: „Die extreme Rechte unternimmt in ihren Programmen, Heimat und Nation mit radikalem Markt und ungehindertem Wettbewerb zu verbinden. Die soziale Sicherheit des Wohlfahrtsstaates soll durch das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Volks- und Kulturgemeinschaft ersetzt werden. Faschistische Gemeinschaftsideologie – wenngleich stark geläutert und sprachlich modernisiert – dient also dazu, die materielle Sicherheit durch überhöhte Geborgenheitsgefühle ersetzen zu wollen.“vi

Damit liefert er viele Jahre vor dem Entstehen der AfD das theoretische Rüstzeug zu dem Verständnis ihrer als gefährlichem Bindeglied zwischen neoliberalem Kapitalismus und der extremen Rechten. Dies ermutigt uns als Hochschulgruppe, offensiv diese Partei als Folge der neoliberalen Agenda-Politik und deren Legitimationskrise sowie den Versuch der Systemerhaltung anzugreifen. Folglich kann der Kampf gegen sie auch nur wirksam im Entwickeln einer Perspektive sein, die auf die demokratische Gestaltung unserer Lebensmöglichkeiten, soziale Sicherheit und gemeinwohlorientierte Sinnstiftung gerichtet ist.

Kritische Wissenschaft und emanzipatorische Bildung gegen die Verschleierung durch Mythen

Schui_Politische_MythenIn Herberts letztem Buch kulminiert er im Jahr 2014 seine bisherigen Arbeiten zu wirtschaftswissenschaftlicher Verschleierungstaktik des Klassenkonfliktes und der Verbindung von neoliberal/rechts in dem Titel „Politische Mythen und elitäre Menschenfeindlichkeit“. Politische Mythen bestimmt er als Ablenkung von der Wirklichkeit bzw. als Suggestion von Alternativlosigkeit, die zur Unterwerfung unter eine als naturgesetzlich und damit als nicht zu ändern vorgefundene Welt führen sollen. Davon ausgehend widerlegt er auf bissig-ironische und ökonomisch-kenntnisreiche Weise die Mythen vom Leistungsträger, der Staatsverschuldung, von Markt und Wettbewerb, Export, Demographie und Wirtschaftswunder. Immer mit dem Anliegen, durch Rationalisierung die bestehenden Verhältnisse als sozial und geschichtlich gemachte aufzuzeigen und damit Handlungsfähigkeit zu gewinnen, sie im Sinne des allgemeinen Wohls zu gestalten: „Der Mythos wendet sich gegen ein wissenschaftliches Weltbild, das ja einschließt, die Wirklichkeit ändern zu wollen, statt sich mit ihr passiv abzufinden. An seine Stelle soll ein magisches Weltbild treten, bei dem allgemeingültige Regeln von Ursache und Wirkung ignoriert werden.“viiIm letzten Kapitel des Buches widmet er sich dem Zusammenhang von Bildung und Opposition als Lösungsperspektive. Er wendet sich gegen anerzogene Dummheit und Halbbildung, die – in seinen Worten – bei jemandem zum Ausdruck kommt, wenn er „es etwa mit einiger Mühe dazu gebracht hat, ein ergriffenes Gesicht zu ziehen, wenn er klassische Musik hört.“viii Herbert zitiert Alexander Mitscherlich mit dem Satz: „Der gebildete ist als ein Mensch zu charakterisieren, der seine jugendliche Ansprechbarkeit auf Neues und Unbekanntes behalten hat. Er ist auf der Suche nach Wissen und nach den Methoden, Erfahrung zu prüfen.“ix Daran anschließend endet er das Buch: „Weil diese Bildung Klarheit schafft über diejenigen Ursachen der eigenen Lage, gegen die die Einzelnen durch individuelles Handeln nichts ausrichten können, schafft diese Bildung ein gemeinschaftliches Bewusstsein. Das wäre der Anfang einer Veränderung.“x In diesem Sinne ist Herbert ein umfassend gebildeter Mensch, ewig Neugieriger und ein organischer Intellektueller der Arbeiterbewegung. Letzteren kennzeichnet, laut Gramsci, die „elementaren Leidenschaften des Volkes zu fühlen […] und sie mit einer höheren, wissenschaftlich und kohärent ausgearbeiteten Weltauffassung, dem ‘Wissen’“ zu verknüpfen.xi Diese Bedeutung von aufklärerischer Wissenschaft als organischer Teil von gesellschaftlicher und je subjektiver Emanzipation möchten wir uns immer wieder neu zur Leitlinie unseres (hochschul)politischen Handelns machen.

Eingreifendes Denken gegen jeden Opportunismus: Opposition macht Spaß!

Herbert engagiert sich in letzter Zeit in Vortragsreisen, der Kandidatur zum Stadtrat im niedersächsischen Buchholz i.d. Nordheide und der Redaktion der Zeitschrift „Debatte“ der Hamburger LINKEN.

In dem letzten auf seiner Internetseite www.herbert-schui.de veröffentlichten Text wendet er sich gegen den Opportunismus und Antikommunismus des (Partei)Establishments und den Wunsch, beim Elitekartell mitregieren zu dürfen: „Die Partei ist in einem Dilemma. Sie kann versuchen, den Kommunismus-Vorwurf los zu werden, indem sie versucht, mitzuregieren. (Ähnlich hat Wehners Strategie für die SPD im Gefolge des Godesberger Programms ausgesehen.) Dann aber wird sie wahrscheinlich nicht über ihre gegenwärtigen Wahlergebnisse hinauskommen, eben weil sie nicht mehr [...] als echte Opposition wahrgenommen wird. Will sich die Partei dagegen als grundlegende Opposition verstehen, setzt sie sich dem Kommunismus-Vorwurf aus.“xii

In diesem „Dilemma“ hat Herbert immer Position ergriffen, wenn er in seinen Vorträgen mit verschmitzem Lächeln, mit kölschem Dialekt und in ohrenbetäubender Lautstärke ausrief: „Opposition macht Spaß!“ Seine unbändige Freude an der Kritik und dem Verlachen der Herrschenden und der herrschenden Denkweise können wir aufgreifen!

Die Aufzeichnung eines Vortrages von Herbert Schui zum Thema „Neoliberalismus, extreme Rechte und die AfD“, den er im Januar 2015 auf einer Veranstaltung vom SDS* und der Liste Links an der Uni Hamburg hielt, findet ihr hier

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i Rudolf Hickel, Ein brillanter Kapitalismuskritiker; http://www.fr-online.de/wirtschaft/herbert-schui-ein-brillanter-kapitalismuskritiker,1472780,34645070.html, abgerufen am 20. August 2016.
ii Herbert Schui, Ökonomische Grundprobleme des entwickelten Kapitalismus, Heilbronn 1991. S. 7.
iii Ders., Rechtsextremismus und totaler Markt: Auf der Suche nach gesellschaftlicher Klebmasse für den entfesselten Kapitalismus; in: Peter Bathke/Susanne Spindler (Hg.), Neoliberalismus und Rechtsextremismus in Europa, Berlin 2006, S. 48-59. S. 54.
iv Ludwig von Mises, Liberalismus, Jena 1927. S. 45.
v Herbert Schui/Ralf Ptak/Stephanie Blankenburg/Günter Bachmann/Dirk Kotzur, Wollt ihr den totalen Markt? Der Neoliberalismus und die extreme Rechte, München 1997. S. 125.
vi Ebd.: S. 16.
vii Herbert Schui, Politische Mythen und elitäre Menschenfeindlichkeit. Halten Ruhe und Ordnung die Gesellschaft zusammen? Hamburg 2014. S. 10.
viii Ebd., S. 122.
ix Ebd.
x Ebd., S. 123.
xi Antonio Grasmci, Gefängnishefte, Bd. 6. Hgg. v. Klaus Bochman/Wolfgang Fritz Haug, Hamburg 1994[1929ff.]. S. 1490.
xii Herbert Schui, Desinteresse auf beiden Seiten – Die Unionsparteien haben erlaubt, AfD zu wählen, http://www.herbert-schui.de/desinteresse-auf-beiden-seiten/, abgerufen am 20. August 2016.
Jun 042016
 

10501664_1004120552976282_3995752583328387005_nMontag, 27. Juni um 18 Uhr (c.t.) im Raum S 08 im Fachbereich Sozialökonomie (ehem. HWP, VMP 9)

»Ganz gleich, wen Sie zum Präsidenten wählen werden, diese Person wird nicht in der Lage sein, die enormen Probleme, mit denen die arbeitenden Familien in diesem Land zu tun haben, zu lösen. Sie wird keinen Erfolg haben, weil die Macht des Konzerne-Amerikas, die Macht der Wall Street, die Macht der Kampagnenfinanciers so riesig ist, dass kein Präsident alleine gegen sie etwas ausrichten kann. […] Es geht nicht darum, Bernie Sanders zum Präsidenten zu wählen; es geht stattdessen darum, eine politische Graswurzelbewegung in diesem Land auf die Beine zu stellen.« (Bernie Sanders, August 2015)

Gegen die Macht der Konzerne, das politische Establishment und deren unheilige Allianz tritt Bernie Sanders – einziger unabhängiger Senator im US-Kongress – an für die Realisierung des Rechts auf gebührenfreie Bildung, öffentliche Gesundheitsversorgung und soziale Sicherheit. Mit dieser Orientierung hat die Sanders-Bewegung von 48 Vorwahlen bisher 21 gewonnen (drei unentschieden), Zusammenkünfte mit häufig zehntausenden Menschen begeistert und sämtliche Rekorde gebrochen, was das Sammeln von Klein-Spenden angeht. Im direkten Vergleich zu Trump erzielt Bernie Sanders mittlerweile einen dreimal größeren Vorsprung als Clinton gegenüber Trump. Damit ist die Bewegung um Bernie Sanders ein „Vorbote und Zeichen dafür, dass der Verdruss über die »marktkonforme Demokratie« so groß geworden ist, dass die Linke mit einer klaren antineoliberalen Botschaft wieder politische Mehrheiten gewinnen kann – und zwar eben nicht nur unter schwierigsten Bedingungen des gesellschaftlichen Zerfalls in der (Euro-)Peripherie (Griechenland), sondern mittlerweile auch wieder in den Zentren.“ (Ingar Solty im Neuen Deutschland vom 6.4.16)

Auch in der BRD ist der Verdruss über die marktkonforme Demokratie – ein Begriff den Angela Merkel geprägt hat – enorm groß; Resignation, Abstiegs- und Zukunftsängste steigen. Grund dafür sind Jahrzehnte von Lohn- und Rentenkürzung, hartz-IV und der Vermarktlichung sozialer Lebenswelten durch das neoliberale Projekt von CDU/CSU/FDP/SPD/GRÜNE. Um die Deutung und Gestaltung dieser sozialen Realität wird aktuell weltweit heftig gerungen. Ob Donald Trump in den USA, die FPÖ in Österreich oder die AfD in Deutschland: sie alle inszenieren sich als „Establishment-Schreck“, um die von Abstiegsängsten erfasste Mittelschicht und von den etablierten Parteien verratenen popularen Klassen für ein sozialdarwinistisches, rassistisches und kulturell spießiges Projekt zu gewinnen, das die herrschenden Verhältnisse retten soll.

Auf der linken Seite und dem entgegen verkörpert die Bewegung um Bernie Sanders, der sich selbst als ‘demokratischer Sozialist’ begreift, eine politische Kraft, die der grassierenden gesellschaftlichen Ohnmacht und sozialen Ungleichheit kollektive Selbstermächtigung und Solidarität entgegensetzt. Beispielsweise unter dem Motto „Education is a right, not a privilege!“ wird für soziale Grundrechte statt Marktorganisation auf einen kollektiv-solidarischen Weg der Erlangung von politischer und sozialer Handlungsfähigkeit gesetzt.

Grundpfeiler des Programms sind gebührenfreie Bildung, flächendeckender Mindestlohn von 15 $, öffentliche Gesundheitsversorgung, Zerschlagung der großen Banken, massive Besteuerung des Reichtums, 1 Billion US-$ Investitionen in die öffentliche Infrastruktur, öffentliche Wahlkampffinanzierung und schnelle Wege zur Staatsbürgerschaft für die Millionen illegalisierten ImmigrantInnen.

Was können wir hier in Deutschland von Bernie Sanders lernen, bspw. über neuen Mut zum Konflikt mit dem Establishment oder dem Umgang mit der veröffentlichten Meinung? Was lässt sich übertragen, was nicht? Und vor allem: was muss die Strategie der Linken in Hamburg und bundesweit sein? Zur Diskussion dieser Fragen haben wir Ingar Solty, Politikwissenschaftler und langjähriger Beobachter US-amerikanischer Politik, für einen Input und anschließende Diskussion eingeladen.

Ingar Solty ist Wiss. Mitarbeiter am Fachbereich Politikwissenschaft der York University in Toronto und Referent für Friedens- und Sicherheitspolitik bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Letzte Buchveröffentlichung: ‘Die USA unter Obama: Charismatische Herrschaft, soziale Bewegungen und imperiale Politik in der globalen Krise’ (2013)

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